Einkaufschef Klaus Zehender von Mercedes-Benz im Exklusiv-Interview.

MBC-Einkaufschef Klaus Zehender zu den künftigen Erwartungen an die Zulieferer: "Es führt kein Weg daran vorbei, Softwareabteilungen weiterzuentwickeln". Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Zehender, erstmals wurde 2017 mit Tencent ein IT-Unternehmen unter den besten Zulieferern ausgezeichnet, das bislang kein Automobilzulieferer war. Ist das ein Sonderfall oder Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels?
Tatsächlich wurde in diesem Jahr erstmals der Special Award an ein IT-Unternehmen vergeben. Tencent ist das größte Internetunternehmen in China und hat Mercedes-Benz ein führendes Konnektivitäts-Portfolio für den chinesischen Markt entwickelt. Gemeinsam haben wir als erster Premium-Hersteller

„WeChat“ in die Headunit unserer Fahrzeuge integriert. Dieser Dienst ist vergleichbar mit „WhatsApp“ und nur ein Beispiel von vielen. Unser Ziel ist es, weitere attraktive Angebote im Bereich vernetztes Fahrzeug für unsere Kunden umzusetzen. Vernetzung ist nur einer der künftigen vier Megatrends, die die Zukunft der Mobilität gravierend prägen werden. Bei Mercedes-Benz bündeln wir diese in der organisatorischen Einheit „CASE“, in der wir die Themen Connectivity, Autonomes Fahren, Shared Services sowie Elektrische Antriebe intelligent verknüpfen.

Die neuesten Trends zur Digitalisierung und Vernetzung in der Automobilindustrie stehen auf dem AUTOMOBIL FORUM am 12. und 13. Juli 2017 in München im Fokus.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Über Jahrzehnte war das Rollenverhältnis zwischen OEM und Zulieferern quasi betoniert. Sie kannten die Zulieferer und die Zulieferer kannten sie. Wie wirkt sich der Mobilitätswandel auf das Verhältnis OEM/Supplier aus?
Die drei Stellhebel Innovation, Spitzenqualität und Partnerschaft sind seit Jahren wesentliche Erfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern. Dafür brauchen wir heute wie morgen weltweit die innovativsten und leistungsfähigsten Partner. Wir setzen gleichermaßen auf bewährte Partner, die langjährige Automobilerfahrung mitbringen aber auch auf neue Player und Startups aus der Unterhaltungselektronik und der IT-Branche. Unsere Erfahrung zeigt, dass junge Unternehmen aber auch Forschungseinrichtungen, mit denen wir im Austausch stehen, großartige Ideen entwickeln. Um diese Ideen zur Marktreife zu bringen, heißt es jetzt, diese automotivetauglich zu machen. Ein Beispiel sind die Displays im Fahrzeug, die großen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind, und unsere Anforderungen hinsichtlich der Crash-Sicherheit erfüllen müssen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, so viel ändert sich gar nicht im Verhältnis zueinander?
Für unsere bestehenden Partner aus der Automobilindustrie kommt es entscheidend darauf an, sich auf die Megatrends einzustellen. Hier ist vor allem Software-Kompetenz bei der Integration von vollvernetzten und autonom fahrenden Pkw gefragt. Es führt kein Weg daran vorbei, Softwareabteilungen weiterzuentwickeln. Ziel ist es, zukunftsweisende Ideen im Bereich der Digitalisierung und Konnektivität möglichst schnell zu entwickeln und auf höchstem Niveau zur Marktreife zu bringen. Um die Erwartungshaltung unserer Kunden bestmöglich zu bedienen, werden wir unseren partnerschaftlichen Ansatz mit hoher Flexibilität in der Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern weiter verstärken.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Genügt es eigentlich noch, „nur“ gute Komponenten anzubieten um auf die Einkaufsliste von Daimler zu kommen?
Der typische Mercedes-Benz Lieferant ist führend bei Innovationen und hat den Anspruch Spitzenqualität zu liefern. Er ist aktiver Partner mit ausgeprägtem Interesse an technologischer und kaufmännischer Weiterentwicklung. Dabei arbeiten wir mit unserem bestehenden Lieferantennetzwerk gleichermaßen wie mit neuen Playern und Startups. Es wird auch weiterhin Komponenten geben, für die Innovationen abseits der Digitalisierung erforderlich sind, wie zum Beispiel CO2 Technologien und Leichtbau. In immer mehr Bauteilen findet die Digitalisierung aber Einzug. Eine schnelle Entwicklung von Produktzyklen, neuen Märkten, lokal unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen und das große Feld des Datenmanagements erfordert von uns und unseren Partnern der Zulieferindustrie hohe Flexibilität, Lösungsorientierung und Innovationsbereitschaft.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Nicht nur auf die Zulieferer kommen ganz neue Anforderungen zu, sondern auch auf Sie als „Einkäufer“. Wie filtern Sie angesichts der schnellen technologischen Entwicklung und der Vielzahl neuer Player am Markt den richtigen Anbieter heraus?
Künftig kaufen wir nicht mehr ausschließlich Produktionsmaterial ein, sondern auch Daten oder Software wie zum Beispiel Kartenmaterial von HERE oder Fahrzeug-Apps. Hier sind innovative Player gefragt. Gemeinsam mit der Entwicklung sichten wir interessante Unternehmen und besuchen zum Trend-scouting Messen wie die CES oder den MWC in Barcelona, aber auch A-Messen, wie die IAA. Wir halten dort gezielt Ausschau nach den „Hidden Champions“ der Zuliefererindustrie. Unser Anspruch ist es, Trendthemen aktiv voranzutreiben.