BMW Einkaufschef Markus Duesmann

Markus Duesmann, BMW-Einkaufschef: "Ich sehe keinen Vorteil, im Bereich Batteriezellen zu kooperieren. Wir machen das beim Verbrenner ja auch nicht." Bild: Rainer Häckl/BMW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welches Einkaufsvolumen sind Sie verantwortlich?
Das Einkaufsvolumen der BMW Group ist in den letzten Jahren mit unserem Umsatz stetig gewachsen. 2017 haben wir fast 60 Milliarden Euro für Waren und Dienstleistungen ausgegeben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben angekündigt, sich im Einkauf neu aufzustellen und auch neue Prozesse zu etablieren. Was genau ist geplant?
Wir stellen uns in der Tat neu auf und haben die Einkaufsorganisation den aktuellen Anforderungen angepasst. Beispiel Digitalisierung: Es gibt jetzt in meinem Ressort einen Bereich, in dem die damit zusammenhängenden Themen gebündelt sind. Das ist sinnvoll, weil es zum Beispiel früher im Auto ein paar wenige Steuergeräte mit darauf installierter Software gab, dann gab es separate Rechner und dann noch ein Rechenzentrum. Für den Einkauf dieser Produkte waren völlig unterschiedliche Bereiche zuständig. Das moderne Auto kommuniziert aber schon heute und zukünftig noch viel mehr ständig mit unserem Backend. Die Übergänge sind fließend. Wir haben heute 8,5 Millionen vernetzte Autos auf der Straße – dadurch verschwimmen Software und Hardware sowohl im Auto selbst, wie auch zwischen Auto und unseren Rechenzentren miteinander. Da ist es nur konsequent, wenn wir auch den Einkauf von On- und Offboard Hard- und Software mit einer Einheit aufstellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wollen Sie auch Ihre Zulieferer neu strukturieren?
Da brauchen gute Zulieferer keine Nachhilfe von uns. Die wissen selbst, dass sie sich auch verändern müssen. Wir schauen bei jeder Vergabe, welche Innovationen es gibt und welche Zulieferer verfügbar sind. Wir achten natürlich auch darauf, dass wir einen Wettbewerb unter den Zulieferern haben, der dann zum bestmöglichen Ergebnis führt. Da bleibt es nicht aus, dass sich die Zuliefererwelt verändert – in vielen Fällen wahrscheinlich fast noch stärker als wir als OEM. Manche Unternehmen in diesem Sektor sind noch komplett vom Verbrennungsmotor abhängig. Bei denen ändert sich womöglich in den nächsten zwanzig Jahren das komplette Geschäftsmodell.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie hat denn die Digitalisierung Ihre Erwartungshaltung gegenüber den Zulieferern geändert?
Unser Ziel ist es natürlich, Steuergeräte und Software unabhängiger voneinander zu machen. Das heißt, dass wir mehr und mehr Software auch unabhängig von der Hardware einkaufen. Die Prozesse ändern sich dadurch. Denn Software ist plötzlich ein separates Produkt, das wir einkaufen. Da hinterlegen wir geeignete Qualitätsprozesse, die höchste Standards sicherstellen. Inzwischen haben wir neue Qualitätsmanagementsysteme für Software. Hinzu kommt, dass durch Start-ups und neue Technologien auch neue Unternehmen ins Spiel kommen, die einen neuen Umgang erfordern. Die entscheidenden Fragen sind hier: Wie bringe ich die Idee eines Startups als Innovation in unsere Autos? Dafür brauchen wir wiederum einen Tier1. Wer ist das dann?

AUTOMOBIL PRODUKTION: Angeblich drängen etwa 30.000 Start-ups weltweit in das Mobilitätsgeschäft hinein. Wie findet man da als Einkäufer die Richtigen?
Da gibt es zum Beispiel unsere Investmentgesellschaft „BMW i ventures“. Sie verfügt über einen venture Fond mit einer Kapitalausstattung in Höhe von bis zu 500 Millionen Euro über eine Laufzeit von zehn Jahren. Mit einem deutlich erweiterten Themenfokus auf Bereiche wie automatisiertes Fahren, Fahrzeugtechnologie, Shared- und On-demand Mobility, Elektromobilität, Industrie 4.0 und Digitalisierung sichern wir uns so den Zugang zu Zukunftstechnologien. Es ist nicht leicht zu eruieren, wie viel Substanz hinter so mancher Idee steckt. Wir arbeiten mit vielen Start-ups zusammen – ich glaube, es wird hier eine Konsolidierung geben, weil nur einige wenige weiterkommen. Und für die brauchen wir dann einen Zulieferer, der in der Lage ist, eine Innovation zu industrialisieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie kennen wahrscheinlich das Projekt „Start-up Autobahn“, wo sich unter anderem Daimler, Porsche und ZF engagieren. Besteht kein Interesse von BMW?
Wir schauen uns gemeinsam mit anderen Automobilherstellern verschiedenen Themen an und gucken, was für wen das Richtige ist. Dort, wo man Standards etablieren will, gibt es einen intensiven Austausch. Zum Beispiel beim Automatisierten Fahren oder dem Thema Ladeinfrastruktur. Wir selbst haben schon 2015 die BMW Start-up Garage gegründet. Ihr Ziel ist es, Start-ups, die an Technologien arbeiten, die auf fahrzeugtechnische Anwendungen übertragbar sind, zu nutzen. Ausgewählte Start-ups durchlaufen ein mehrmonatiges Programm. Die Start-up Garage setzt damit auf eine echte Lieferanten-Kunden-Beziehung. Statt Anteile am Unternehmen kauft die BMW Group in diesem Fall die Technologie der Start-ups – das Produkt – und zwar zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Am Ende muss aber auch hier eine erfolgreiche Industrialisierung stehen.