| von Götz Fuchslocher
aktives Ansaugmodul, MANN+HUMMEL
Komplexes Modul mit moderner Ladelufttechnik von MANN+HUMMEL: Aktives Ansaugmodul mit integrierter Ladeluftkühlung und eBooster. BIld: MANN+HUMMEL

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf der IAA haben Sie zudem die aktive Ladeluftleitung gezeigt, mit der man den Dieselmotor und die EU7–Abgasnorm fokussiert.
Knickmann: Wir haben diese Neuentwicklung auf verschiedenen Konferenzen und Foren im letzten Jahr vorgestellt. Sie ermöglicht, bei hochaufgeladenen Fahrzeugen zu günstigeren Kosten als heutige Lösungen das Ansprechloch zu verringern. Eine Lösung, die im Dieselbereich und insbesondere bei kleineren Fahrzeugen und kleineren Motoren aufgrund der Kosten-Nutzen-Rechnung sehr attraktiv ist. Wir sind mit mehreren Kunden im Gespräch. Die Serieneinführung solcher Systeme ist aufgrund der Entwicklungszyklen aber sicherlich noch mindestens zwei Jahre entfernt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Eine OEM- oder eine MANN+HUMMEL-Initiative bei der Produktentwicklung?
Knickmann: Ein Beispiel für das klassische Henne-Ei-Thema. Wir sind stolz darauf, sehr nah am Markt zu sein. Vieles wird getrieben von der Gesetzgebung, von Initiativen einzelner OEMs. Auf der anderen Seite kommen durchaus wir mit solchen Ideen. Die aktive Ladeluftleitung ist eine solche. Wir haben auch viele andere, die wir noch nicht in der Öffentlichkeit benennen. Treiber sind zukünftige Bedürfnisse und Probleme, die wir lösen können. Dieses Thema ist Resultat einer sehr intensiven Vorentwicklungs-Zusammenarbeit mit einem Kunden und einer Universität. Es ist aber kundenunabhängig einsetzbar.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie intensiv ist denn die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft?
Knickmann: Unsere Universitäts-Zusammenarbeit reicht teilweise schon Jahrzehnte zurück. Teilweise ist sie auch erst in den letzten Jahren geschmiedet worden. Es beginnt natürlich mit einem sehr engen Netzwerk in Deutschland. In China haben wir zum Beispiel mit der Tongji-Universität eine sehr enge Zusammenarbeit, bereits über fünf Jahre. Nahe eines französischen Standortes unterhalten wir an einer Universität seit einigen Jahren eine Stiftungsprofessur. Wir haben mit der Universität in Raleigh in North Carolina eine ausgezeichnete Zusammenarbeit. Dort ist unser Innovationszentrum für den amerikanischen Raum und für einige spezifische Anwendungen angesiedelt. Wir sitzen dort quasi auf dem Universitätsgelände. Ich denke, dies hat schon eine ganz eigene Qualität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle kommt hierbei dem neuen Technologiezentrum zu, das Sie am 1. Juli in Ludwigsburg eröffnen?
Wolf
: Im Technologiezentrum werden wir alle MANN+HUMMEL-Funktionen, die wir in Ludwigsburg haben, unter einem Dach zusammenführen. Wir sind heute teilweise noch in der Ludwigsburger Stadtmitte. Die Mitarbeiter und die Prüfeinrichtungen werden im neuen Technologiezentrum zusammengebracht. Ludwigsburg ist natürlich taktgebend für viele R+D- und Innovationsthemen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und Sie verkürzen damit auch die Kommunikationswege…
Wolf: Es wird mit Sicherheit vieles verändern, auch in der Zusammenarbeit zwischen den Bereichen R+D, Vertrieb und Marketing. Wenn man unter einem Dach lebt, dann ist die Zusammenarbeit natürlich eine andere. Was aber nichts wegnimmt von den Aktivitäten, die wir etwa in Frankreich in unserem Kompetenzzentrum fahren. Oder, wie gerade erwähnt, in North Carolina und zunehmend auch an unseren asiatischen Standorten.

