Lang, Exklusiv-Interview, BCG

Nikolaus Lang, Managing Director BCG: "In Deutschland fehlt ein klarer Masterplan - wir sprechen dabei von der 'Roadmap to autonomous Driving'."Bild: Boston Consulting Group

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Lang, Sie erstellen jedes Jahr zusammen mit dem World Economic Forum (WEF) eine Studie. Die letzte Studie erkundet, was die Konsumenten vom autonomen Fahren halten. Was kam heraus?
Es ist die weltweit größte Verbraucherumfrage, die es zum Thema autonomes Fahren bisher gibt: Wir haben im dritten und vierten Quartal 2015 mit 5.000 Endverbrauchern und mit 50 Kommunalpolitikern gesprochen und diskutiert, wie die Mobilität der Zukunft aussieht. Es waren zum Teil Tiefeninterviews von bis zu vier Stunden. Das Ergebnis: Wir sehen einen starken Antrieb von beiden Seiten – von den Endkonsumenten sowie den Städten. Die Verbraucher wünschen sich autonomes Fahren als die ultimative Komfortlösung urbaner Mobilität. Die Städte hoffen auf weniger Staus, mehr Freiflächen und geringere Emissionen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: BCG und das WEF haben eine Piloten-Stadt auserkoren: Boston, USA. Was plant die Stadt?
Das WEF und BCG haben nach einer geeigneten Stadt gesucht, um ein Pilotprojekt durchzuführen: Im Mai dieses Jahres wurde die Stadt Boston im Rahmen eines globalen Städtewettbewerbs ausgewählt, um den "Transportation Plan 2030/2040" umzusetzen. Unmittelbares Ziel dieses Plans ist es, im kommenden Jahr autonome Fahrzeuge in Teilen der Stadt zu pilotieren. Für Boston sprachen die Präsenz vieler Technologie-Start-ups und Universitäten, das starke Engagement der Stadtverwaltung sowie die Infrastruktur, die eine gute Mischung aus europäischen und amerikanischen Charakteristika aufweist. Das außerordentliche Engagement der Stadt Boston zeigte sich auch in mehreren Workshops, die wir mit Bürgermeister Walsh und seinem Team hatten. Für Boston hat das Thema erste Priorität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Es gibt nach Ihren Aussagen schon mehrere Städte, die das Thema mit hohen Investitionen ebenfalls angehen. Aber in Deutschland immer noch Fehlanzeige?
Wir testen in Deutschland das autonome Fahren auf ausgewählten Autobahnen, zum Beispiel auf der A9 Richtung Nürnberg. Aber Sie haben Recht, in Deutschland ist das nach wie vor ein Thema, das man eher auf der Langstrecke sieht und weniger in Städten. Die Stadt Karlsruhe hat ein Projekt angekündigt, aber der Reifegrad ist bei Projekten außerhalb Deutschlands viel höher, und die Investitionsbereitschaft ist größer. Die Stadt Dubai will 25 Prozent ihres Verkehrs autonom gestalten und in den nächsten zwei Jahren 200 Millionen Dollar investieren. Die Stadt Singapur hat sich für 2020 bis 2022 vorgenommen, autonome Fahrzeuge zwischen dem Changi-Airport und dem Business-District zu etablieren. Göteborg lässt ab kommendem Januar 100 Volvos auf einer Ringstraße autonom fahren. Ja, Deutschland hinkt den internationalen Projekten hinterher.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie erklären Sie sich, dass Deutschland so wenig Interesse zeigt?
Auf die Frage "Sind Sie bereit, in ein vollautonomes Fahrzeug einzusteigen?" haben 58 Prozent der 5.000 Endkonsumenten mit Ja geantwortet. Bei einem teilweise autonomen Fahrzeug mit Lenkrad, über das man die Kontrolle wieder übernehmen kann, waren es sogar 69 Prozent – weltweit. In Deutschland ist diese Zahl im Schnitt um 20 Prozentpunkte niedriger, in China dagegen durchschnittlich 20 Prozentpunkte höher.