Italdesign-Chef Jörg Astalosch im Interview.

„Wir wollen viele Nutzer erreichen. Andernfalls wäre Pop-UP keine sinnvolle Ergänzung für eine städtische Mobilität“, so Astalosch. Bild: WP Steinheisser

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Astalosch, die Frage muss gleich mal raus. Sind Sie schon mal im Pop-UP geflogen?
Nein, es gibt noch kein flugfähiges Pop-UP. Bislang existiert eine auf realen Entwicklungsdaten basierende Simulation. Es funktioniert alles was rollt, es funktioniert alles was fliegt. Wie das zusammenwirkt, werden wir bald zeigen – warten Sie’s ab.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die fortschrittlichen Autobauer befassen sich mit Elektromobilität, die noch fortschrittlicheren mit vollautonomem Fahren. Sie gehen den übernächsten Schritt und befassen sich mit Flugautos – oder heißt das überhaupt so?
Nein, tatsächlich versuchen wir das Wort Flugauto zu vermeiden. Wir haben in unserer Rolle als Engineering-Dienstleister auch an einem Projekt gearbeitet, das eher ein Flugauto war. Dabei haben wir ein Drohnen-System ins Fahrzeug integriert. Das war sehr spannend, aber wir haben schnell bemerkt, dass das eher ein Spaßmobil ist. Von der Konstruktionsseite macht es auch nicht viel Sinn, denn wenn man im Fahrmodus die gesamte Flugtechnologie mitschleppt, kommt kein optimales Fahrzeug heraus. Unser Ziel ist es auch nicht, einen Sportwagen der Lüfte zu entwickeln. Was wir wollen, ist ein neues  Konzept für die Stadtmobilität zu entwickeln, das für viele erreichbar ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie nennen Sie das „Objekt“ denn dann, wenn nicht Flugauto?
Wir sprechen von einem Mobilitätssystem.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hört sich nicht gerade sexy an…
Da gebe ich Ihnen recht. Das ist aber, was letztlich dahinter steckt. Wenn man von neuer Mobilität spricht und explizit über dringend notwendige Verkehrsentlastung von Metropolregionen, dann herrscht inzwischen weitgehend Übereinkunft, dass der erfolgversprechendste Weg in der möglichst problemfreien Kombination und einfachen Nutzung von mehreren Verkehrssystemen besteht. In einem solchen vernetzten System kann Pop-UP ein wichtiger Baustein werden.

Auf dem Bild ist der geplante Pop-UP von Italdesign zu sehen, von dem Herr Astalosch berichtet.
Dritte Generation - Pop-UP

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sprechen beim Pop-UP nicht von einer Utopie und dem Aufzeigen technischer Möglichkeiten, es geht Ihnen um einen realisierbaren Mobilitätsansatz mit hinterlegtem Businesscase?
Ja, unser Ziel ist klar eine Markteinführung. Dazu wollen wir auch neue Möglichkeiten aufzeigen. Die Autoindustrie muss ganz intensiv darüber nachdenken, dass wir Mobilitätsformen integrieren und wie wir das machen. Dazu – und dafür steht Pop-UP – gehört, wie wir mit einem rein elektrischen, voll autonomen System auch den Luftraum über einer Stadt nutzen. Das aber in einer Art und Weise, dass es die Menschen nicht schreckt. Es wird ganz sicher eine Gewöhnungsphase geben müssen,  etwa dadurch, dass diese Form der Mobilität zunächst in beschränkten Korridoren stattfindet. Wir sprechen ja ganz bewusst von einem Realisierungszeitraum in den nächsten sieben bis zehn Jahren. Das aus dem Grund, weil dann einerseits die Batterietechnik nochmal deutlich weiter sein wird, andererseits die KI-Plattformen soweit sein werden, um eine reibungslose Buchung zwischen den Mobilitätsformen zu ermöglichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wenn dann gebucht werden kann, wird das dann die Lösung für die Elite, um dem Stau in der Stadt zu entschweben?
Unser Ziel ist ganz klar ein Konzept, mit dem wir viele Nutzer erreichen wollen. Andernfalls wäre es eine Spielerei, aber keine sinnvolle Ergänzung für eine städtische Mobilität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bedeutet das mit Blick auf die Kosten pro Fahrt, respektive Flug. Gibt es da schon konkrete Vorstellungen?
Wir selbst haben für uns ein Preisgefüge angedacht, das in etwa mit Uber Black zu vergleichen ist (für den „Luxus“-Transport berechnet der Fahrdienst einen Aufschlag von etwa 40 Prozent gegenüber dem Normaltarif, Anm. d. Redaktion). Es gibt andere Berechnungen, die nicht von uns angestellt wurden, die für Transporte von etwa fünf Euro ausgehen. Ich muss zugestehen, dass ich das nicht glaube. Um zu einem zertifizierungsfähigen Produkt zu kommen – und zwar auf dem Boden wie in der Luft – ist erheblicher Entwicklungsaufwand notwendig. Wir müssen ja für den Straßenbetrieb die Crashtest-Normen nach NCAP erfüllen und in der Luft beispielsweise die Zertifizierungsmöglichkeit für den Entkopplungsprozess von Fahrgastkapsel und Luftmodul. Wenn wir das in eine Use-Case übersetzen, werden da keine fünf Euro für den Transport stehen. Ich glaube aber schon, dass wir mit dem Preis, den eine gute Taxifahrt von Manhatten zum JFK-Flughafen kostet, konkurrieren können. Das mit dem Vorteil einer sehr viel kürzeren Transferzeit.