Porsche-Produktionsvorstand Albrecht Reimold

Albrecht Reimold: "Teilweise haben wir Firmen unterstützt, manchmal konnten wir nicht helfen." Bild: Porsche

| von Werner Beutnagel

Herr Reimold, seit gut einem Monat produziert Porsche wieder Sportwagen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Sechs Wochen lang nicht produzieren zu können, war ein harter Schlag. Wir hatten die Produktion am 21. März zunächst nur für zwei Wochen ausgesetzt; die Engpässe bei globalen Lieferketten haben allerdings einen geordneten Wiederanlauf nicht zugelassen. Als dies Anfang Mai wieder möglich war, herrschte große Erleichterung. Seitdem haben wir die Produktion Schritt für Schritt hochgefahren. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr motiviert. Die Stimmung ist hervorragend – trotz oder gerade wegen der besonderen Vorkehrungen und Hygienemaßnahmen. Viele haben mir persönlich gesagt, dass sie glücklich sind, wieder hier zu sein.

Wie viele Mitarbeiter haben während der Zwangspause in der Produktion nicht gearbeitet?

In Summe war etwa ein Drittel der Porsche-Belegschaft betroffen. Nicht alle waren in Kurzarbeit. Wir haben auch Arbeitszeitkonten und Resturlaub abgebaut. In Zuffenhausen waren mehr als 7.000 Mitarbeiter aus dem Produktionsbereich zuhause. Im Leipziger Werk betraf die produktionsfreie Zeit mehr als 3.000 Mitarbeiter. Seit Mai haben wir in der Produktion keine Kurzarbeit mehr angemeldet. Wir fahren die Produktion hoch, bauen wieder Sportwagen und leisten unseren Beitrag, die Wirtschaft in Deutschland wieder anzukurbeln. Wir müssen wieder Erträge generieren, um unsere Zukunftsfähigkeit zu sichern.

Gab es beim Anlauf Unterschiede zwischen den Werken in Stuttgart und in Leipzig?

Konzeptionell lief alles gleich. Terminlich wurde der Wiederanlauf detailliert gewerkspezifisch zwischen Produktion, Beschaffung und unseren Lieferanten abgestimmt. Anfang Mai liefen dann in unseren Werken wieder Sportwagen vom Band. Die Produktion des Cayenne im VW-Werk in Bratislava ist bereits zwei Wochen früher wiederangelaufen – allerdings in einer geringeren Stückzahl, um die Lieferketten nicht gleich zu Beginn übermäßig zu strapazieren und erneut Engpässe bei der Versorgung mit Teilen zu provozieren.

Der europäische Automobilverband ACEA hatte gefordert, dass die Automobilproduktion in Europa gleichzeitig hochgefahren werden solle, weil nur so Engpässe vermieden werden können. Letztlich machte jedes Land mehr oder weniger sein eigenes Ding…

Die Pandemie hat jedes Land unterschiedlich stark getroffen. Auch in Deutschland ist der Süden stärker betroffen als der Norden. Eine abgestimmte Vorgehensweise in Europa wäre natürlich wünschenswert gewesen. Die Voraussetzungen dafür waren aber nicht gegeben. Für uns bedeutete das etwas mehr Planungsaufwand, weil wir uns mit den einzelnen Lieferanten in Frankreich, Spanien oder Italien abstimmen mussten. Unterschiedliche Ausprägungen erfordern unterschiedliche Maßnahmen.

Hat Porsche Lieferanten finanziell stützen müssen, weil denen das Geld ausgegangen ist?

Ja, auch das gibt es. Bei Porsche pflegen wir kooperative Partnerschaften. Da erfährt man sehr schnell von einer finanziellen Notlage und dann steht man auch zusammen – wie in einer Familie. Mein Vorstandskollege Uwe-Karsten Städter, der die Beschaffung leitet, ist mit unseren Lieferanten stetig im Austausch. Teilweise haben wir Firmen unterstützt, manchmal konnten wir nicht helfen. Letzteres betraf aber nicht Hersteller von Bauteilen, sondern Lieferanten von Fertigungsanlagen. Beides stellt uns vor große Herausforderungen.

Bis wann wollen Sie wieder Ihr normales Produktionsniveau erreicht haben?

In den vergangenen Wochen haben wir die Produktion kontinuierlich hochgefahren. Und nach nicht einmal vier Wochen haben wir das hohe Niveau und die reguläre Auslastung wieder erreicht. Stellenweise sind wir sogar ein bisschen besser unterwegs als vor dem Produktionsstopp. Das war ein unglaublicher Kraftakt und eine tolle Mannschaftsleistung. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen für ihren Einsatz. Das war keine Selbstverständlichkeit. Gemeinsam haben wir einmal mehr bewiesen, was die Porsche-Familie im Stande ist zu leisten, wenn alle an einem Strang ziehen.

