Brasilien bereitet sich seit Jahren auf zwei gigantische Ereignisse vor. Diesen Sommer feiert ein ganzes Land Karneval und hat beim Sambatanzen einen Ball am Fuß. In zwei Jahren geht die Party mit den olympischen Spielen in Rio de Janeiro weiter. Der nationalen Wirtschaft soll das weiter helfen und auch der Autoabsatz kann Stimulierung gut gebrauchen. Zwar sind die langfristigen Perspektiven sowohl was den Fahrzeugabsatz als auch die Produktion anbelangt positiv. Aktuell bestimmt aber eher melancholischer Tango denn feurige Samba den Rhythmus in der Autoindustrie: Auch im Mai rutschten die Pkw-Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent ab, die Produktion ging um 18,2 Prozent zurück und weil in Nachbarländern wie Argentiniern es wirtschaftlich mal wieder ganz finster ausschaut, sind die Exporte aus Brasilien um fast 28 Prozent eingebrochen. Von einem Überspringen der magischen Marke von 4 Millionen verkauften Pkw und leichten Nutzfahrzeugen spricht inzwischen keiner mehr: Da auch die Vormonate nicht wesentlich besser waren als der Mai, rechnet IHS Automotive mit Blick auf das Gesamtjahr inzwischen mit einem Rückgang um 0,5 Prozent auf 3,55 Millionen Einheiten. Autobauer aus aller Welt investieren zwar weiter in Brasilien, sind aber deutlich vorsichtiger geworden. Vor wenigen Tagen schreckte Daimler mit der Nachricht auf, 1.600 Stellen in Brasilien abzubauen. Das Auf und Ab, das in Brasilien seit Jahrzehnten herrscht, kennt VW mit am besten.

Auch wenn der Volkswagenkonzern in Brasilien ebenso wie in Deutschland eine große Nummer am Volumenmarkt ist, gehen die Uhren in dem südamerikanischen Sambastaat anders. Für Elektromotoren oder Hybridfahrzeuge interessiert sich in Brasilien nicht nur zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft wenig und selbst um effiziente Dieselmotoren machen die Einwohner von Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Brasilia einen großen Bogen. Die meisten Autos auf brasilianischen Straßen tanken Ethanol. Den riesigen Flächen sei Dank, wird landesweit Zuckerrohr angebaut, dessen Bestandteile aufwendig destilliert oftmals den Weg in Zapfsäulen und Tanks der Autos finden. Die Motoren verbrennen den Kraftstoff dabei in einem beliebigen Mischungsverhältnis von Ethanol und Benzin. Doch der lokale Siegeszug des Ethanol kommt seit einiger Zeit ins Stocken. Immer mehr Autofahrer greifen derzeit zum E22-Kraftstoff, der – wie der Name andeutet – eine rund 22 prozentige Ethanol-Beimischung enthält. Aufgrund der in den letzten Jahren um den Faktor zwei bis drei gestiegenen Zuckerpreise verkaufen immer mehr Plantagenbesitzer ihr Zuckerrohr für die Zuckerproduktion und nicht zur Herstellung von Ethanol. Der Absatz an Dieselkraftstoff ist trotzdem gigantisch. Denn der Großteil des Waren- und Güterverkehrs geschieht in dem Flächenstaat nahezu ausschließlich mit Lastwagen auf der Straße.

Doch Brasilien steht nicht nur für Zuckerrohr, die Copacabana, Ethanol und desolate Straßenverhältnisse. Die werden zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft noch schlimmer werden, als im normalen Alltag. Auf dem viertgrößten Automarkt der Welt gibt es nur selten hochwertige Fahrzeuge zu sehen. Während in Deutschland auf 1.000 Einwohner über 500 Autos kommen, sind es in dem ehemaligen Schwellenstaat gerade einmal 200. Rund 70 Prozent aller Interessenten suchen ein Auto, das in erster Linie günstig und praktisch ist. Hohe Steuern sorgen dafür, dass ein Billigmobil wie der Bestseller VW Gol, seit fast 26 Jahren unangefochten die Nummer eins auf dem lokalen Markt, bereits in der Einstiegsversion mehr als umgerechnet 11.000 Euro kostet. Rechtzeitig zur Fußball-WM hat Volkswagen das Sondermodell Selecao in der Trikotfarbe Gelb herausgebracht. 101 PS, elektrische Fensterheber, Klimaanlage und den Selecao-Schriftzug mit einer Nummer 10 auf der Flanke, sollen bereits vor dem Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien automobile Lust auf die Fußball-Weltmeisterschaft machen, die insbesondere die beiden Hauptsponsoren Hyundai und Kia für weltweite Werbefeldzüge nutzen.

Zur WM ein Sondermodell vom Gol

“Wir haben von dem Gol bisher mehr als sieben Millionen Fahrzeuge produziert. Er ist ein Stück Brasilien”, unterstreicht Thomas Schmall, Präsident von VW do Brasil. Ein anderer Bestseller kommt von Ford und wird ebenfalls in einem 190-Millionen-Einwohnerstaat südlich des Äquators produziert. Der beliebte Kleinwagen-Crossover Ford Ecosport kostet mit einem betagten 1,6-Liter-Triebwerk bereits fast 19.000 Euro. Seit kurzem ist der Ecosport auch in Deutschland zu bekommen. Weitere Erfolgsmodelle heißen Fiat Siena/Palio, Renault Sandero, Toyota Etios, Chevrolet Corsa oder die kleinen Pick Ups wie Fiat Strada oder VW Saveiro Cross.

Größere Modelle werden trotz des gigantischen Gesamtmarktes von potenziell vier Millionen Neuwagen pro Jahr kaum verkauft. Ein Grund ist die hohe Straßenkriminalität. Wer einen Audi A6, eine Mercedes C-Klasse oder einen 5er BMW sieht, hat meist ein gepanzertes Fahrzeug vor sich. Kriminalität im Straßenverkehr ist nach wie vor ein heißes Thema, obwohl sich die politische und finanzielle Lage des Landes beruhigt hat. Zehntausende zusätzlicher Sicherheitskräfte sollen in Brasilien auch für Ruhe und Ordnung auf den Straßen sorgen, während Philipp Lahm, Cristiano Ronaldo oder Neymar vor die runde Kugel treten.

Große Volumina in unteren Segmenten

Große Volumina lassen sich jedoch auch langfristig nur in den unteren Segmenten verwirklichen. Schließlich können sich in Brasilien nach wie vor knapp 40 Prozent aller Einwohner kein Auto leisten. Von der soliden Wirtschaftslage hat in den letzten Jahren insbesondere die Mittelschicht profitiert. Die steht noch auf die günstigen Einsteigermodelle. Erst in den nächsten Jahren sollen bis zu zehn Prozent der Kunden in höhere Segmente abwandern. Ein Grund, weshalb auch Premiumhersteller wie Audi, BMW und Mercedes den brasilianischen Massenmarkt mittlerweile stärker denn je ins Visier nehmen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis neue Produktionsstätten entstehen.

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Stefan Grundhoff/Frank Volk