| von Christian Klein
Aktualisiert am: 19. Apr. 2018
Detlef Zühlke, SmartFactory KL
Detlef Zühlke, SmartFactory KL: "Der Mittelstand muss in diesem Prozess mit dabei sein. Das haben Wirtschaft und Politik längst erkannt." Bild: Wolf-Peter Steinheißer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie schätzen Sie die USA in dieser Hinsicht ein?
Die USA haben lange hinter den deutschen Entwicklungen zurückgelegen, holen jetzt aber mit Riesenschritten auf. Die Vereinigten Staaten geben viel Geld aus, um Großinstitute aufzubauen, ohne dass sich die Regierung in die Abläufe selbst einmischt. Dieses Jahr ist das zweite große Institut benannt worden: Das Smart Manufacturing Innovation Institute SMII wird mit 320 Millionen US Dollar für fünf Jahre ausgestattet. Es wird in Los Angeles angesiedelt sein und hat Satelliten über ganz Amerika verteilt. Das erste große Institut ist das DMDII in Chicago. Beide sind für Smart Production zuständig. Das Modell ist strukturell mit unserem SmartFactory KL Modell zu vergleichen. Die USA werden schnell das aufholen, was sie bis jetzt an Terrain verloren haben. Der klare Fokus liegt aber auf IT-Fragen und weniger bei den klassischen Maschinenbauthemen. Hier haben die USA aus meiner Sicht mittlerweile den Anschluss verloren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Richten wir den Fokus auf den Automobilbau. Wie weit sehen Sie dort den Prozess der Digitalisierung heute fortgeschritten?
Die Automobilindustrie ist im Digitalisierungsprozess schon sehr weit und ich glaube, es gibt dort viele Best-Practice-Beispiele. Es finden sich aber immer noch Brüche, weil einzelne Planungs- und Steuerungssysteme in den verschiedenen Bereichen aus unterschiedlichen Quellen stammen, unterschiedlich alt sind und miteinander verbunden werden müssen. Da wird die Bedeutung von durchgängigen Standards greifbar. Der Einsatz von Standards, der alle Ebenen der Automatisierungspyramide nach den Paradigmen des Internet of Things abdeckt, würde es ermöglichen, Daten aus den unterschiedlichsten Systemen quasi in Echtzeit zu erhalten und sofort verarbeiten zu können. Es könnte eine Daten-Durchgängigkeit vom Produkt über die Sensoren/Aktuatoren bis in die Produktion entstehen. Die vollständige Daten-Durchgängigkeit ist heute fast unmöglich, weil völlig andere Datenstrukturen herrschen und immer wieder Konvertierungsvorgänge nötig sind. Deswegen ist im Wesentlichen ein Standardisierungsprozess im Bereich der IT notwendig, die technischen Voraussetzungen dafür sind im Moment gegeben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie funktioniert der Betrieb der SmartFactory KL als weltweit größter herstellerunabhängiger Forschungs- und Demonstrationsplattform für Industrie 4.0 –Technologien?
Aktuell hat der Verein Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V. 47 Mitglieder, die unsere Plattform nutzen, um gemeinschaftlich Möglichkeiten und Defizite von Industrie 4.0 zu erkennen. Über gemeinsame Lösungen und Entwicklungen wird das Netzwerk und damit auch jedes einzelne Mitglied vorangebracht. Es sind bereits Komponenten im Schulterschluss entwickelt und Standards spezifiziert worden sowie sogar Produkte entstanden. Diese herstellerübergreifende Zusammenarbeit im Netzwerk ist notwendig, um Industrie 4.0 in die Realisierung zu bringen, und das ist erklärtes Ziel des Vereins. Das Interesse an unserer Forschungs- und Demonstrationsplattform wächst ständig, vor allem auch aus dem Lager der KMUs. Der Mittelstand – und damit meine ich Unternehmen wie etwa Harting, Wittenstein oder Pilz – ist essenziell für die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie. Er muss in diesem Prozess also dabei sein, das haben Wirtschaft und Politik längst erkannt. Die Mittelständler müssen Lösungen finden, mit denen sie auf dem Weltmarkt führend bleiben. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir diese Netzwerke haben und weiterentwickeln.