| von Stefan Grundhoff

Wer auf den Straßen von Australien unterwegs ist, sollte sich von europäischen Maßstäben verabschieden. Das Straßennetz des mächtigen Landes und gleichermaßen vergleichsweise kleinen Kontinents ist aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte mit kaum mehr als 900.000 Kilometern alles andere als gigantisch. Keine Überraschung, dass mehr als ein Drittel aller Straßen überhaupt nur befestigt ist und daher Geländewagen oder Pick-ups eine immense Bedeutung zukommt. Davon ist in den großen Metropolen wie Melbourne, Sydney oder Perth nichts zu spüren. Hier ist man auf modernen Asphaltwegen unterwegs, die auch in den USA, China oder Europa liegen könnten. Doch bereits nach kurzer Zeit fällt einem das geringe Tempo auf, mit dem die Australier ihre Fahrzeuge im Alltag bewegen.

"Das hat einen ganz einfachen Grund", lächelt Ryan von einem großen Chauffeurservice in Sydney, "die Strafen für zu schnelles Fahren sind hier drakonisch. Wer mit 10 km/h zu schnell erwischt wird, muss bereits rund 170 australische Dollar zahlen; bei 20 km/h zu schnell sind es mehr als 350." Da wundert es nicht, dass selbst Luxuskarossen und Sportwagen über den Autobahnring von Sydney mit Straßen wie der A3, der A4 oder der M5 zuckeln, wie durch die Schweiz. "Ich fahre vielleicht mal fünf km/h zu schnell; aber das war es auch. Sonst werden mir noch Punkte abgezogen und ich bin meinen Führerschein los", legt Ryan nach, während er mit seiner Lexus-Limousine durch die Innenstadt kreuzt.

Die Bedeutung der australischen Autoindustrie ist in den vergangenen Jahrzehnten immer kleiner geworden. Der einstige Lokalmatador Holden spielt im mächtigen General-Motors-Konzern schon lange keine Rolle mehr und die allgegenwärtigen Pick-ups kommen zumeist mit mächtigen Schiffstransportern aus Thailand ans andere Ende der Welt. Eine europäische Sportwagenmarke wie Porsche ist daher in Down Under ein echter Exot. 2018 wurden immerhin rund 4.300 Fahrzeuge verkauft; der Großteil die SUV-Modelle Macan und Cayenne. "Besonders exklusive Modelle bekommen wir bisweilen gar nicht", erzählt der Chefverkäufer aus dem Porsche Zentrum in Sydney, "so kommt es, dass ein Gebrauchtmodell wie hier das 996 Turbo Cabriolet fast 170.000 Dollar kostet. Gerade Modelle mit Handschaltung sind rar - und daher absolute Renner." Und die Sportwagen- und Tuningszene in Australien gilt nicht nur in den Metropolen als tief verwurzelt. Aufgemotzte Wagen gibt es daher nicht nur um die großen Rennevents in Adelaide, Bathurst oder Melbourne zu bestaunen.

Vollgas in Road Trains

Das Gros der Bevölkerung fährt SUV, Crossover, Geländewagen oder Pick-ups und gerade diese spezielle Art der Lademeister gibt es fast nur in Australien. Die ungewöhnliche Kreation zwischen Oberklasselimousine und Lastwagen wie zum Beispiel der Holden UTE oder der noch verbasteltere Holden Crewman ist alles andere als Augenschmaus und fährt beinahe genauso schlecht, wie er aussieht. Der Grund ist vergleichsweise einfach, denn zum einen sind die Basisfahrzeuge von der Konzeption schon viele Jahre alt und zum anderen ist die Hinterachskonstruktion eben diese eine Lastwagens, der mehrere hundert Kilogramm Lasten auf seiner Ladefläche transportieren kann. Mit leerer Fläche rumpelt und rattert es daher bisweilen mächtig. Doch nicht nur die seltsame Symbiose aus Limousine und Lastwagen dominiert das Straßenbild. Je weiter man aus den Metropolen herauskommt, umso mehr Geländewagen beherrschen das Straßenbild. Und wenn schon ein Geländewagen oder ein echter Pick-up, dann zumeist gleich mit mächtig Bodenfreiheit, Zusatzscheinwerfern, Stollenreifen, Luftschnorcheln, Zeltaufbauten, Anfahrhilfen und mehr als einem Ersatzpneus. Denn liegen bleiben will im australischen Outback niemand und für die nächtliche Beleuchtung sorgt in düsterer Nacht neben den Lichtkegeln der LED- und Fernscheinwerferspots allenfalls der Mond.

Ähnlich rustikal wie die Geländewagen präsentieren sich die so genannten Road Trains, schwere Sattelzüge mit bis zu drei Anhängern, die Güter jeglicher Art in die abgelegensten Regionen des Landes bringen. Da Eisenbahnen in den Flächenstaat kaum verbreitet sind, werden die meisten Gegenstände von jenen Roadtrains durch den ganzen Kontinent transportiert. Die sonst fast schon manisch eingehaltenen Tempolimits sind in den Northern Territories oder in Western Australia auf einmal vergessen und es geht mit Volldampf über die zumeist unbefestigten Pisten, egal ob staubtrocken oder verschlampt. Und wenn ein Road Train einmal rollt, dann rollt dieser. Mit den zum Teil mehr als 100 Tonnen schweren Lasten ist an ein schnelles Abbremsen nicht zu denken. Tiere, die nächtens auf der Piste stehen oder liegen werden einfach niedergemäht. Mächtige Rammschutze sorgen dafür, dass der Zugmaschine beim Aufprall nicht zu viel passiert und der Truck weiterfahren kann.

Elektroantriebe? nicht vorhanden

Obwohl sich Australien gerade in den vergangenen Jahren zunehmend dem Energiewandel verschrieben hat, ist davon im Straßenverkehr nicht viel zu spüren und auch die große Solaranlagen sucht man trotz der üppigen Sonneneinstrahlungen vergeblich. Erst langsam entstehen Fotovoltaik- und Windkraftparks. Zur Stromerzeugung werden jedoch ganz überwiegend Kohlekraftwerke genutzt, die von Gas- und Wasserkraftanlagen unterstützt werden. Die Nachfrage nach Fahrzeugen mit alternativen Antrieben ist entsprechend - kaum vorhanden. Einzig Toyota und die deutschen Premiumhersteller verkaufen einen kleinen Teil ihrer Fahrzeugflotte als Hybriden.

In den letzten zehn Jahren hat sich die nahezu die gesamte Autoindustrie aus Australien verabschiedet. Ford und Mitsubishi bringen ihre Modelle nunmehr ebenso per Schiffstransport ins Land wie General Motors, das Modelle wie den Holden Acadia nunmehr in Spring Hill / Tennessee für den australischen Markt produziert. Hauptgründe ist das immer geringer gewordene Interesse an den großen Limousinen vom Typ Holden Commodore oder Ford Falcon, die es so nur noch in Australien gab. Zudem ist die Produktion in Australien aufgrund der Lage und des Lohnniveaus teurer als anderswo. Der aktuelle Holden Commodore ist zum Beispiel ein Opel Insignia, der in Rüsselsheim vom Band läuft und nach Australien verschifft wird. Mehr als 90 Prozent der jährlich über eine Million neu zugelassenen Fahrzeuge kommt aus dem Ausland und hierbei insbesondere aus Japan, Korea oder Thailand. Bestseller sind dem gegenüber seit Jahren Kompaktmodelle wie der Mazda 3, Hyundai i30 oder der Toyota Corolla.