Florian Schwarz, Vorstand CAQ: "Gefordert ist ein Wandel von der Qualitätssicherung hin zum Qualitätsmanagement. Die Smart Factory befördert dies."

Florian Schwarz, Vorstand CAQ: "Gefordert ist ein Wandel von der Qualitätssicherung hin zum Qualitätsmanagement. Die Smart Factory befördert dies." Bild: CAQ

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Schwarz, die Zahl der Rückrufe steigt weiter kontinuierlich. Was läuft da bei den OEMs und ihren Zulieferern falsch in Sachen Qualitätsmanagement?
Die Prozesse und Lieferketten werden immer komplexer und internationaler, die Variantenvielfalt bei den Fahrzeugen und die Anzahl elektronischer Komponenten nimmt zu. Damit steigt auch die Anzahl möglicher Störquellen. Und durch die Medienlandschaft heute wird natürlich auch viel schneller bekannt, wenn was schief läuft.

Die Ursachen haben aber wesentlich auch mit dem Qualitätsverständnis und –management der Automotive-Industrie selbst zu tun. Wir erleben das heute noch, dass ganz viel mit Excel, Word und irgendwelchen schlecht gewarteten oder nicht gewarteten Tools im Qualitätsmanagement gearbeitet wird und da wenig Standards vorzufinden sind.

Der Druck zur Einhaltung von Qualitätsstandards, Normen und  bestimmten Spezifikationen in der Automobilbranche ging eigentlich historisch hauptsächlich von den Automobilherstellern aus – als Selbstverpflichtung nach unten in Richtung ihrer Zulieferer. Das heißt: je weiter hinten der Lieferant in der Lieferkette rangiert, desto wichtiger war es, die Standards einzuhalten. Es gab bisher wenig Handlungsdruck  in Sachen Q-Standards durch  staatliche Institutionen, Behörden, Verordnungen und Gesetze - hier passiert zunehmend mehr.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ab dem Stichtag 14.09.2018 verlieren die bisherigen Zertifikate nach ISO/TS 16949 ihre Gültigkeit, die Norm IATF 16949 wird verbindlich. Welche Konsequenzen sind damit für Automobilzulieferer verbunden?
Bisher konnte ein Hersteller die Verantwortlichkeit für das Qualitätsmanagement wesentlich leichter auf Subunternehmen und auch die Lieferanten abwälzen. Das ändert sich jetzt, weil die Verantwortlichkeit immer direkt an oberster Stelle gesehen wird. Durch die IATF 16949 entsteht eine wesentlich stärkere Verpflichtung auch der OEMs, beispielsweise zur Validierung von elektronischen Komponenten.

Eine weitere Konsequenz betrifft die  Traceability, also die Rückverfolgbarkeit.  Zukünftig reicht es nicht mehr aus zu sagen, ich kaufe das Bauteil X bei dem Lieferanten Y, sondern ich brauche auch entsprechende Zertifikate und muss überprüfen, dass der Lieferant das auch alles richtig einhält. Eine Wareneingangsprüfung gibt es natürlich schon immer. Aber es wird wichtiger, die ganze Lieferkette nachzuweisen und das nicht einfach als Bringschuld auf den Lieferanten abzuwälzen, sondern sich selbst damit zu beschäftigen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bedeutet das konkret für eine zukunftsfähige Software im Bereich Qualitätsmanagement?
Im Rahmen der Traceability spielen die Datentransparenz und Verfügbarkeit der Daten eine zentrale Rolle. Wer in seiner Dokumentation noch Aktenordner mit Papieren wälzen muss, hat überhaupt keine Chance bei Fehlermeldungen  zu erkennen  ob, wo genau und in welchem Umfang beispielsweise ein Rückruf zu veranlassen ist.