Porsche Digital, Thilo Koslowski, CEO

Thilo Koslowski: "Das Auto der Zukunft hat einen ganz anderen Stellenwert – und zwar einen immer höheren!" Bild: Porsche AG

Porsches neuer Digitalchef Thilo Koslowski ist überzeugt: „Ich sehe das Auto in zehn Jahren als den Copiloten, der mich vernetzt, der mir den Alltag erleichtert, und der mich natürlich immer noch physisch von Punkt A nach B bringt“, erklärt Koslowski im Interview mit AUTOMOBIL PRODUKTION. „Das Automobil erlebt gerade eine Renaissance“, so Koslowski. Das könne sogar „zu Lasten der öffentlichen Verkehrsmittel gehen“. Warum? „Der Vorteil des Autos ist in meiner Vision, dass es mich, meine Gewohnheiten und Vorlieben kennt. Es wird automatisch wissen, was ich wann brauche und mir so im Alltag Vieles abnehmen können.“

Das Auto werde dem Menschen künftig Aufgaben übernehmen, um „uns mehr Zeit zu verschaffen und so unsere Lebensqualität zu erhöhen“, glaubt der Porsche-Manager. „Dadurch wird das Auto ein ganz zentrales Element in unserem Lebensstil. Denn ich muss immer noch von einem Ort zum anderen. Und wenn ich jetzt diese virtuelle Dimension zusätzlich zur physischen nutzen kann, dann habe ich eine super attraktive Kombination – und die bietet mir kein anderes Gerät, auch kein Smartphone.“

Porsche-Fahrer werden künftig auch außerhalb ihres Autos in einer „Porsche-Welt“ leben. „Wir planen ein Porsche-Öko-System“, so Koslowski. „Auch wenn Sie nicht im Auto sitzen, soll Sie als Kunde das Porsche-Erlebnis begleiten.“ Erste Produkte werde Porsche „in den nächsten 12 bis 24 Monaten“ vorstellen. „Ich möchte Ihnen ein Porsche-Erlebnis anbieten, wenn Sie morgens aufwachen und überlegen, was Sie am Wochenende tun möchten. Vielleicht schlagen wir Ihnen eine tolle Tour mit dem Auto vor, weil wir wissen, wo in Ihrer Umgebung tolle Straßen sind. Oder wir geben Ihnen eine Restaurant-Experience, die Sie so auch noch nicht erlebt haben.“

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bei VW gibt es JJ. Bei Porsche sind Sie für digitale Themen unterwegs. Wird bei Ihnen nun auch auf allen Ebenen geduzt?
Ich habe 20 Jahre lang im Silicon Valley gelebt. Für mich fühlt es sich einfach seltsam an, Kollegen mit dem Nachnamen anzusprechen. Das baut für mich eine Hürde auf, die gar nicht nötig ist. Ich biete daher Kollegen gerne das Du an. Das ist aber meine ganz persönliche Einstellung. Noch dazu ist Porsche ja ein vergleichsweise kleines Unternehmen mit einer ganz besonderen, familiären Kultur.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sind seit April bei Porsche und waren zuvor Leiter der Abteilung Autoindustrie und intelligente Mobilität bei der Unternehmensberatung Gartner. Mit welchen Assetts kommen Sie zu Porsche?
Mit einer Vision des Automobils der Zukunft und mit zwei Jahrzehnten Erfahrung aus dem Valley. Dort sind Bestandteile dieser Zukunft heute schon erlebbar. Aus meinem vorherigen Job bringe ich viele Einblicke mit, wie man erfolgreich digitale Kundenerlebnisse gestalten kann. Außerdem, denke ich, habe ich noch gute Kenntnisse der Automobilbranche und der relevanten Technologien im Gepäck.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sieht denn dieses Auto der Zukunft aus?
Das Auto ist in Zukunft das ultimative mobile Gerät. Wenn man die Fantasie ein bisschen spielen lässt, aber gleichzeitig realistisch bleibt, dann fallen mir viele digitale Elemente ein, die dem Kunden einen Nutzen bringen und ihn begeistern können. Ich sehe das Auto in zehn Jahren als den Copiloten, der mich vernetzt, der mir den Alltag erleichtert, und der mich natürlich immer noch physisch von Punkt A nach B bringt. Denn das werden wir auch in zehn Jahren nicht verändern, da bräuchten wir schon die Teleportation.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Auto wird Ihrer Meinung nach wichtiger werden?
Das Auto der Zukunft hat einen ganz anderen Stellenwert – und zwar einen immer höheren. Das Automobil erlebt gerade eine Renaissance. Das kann an manchen Stellen zu Lasten der öffentlichen Verkehrsmittel gehen. Der Vorteil des Autos ist in meiner Vision, dass es mich, meine Gewohnheiten und Vorlieben kennt. Es wird automatisch wissen, was ich wann brauche und mir so im Alltag Vieles abnehmen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viel künstliche Intelligenz wollen Sie ins Auto bringen?
So viel, dass es dem Kunden einen sinnvollen Mehrwert bietet. Künstliche Intelligenz ist eine der Technologien, die wir uns bei Porsche natürlich sehr genau anschauen. Aber sie ist am Ende des Tages auch nur ein Werkzeug. Und das steckt noch in den Kinderschuhen. Aber es ist bereits Realität: Wir haben Sensoren und Prozessoren, die besser sehen, hören und reagieren können als wir Menschen. In Zukunft sind Netzwerke schneller als wir. 5G kann nach aktueller Forschung Reaktionszeiten haben, die unsere menschlichen Möglichkeiten übersteigen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Schlauere Maschinen als wir. Muss uns das nicht auch Angst machen?
Nein, überhaupt nicht. Wir werden auch in Zukunft Kontrolle über die Maschinen haben. Was mir Angst machen würde, wäre, wenn wir Systeme entwickeln würden, diese selbstständig und ohne menschliche Überwachung laufen ließen und sich diese selbst optimieren würden. Dann würden sie irgendwann entscheiden, dass der Mensch nicht mehr in diese Selbstoptimierung passt. Aber ich glaube, wir Menschen optimieren uns ja auch. Und bei uns, bei Porsche, steht bei der digitalen Transformation der Mensch im Mittelpunkt – ob als Kunde, als Geschäftspartner oder als Mitarbeiter.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In Ihrer Vision ruft mein Auto den Gesprächspartner an, wenn ich zu spät zum Termin komme oder geht schon mal einkaufen, wenn ich es nicht mehr in den Supermarkt schaffe. Werde ich dann nicht zum Passagier in meinem eigenen Leben, wenn das Auto alles für mich macht?
Das Auto wird uns viele Dinge abnehmen. Ganz klar. Und trotzdem nur so weit, wie der Kunde das möchte. Individuell angepasst an die Bedürfnisse jedes Einzelnen.