Zühlke, AUTOMOBIL FORUM 2016, DFKI, SmartFactory

Detlef Zühlke, SmartFactory KL: "Es ist nicht auszuschließen, dass uns die schnelleren Nationen Standards vorsetzen." Bild: Wolf-Peter Steinheißer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik WGP hat sich unlängst mit einem Standpunktpapier zu Industrie 4.0 zu Wort gemeldet und will damit u.a. die Diskussion „um die Perspektive der Produktionstechnik erweitern.“ Liegt die Deutungshoheit über „Industrie 4.0“ demnach eher immer noch bei Informatik, IT und Unternehmensberatungen?
Industrie 4.0 hat seinen Ursprung in der Produktionstechnik. Vor elf Jahren habe ich mit Gründung der Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V. der Idee einen organisationalen Rahmen gegeben und viele Firmen aus der Produktionstechnik dazu- geholt. Über die Jahre war dann aber auch klar, dass die wesentlichen Fortschritte aus dem Bereich der IT kommen. Eine interdisziplinäre Kooperation ist also zielführend, um die Vision zu realisieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bei welchen konkreten 4.0-Themen besteht noch der größte Regelungs- und Entscheidungsbedarf, wo gibt es noch die größten Kontroversen?
Wir brauchen weltweit gültige Standards, ansonsten kann die Vision der vernetzten Fabrik nicht funktionieren. Aber Standardisierung heißt Einigung vieler Beteiligter auf einen Standard und das ist nicht so einfach. Bei IT-Technologien ist beispielsweise festzustellen, dass Standards erfolgreicher sind, die von der Industrie gesetzt und später für andere Nutzung freigegeben werden – wie Bluetooth oder USB. Im Moment gehen die USA das Thema Standardisierung im Bereich Industrie 4.0 mit dieser Vorgehensweise verstärkt an.
Der deutsche Weg geht eher über die Standardisierungsorganisationen, wie DIN, DKE und so weiter. Dieser Ablauf folgt demokratischen Entscheidungen und verlangsamt das Verfahren. Das können wir uns in dem schnelllebigen IT-Bereich aber nicht erlauben. Deswegen halte ich es für sinnvoll, dass man beide Wege verfolgt und diese zum passenden Zeitpunkt wieder zusammenbringt. Es ist nicht auszuschließen, dass uns die schnelleren Nationen Standards vorsetzen. Aber ob diese dann akzeptiert werden und ob damit ein weltweiter Erfolg erzielt werden kann, wird der Markt zeigen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielen eigentlich die in der Automatisierungstechnik einst so starken Japaner? In Japan herrscht zu Industrie 4.0 offenbar Funkstille. Warum?
Japan und Deutschland waren immer die beiden Marktführer in der Automatisierungstechnik. Die japanische Industrie ist aber von der Tsunami/Fukushima-Katastrophe 2011 lange Zeit blockiert bzw. zu einer neuen Priorisierung gezwungen worden. Viele Industriebetriebe hatten existenzielle Probleme zu lösen, mussten Werke wieder aufbauen und Produktionen neu starten. Der japanische Staat hat zudem viel Geld in autonome Robotics mit der Zielrichtung Rescue-Anwendungen ausgegeben. All das hat Japan ausgebremst. Japan hat deswegen erst im letzten Jahr das Thema Industrie 4.0 richtig aufgegriffen und sich zum Beispiel auf der Hannover Messe auf mehreren Veranstaltungen zu Wort gemeldet. Ich selbst war im Herbst 2014 in Japan, um Vorträge zu halten. In den letzten ein bis zwei Jahren ist eine deutliche Vorwärtsbewegung zu erkennen. Japan wird schnell aufholen, schließlich sind die Entwicklungen dort auch sehr viel stärker industrie- und weniger staatsgetrieben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sollte die deutsche Industrie hier den Schulterschluss mit Japan suchen?
Auf jeden Fall. Wir sind auf dem Weltmarkt zu klein, um z.B. Standardisierungen durchzusetzen. Da ist Japan ganz wichtig, genauso wie Korea. Die Koreaner sind aus meiner Sicht mindestens zwei Jahre weiter als die Japaner. Die innereuropäischen Kooperationen funktionieren bislang noch nicht so gut, weil in Europa gerade diejenigen Regionen wirtschaftliche Probleme haben, die ernst zu nehmende Partner im Maschinenbau sind. Nordspanien, Norditalien und Frankreich zum Beispiel: dort sind die Entwicklungen zu Industrie 4.0 vor kurzem erst angelaufen. Ich hätte mir gewünscht, dass in Europa schon wesentlich früher eine breite Plattform zu diesem Thema etabliert wird. Das fehlt leider noch, also muss Deutschland in die Welt schauen, um Kooperationspartner zu finden.