| von Bettina Mayer
ZF Chef Dr. Sommer vor dem Slogan: See, think, act
Künstliche Intelligenz wird zur wichtigen Formel in der Branche. Unter Chef Stefan Sommer nutzt ZF als erster Auto-Zulieferer die Möglichkeit, die sich hinter dieser Technologie verbergen. Bild: ZF Friedrichshafen

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sind sehr stolz auf die ZF Zukunft Ventures. Wo wollen Sie einkaufen – bei See, Think oder Act – oder deckt die Nvidia-Partnerschaft das Think schon komplett ab?
Die Nvidia-Partnerschaft deckt einen Kernteil ab, aber nicht alles. Es gibt natürlich auch einfache Algorithmen, die nicht in der Künstlichen Intelligenz abgebildet werden müssen: Airbag-Algorithmen oder Bremsen- und Lenkungssteuerung. Bei einem autonom fahrenden Fahrzeug wollen plötzlich viele Steuergeräte die Bremsen benutzen: zum Parken, für eine Komfort-Bremsung oder vielleicht auch für eine Notbremsung. Die Bremse muss dann intelligenter sein und wissen, welche Funktion in der jeweiligen Fahrzeugsituation Priorität hat. Unsere Softwareingenieure werden sich auch weiterhin mit einer Getriebesteuerung beschäftigen, also auch mit dem Think. Aber wir werden uns an den Schnittstellen Richtung Künstliche Intelligenz bewegen. Deshalb benötigen wir auch Software-Entwicklungszentren wie das Entwicklungszentrum Hyderabad in Indien, das wir im März eröffnen. Dort kann man einfache Back Office Funktionen abbilden, sodass sich unsere Ingenieure in Europa stärker den neuen Funktionalitäten zuwenden können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sehen Sie sich über ZF Zukunft Ventures auch in Bezug auf Industrieprodukte um?
Unser Tochterunternehmen ZF Zukunft Ventures ist völlig frei im Denken. Grundsätzlich wollen wir dort Technologiekompetenz gewinnen, die wir über alle drei Industrien einbetten können, ganz egal ob das Pkw-, Nutzfahrzeug- oder Industrietechnik ist. Es sollen Start-up-ähnliche, kleine Unternehmen sein, die schnell sind. Und die nicht wie in Großkonzernen in komplexe Prozesslandschaften eingebunden sind, die sie dann am Schluss langsam machen. Und wo wir auch mal ein höheres Risiko fahren können. Unser Ziel ist also nicht, nur die Industrietechnik auszubauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben Torsten Gollewski, Chef der Zukunft Ventures, keine Vorgaben gemacht?
Wir haben die große Linie abgestimmt: Wir wollen im Bereich Sicherheit und im Bereich Assistenzsysteme für das autonome Fahren alle technischen Felder mit besetzen, um komplett systemfähig zu werden. Es gibt noch ein paar Bereiche, in denen wir uns verstärken müssen. Hierfür bringt Torsten Gollewski die nötige Kenntnis und Kompetenz mit.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie wollen ZF zur ‚Digital Company‘ machen und haben die Inderin Mamatha Chamarthi zum neuen CDO von ZF gemacht. Was sind die Top 3 Prioritäten von Frau Chamarthi?
Ihr Aufgabenfeld ist sehr vielschichtig. Vereinfacht lässt sich sagen, wir konzentrieren uns auf die Digitalisierung von Geschäftsprozessen, der Entwicklung und der Produktion.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie bringen Sie sich bei Zukäufen oder Beteiligungen ein und wann geht ein Projekt über die M&A-Abteilung und wann über die ZF Zukunft Ventures?
Alles, was einen rein erwerbstechnischen Hintergrund hat, läuft über die M&A-Abteilung. Wenn wir ein Unternehmen im Blick haben, schauen wir zunächst, was wir da kaufen wollen. Ist es ein Start-Up, also ein kleines Unternehmen, das in der Regel noch kein großes Seriengeschäft hat und klein, schlank und nur eine Technik-Idee hat? Dann bauen wir das für die Zukunft Ventures auf. Der Kauf von Anteilen läuft dann über unsere M&A-Abteilung. Etwa alle 14 Tage prüfen wir, welche Ideen da herauskommen könnten und wie wir das anpacken. In diese Evaluation ist natürlich auch unser Finanzvorstand Konstantin Sauer eingebunden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie wollen die Stoßdämpfer-Fertigung in die Slowakei und in die Türkei verlagern. Revidieren Sie Ihre Entscheidung angesichts der politischen Lage in der Türkei?
Im Augenblick nicht. Wir haben uns in der Türkei auf Stoßdämpfer für den Aftermarket spezialisiert.  An einen anderen Standort zu gehen würde uns vermutlich viele Jahre Entwicklungsarbeit kosten, bis wir wieder da sind, wo wir jetzt stehen. Deswegen hoffen wir, dass sich die politische Lage wieder normalisiert.