Die Mitarbeiter müssen nun Mundschutz tragen. Es gibt weitere umfangreiche Vorgaben zum Schutz der Gesundheit. Wie kommen die Mitarbeiter damit klar?

Bei Porsche steht der Mensch im Mittelpunkt. Wir haben daher den kompletten Arbeitstag beleuchtet – den Weg zur Arbeit, das Betreten des Werks, die Arbeit selbst, die Pausen, den sicheren Nachhauseweg. Allein für den Produktionsbereich gibt es dafür ein mehr als 60-seitiges Handbuch. Bislang sind unsere Erfahrungen sehr gut und das Verhalten ist überwiegend vorbildlich. Wenn es Sorgen seitens der Belegschaft gibt, schauen wir uns das an und bessern gegebenenfalls nach.

Wie stellen Sie sicher, dass niemand krank zur Arbeit kommt?

Bei uns gibt es kein Fiebermessen am Werkstor. Wir appellieren an ein gegenseitiges, vertrauensvolles Aufeinander-Achtgeben. Alle Mitarbeiter erhalten Verhaltensrichtlinien, die das Miteinander regeln. Darin steht, was zu tun ist, wenn man sich morgens schlecht fühlt oder bestimmte Symptome auftreten. In dem Fall: zuhause bleiben. Aus unserer Sicht ist das der bessere Weg, er hat sich in den vergangenen Wochen als richtig erwiesen.

Inwiefern ist der Anlauf der Produktion beeinträchtigt, weil Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt oder in Quarantäne sind, weil sie Kontakt mit Erkrankten hatten?

Direkt nach dem Auftreten in China haben wir einen interdisziplinären Expertenkreis gegründet und uns von Anfang an schnell gekümmert. In der Hochphase gab es auch bei Porsche einige wenige Corona-Erkrankte; einen schweren Verlauf hatte bisher zum Glück niemand. Aktuell sind nahezu alle wieder gesund.

Virologen warnen davor, dass im Herbst eine weitere Corona-Welle kommen könnte. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Entscheidend ist das eigene Verhalten. Wenn sich alle Menschen an die grundlegenden Schutzmaßnahmen halten – Abstand halten, hygienisch husten und niesen, regelmäßig Hände waschen –, dann ist das Virus nach Einschätzung der Experten beherrschbar. Wenn wir undiszipliniert und leichtsinnig sind, könnte es eine zweite Welle geben. Innerhalb unserer Werkstore haben wir umfangreiche Maßnahmen und Regeln erarbeitet, wie wir das verhindern.

Wirtschaftlich wird das Gesamtjahr maßgeblich davon abhängen, ob die Kunden zurückkehren oder in der Krise lieber auf den Kauf eines neuen Autos verzichten.

Unser Fundament ist hervorragend. In den letzten Jahren haben wir stark an der Erweiterung des Produktportfolios gearbeitet. Unser erster rein elektrisch betriebener Sportwagen, der Porsche Taycan, ist ‚Auto des Jahres‘ geworden. Die Auftragsbestände sind gut. Besonders freut uns, dass kein Kunde in den vergangenen Wochen vom Kauf zurückgetreten ist. Die Lage ist jedoch weltweit extrem unterschiedlich. Das Geschäft auf unserem größten Markt China ist wieder erfreulich gut angelaufen. Die Nachfrage gibt uns Hoffnung. Für Prognosen ist es jedoch noch zu früh. Aus heutiger Sicht sind wir optimistisch und trauen uns zu, im zweiten Halbjahr noch mehr Schwung zu bekommen.

Sie sagen, kein Käufer sei abgesprungen, aber trotzdem konnten Sie jetzt sechs Wochen lang keine Wagen produzieren. Sind Sie flexibel genug, um den Ausfall bis zum Jahresende wieder aufzuholen?

Ich wäre kein guter Produktionschef, wenn ich nicht alle Hebel in Bewegung setzen würde, um so viel wie möglich wieder aufholen zu können. Konkret bedeutet das, dass wir alle Möglichkeiten der Arbeitsorganisation nutzen, um möglichst viele Fahrzeuge zu produzieren. Schritt eins war, dass wir innerhalb kürzester Zeit die Produktion wieder auf unser Normalniveau hochgefahren haben. Im zweiten Schritt haben wir gemeinsam mit dem Betriebsrat weitere Sondermaßnahmen wie beispielsweise zusätzliche Schichten an einzelnen Samstage vereinbart.

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