| von Wolfgang Gomoll

Wenn in Delhi der Luftqualitätsindex bei 169 steht, ist das ein guter Wert. Es gibt schon mal Tage, an denen ein Vielfaches erreicht wird und einem das Atmen dementsprechend schwer fällt. Nur zum Vergleich: In München wurde zum gleichen Zeitpunkt "10" angezeigt, was als "gut" eingestuft wird. Dass also in den indischen Ballungsräumen ein Luftqualitätsproblem vorliegt, dürfte niemand bezweifeln. Linderung könnte die Elektromobilität bringen. Doch was die Elektromobilität angeht, ist Indien ein echtes Entwicklungsland. Die Gründe sind offensichtlich. Zum einen fehlt es an der Infrastruktur. In vielen Gegenden haben die Menschen nicht einmal fließendes Wasser; von einer Wallbox ganz zu schweigen.

Die Regierung in Delhi will jetzt kräftig gegensteuern und den Stromern zum Durchbruch verhelfen. Doch der große Wurf bleibt bislang aus: Bis 2030 sollen 30 Prozent des Pkw-Bestands elektrisch unterwegs sein. Geplant waren wohl mal hundert Prozent. Aber selbst das Minimalziel steht auf tönernen Füßen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Lebensdauer eines indischen Autos bei neun bis zwölf Jahren liegt und im Verkehr der großen Metropolen, wie Mumbai oder Delhi Elektromobile noch echte Exoten sind. Immerhin soll das Zeitalter der Verbrenner-Tuk-Tuks sich dem Ende zuneigen und die beliebten Beförderungsmittel ab 2026 nur noch mit Elektroantrieben unterwegs sein. Auch bei den motorisierten Dreirädern scheint die Zielvorgabe angesichts der Realität ein optimistischer Wunschtraum zu sein. Jenseits der Millionenstädte ist von einer Lade-Infrastruktur noch keine Spur und auch das Stromnetz ist mehr als fragil. Kaum vorstellbar, was passiert, wenn jetzt Ladesäulen Energie benötigen, selbst die kleinen Batterien der Elektro-Mopeds dürften die Kapazität sprengen. "Bei den alternativen Antrieben hinkt Indien zehn Jahre hinterher", fasst VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann die Situation in Worte.

Dass Indien noch einige Zeit von klassischen Verbrennungsmotoren angetrieben wird, zeigt auch die Tatsache, dass sich in den nächsten Jahren die Zahl der Tankstellen von 50.000 auf 100.000 verdoppeln soll. Aktuell plant die indische Regierung die Installation von 2.636 Ladestationen, die in 62 Städten und 24 Bundesstaaten sowie Unionsterritorien aufgestellt werden, davon sollen immerhin 1.633 Schnellladestationen sein. Angesichts einer Landesfläche von immensen 3.287.000 Quadratkilometern (fast zehnmal so groß wie Deutschland) und der Einwohnerzahl von gut 1,3 Milliarden erscheint diese Zahl nur wie ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein. Wenn die Elektromobilität in Indien Fuß fasst, dann wird das zunächst in den Ballungsräumen der Fall sein.

Angesichts dieser Fakten erscheint der Elektro-Auftritt der Aussteller auf der Delhi Auto Expo wie ein realitätsferner Auftritt in einer Scheinwelt. Denn es gibt fast keinen Stand, an dem nicht mindestens ein Elektromobil im Scheinwerferlicht strahlte. Immerhin zeigen kleine Stadt-Stromer wie der Renault Zoe, der Renault K-ZE, ein MG E200 oder der Mahindra eKUV100, der eine Reichweite von 150 Kilometern haben soll, dass Elektroautos ein ernsthaftes Thema sind. Angesichts der Tatsache, dass dieses Fahrzeug nur rund 10.500 Euro kosten soll, wird auch bei den Elektroautos ein Preiskampf entbrennen, der wegen der Kosten für die Batterien nur schwerlich als gewinnbringendes Geschäft zu sehen ist. Zumal auch die Importeure aus Europa, den USA oder China möglichst viele Elektrofahrzeuge an den Mann bringen wollen. Immerhin zeigen Vehikel wie das E-SUV MG Marvel X, der elektrische Crossover MG ZS EV, der Tata Nexon in der Elektroversion oder die brutal auf Sportlichkeit getrimmte Roadsterstudie Mahindra Funster, dass auch in Indien E-Fahren nicht nur auf Zweckmäßigkeit getrimmt ist.