Firmengebäude MANN+HUMMEL
In der Ludwigsburger Hindenburgstraße wurde eine Textilfabrik zur ersten Produktionsstätte des Filterwerks Mann + Hummel umfunktioniert. Bild: MANN+HUMMEL

AUTOMOBIL PRODUKTION:  Kann man sagen, dass das Ludwigsburger Technologiezentrum für die weltweiten Entwicklungsbereiche eine Art Leuchtturm-Funktion hat?
Knickmann
: Wir beschäftigen uns hier in Ludwigsburg mit Themen, die hinterher weltweit ausgerollt werden, ja. Gerade Themen, die noch nicht in der direkten Kundenapplikationsphase sind, können in bester Form zentral entwickelt und dann anschließend dezentral industrialisiert werden. Wir freuen uns auf eine Art Campus hier, an dem wir sehr eng miteinander arbeiten können, ohne jedes Mal zum Hörer oder zu Skype greifen zu müssen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kommen wir zum Thema Mergers & Acquisitions. Für MANN+HUMMEL ist dies, wie mir scheint, ein strategisches, wie etwa die jüngste Übernahme des Filterherstellers Affinia-Group zeigt. Welche Ziele verfolgen Sie dabei?
Wolf: Grundsätzlich ist es so, dass wir das Wachstum der MANN+HUMMEL-Gruppe der letzten zehn, fünfzehn Jahre zu einem Drittel aus Akquisitionen getätigt haben und zu zwei Dritteln aus dem, was man organisches Wachstum nennt. Wir haben ein Interesse daran, auch in der Zukunft Wachstumsraten um die acht Prozent zu erreichen. Dazu werden auch Akquisitionen sinnvoll und notwendig sein. Dabei sehen wir insbesondere den Schwerpunkt im Non-Automotive-Bereich. Da sind wir sehr hellhörig und offen. Wir haben aktuell mit Affinia die größte MANN+HUMMEL-Akquisition vor uns, die vor allem unter den Marken Wix und Filtron in Nordamerika und in Europa in unterschiedlichen Segmenten unterwegs ist. Das wird unseren Umsatz um etwa 900 Millionen US Dollar erhöhen. Wir haben verschiedene Genehmigungen der Kartellbehörden. Eine Zustimmung steht noch aus. Wir können noch keinen Vollzug melden, rechnen aber damit, dass das demnächst der Fall sein wird. Dann konzentrieren wir uns auf die Bewältigung dieser großen Akquisitionsaufgabe. Dazu laufen die Vorbereitungen. Wir nehmen damit einen ganz großen Schluck aus der Pulle.

Bei allen weiteren Aktivitäten in dieser Richtung werden wir sehr sorgfältig auswählen und uns zunächst auf die Bewältigung dieser Aufgabe konzentrieren. Wenn sich aber eine signifikante Chance ergibt, im Non-Automotive-Bereich zusätzlich etwas zu tun, dann schauen wir uns dies natürlich an. Die Akquisition, die jetzt in aller Munde ist und auf die sich viele MANN+HUMMELer sowie die Mitarbeiter des zu übernehmenden Unternehmens freuen, ist allerdings Wix und Filtron. Wir übernehmen Fertigungsstätten in Nordamerika, jeweils eine in Polen und der Ukraine sowie Fertigungsaktivitäten in China und auch in Venezuela. In Brasilien gehört die Filteraktivität, nicht das Distributionsgeschäft zur Akquisition.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Einer der Garanten also für 75 Jahre gesundes Wirtschaften …
Wolf: 75 Jahre Pure Innovation heißt auch unser Motto. Jüngst haben wir den Open Innovation Award der Zeppelin-Universität gewonnen. Dabei geht es nicht nur um das Thema Innovationskultur und -prozesse im Unternehmen. Es zeigt, wie grenzüberschreitend Business Units und andere Funktionen mit eingebunden werden. Darauf ist die Organisation im Moment sicherlich sehr stolz.