| von Wolfgang Hörner, press-inform

Der Eifer der jungen Messehostess auf der Auto Guangzhou ist vorbildlich. Beflissen und mit einem einladenden Lächeln öffnet sie die Fahrertür des kleinen SUV und bittet unmissverständlich darum, Platz zu nehmen. Chen Lu heißt sie, das steht gut erkennbar auf dem Namensschild. Weniger klar ist dagegen, welchen Namen das Auto trägt. Ein Fingerzeig auf das Fahrzeug und die auf englisch gestellte Frage nach dem Typ bleiben jedenfalls ergebnislos. Auch der Messestand ist zwar reichlich mit Emblemen und chinesischen Schriftzeichen geschmückt, eine englische Übersetzung des Markennamens fehlt jedoch. So bleibt das nette SUV namenlos und fügt sich damit in das übrige Bild des Messestands ein: Schmucklos und etwas willkürlich angeordnet wirkt er wie die Replik des Auftritts eines kleinen Importeurs auf der IAA der 1990er-Jahre - die Auto Guangzhou scheint eben doch nur irgendeine chinesische Regionalmesse im Schatten der Ausstellungen von Beijing und Shanghai zu sein. Das Pressezentrum ist verwaist, die ausliegenden Meldungen ausschließlich auf Chinesisch.

Das zu glauben, wäre aus vielen Gründen eine massive Fehleinschätzung. So liegen Aussteller- und Besucherzahlen weit über dem Niveau üblicher Regionalveranstaltungen. 900.000 Interessierte kamen im vergangenen Jahr, und 2019 peilen die Veranstalter den Sprung über die Eine-Million-Marke an. Zum Vergleich: Die einst als Leitmesse gefeierte IAA zog in diesem Jahr 560.000 Besucher an. Allerdings profitiert die jährlich stattfindende Messe in Guangzhou von den elf Millionen Einwohnern der Stadt und dem Wohlstand der Region: Hier finden die Innovationen statt, hier wird konsumiert und hier hat das Automobil noch immer einen hohen Stellenwert. Ist es dann gar elektrisch oder stammt von einer Luxusmarke, umso besser.

Sollte die Auto Guangzhou je einen regionalen Charakter besessen haben, ging dieser schon vor einigen Jahren völlig verloren: Die deutschen Premium-Hersteller erkannten die Marktbedeutung der Messe. War es anfangs noch so, dass die Konzernzentralen die Auftritte der lokalen Tochtergesellschaften nur unterstützten, mischen sie nun selbst kräftig mit. Sogar Weltpremieren internationaler Hersteller finden inzwischen auf der Auto Guangzhou statt. Gerade wenn ein neues Modell für China besonders wichtig ist und das Timing des späten Novembertermins passt, ist ein Auftritt auf dem hochmodernen Messegelände fast schon Pflicht. Die Weltpremiere des Mercedes-Maybach GLS 600 macht das überdeutlich. SUV sind auch in China gefragt wie nie, deutsche Marken stehen nach wie vor hoch im Kurs und Maybach-Modelle im Speziellen treffen als luxuriöse Spitzenversionen von S-Klasse und GLS den opulenten Geschmack der Oberschicht. Und wenn man schon mal beim Präsentieren ist, zog Daimler gleich noch ein paar Hüllen mehr ab: Neben den China-Premieren von EQS, GLB und GLS sowie dem Debüt der eigens für den chinesischen Markt angebotenen Langversion des AMG A 35 4matic, rückte auch Densa in den Fokus. Das Joint-Venture von Daimler und dem chinesischen Elektrofahrzeughersteller BYD zeigte den "X". Der wahlweise vollelektrische oder als PHEV erhältliche Siebensitzer kostet umgerechnet rund 40.000 Euro und wird in China über die Mercedes-Händler vertrieben.

Lieblos präsentiert

Wo Mercedes ist, dürfen BMW und Audi nicht fehlen. Doch die Bayern überraschten: Der Auftritt der Münchner war vergleichsweise klein und wirkt extrem statisch, der Stand von Audi war riesig, aber völlig menschenleer. Beide waren ohne Neuheiten nach Guangzhou gekommen. Anders Volkswagen, wo man sich schon einige Wochen vorher an gleicher Stelle für China als Produktionsstandort kommender elektrischer ID-Modelle festlegte. Auf der Messe debütierten die marktspezifischen Modelle Touareg PHEV, Tacqua (Schwestermodell des T-Cross) und das große MPV Viloran. Mit ID.3 (in China künftig von SAIC gefertigt) und den Konzeptfahrzeugen ID.Roomz und ID.Cross zeigten die Wolfsburger, dass sie sich spät, aber umso entschlossener der Elektro-Herausforderung in China stellen. Zurückhaltender waren andere europäische Aussteller in Guangzhou: Messepremieren feierten lediglich Peugeot mit dem 2008 (auch als Elektroversion), das Aston-Martin-SUV DBX und Rolls-Royce mit dem Black Badge Cullinan. Eine wahre Flut an Neuheiten brachten indes die vielen chinesischen Hersteller mit.

Das Bild, das sie abgeben, wird zunehmend uneinheitlicher. Das beginnt bereits bei ihren Messeaufritten: Während einige immer noch nach dem Prinzip einer Wirtschaftsgütermesse schmucklos präsentieren, sorgen Marken wie JAC und Lynk & Co. für wahre Besuchererlebnisse. Im Stil von Mini oder Jaguar emotionalisieren sie ihre Produktdarbietungen. Auch nimmt die Zahl jener Hersteller rapide ab, die sich durch ihre übersetzungslose Namensgebung einer Internationalisierung von Haus aus völlig verschließen. So wird im Zweifelsfall lieber noch ein Kunstname gesucht. Seit einigen Jahren dabei: der deutsche Begriff "Weltmeister". Dass die chinesische Automarke in irgendeiner Weise weltmeisterlich ist, muss bezweifelt werden. Fest steht aber, dass viele Marken ihre Qualitätsdefizite gegenüber den internationalen Herstellern zumindest aufgeholt haben. Die Ergonomie der außerhalb Chinas nicht erhältlichen Fahrzeuge ist zwar oft gewöhnungsbedürftig, doch dem Geschmack der Asiaten geschuldet. Innenraumkameras für WeChat-Streaming gehören dazu - und übergroße und zum Teil sogar auf dem Lenkrad platzierte Displays wie bei Nio und Byton.

Fast kein chinesischer Hersteller kam ohne stattliche Elektro- und PHEV-Flotte auf der Messe. Dabei stehen sie in der Heimat vor massiven Problemen. Nachdem die chinesischen Behörden die Subventionen für den Kauf von Elektroautos kurzerhand kürzten, brach der Verkauf der Stromer massiv ein. Weil auch in Asien die Verbrenner deutlich günstiger sind, sanken die E-Modelle wieder in der Gunst der Käufer. Um diese buhlt aber inzwischen eine unglaubliche Designbandbreite. Natürlich gibt es immer noch zahlreiche Modelle, die wie eine Kopie von Maybach, BMW oder Rolls-Royce aussehen. Und selbstverständlich verstopfen immer noch jene unspektakulären, massenmarkttauglichen SUVs und Limousinen die Messestände, die eigentlich keiner sehen will. Doch Fahrzeuge wie der kleine Ora R1, der durchdacht gestylte Geely Icon oder die Sportwagen-Studie Nio EP9 zeigen, dass chinesische Marken auch in diesem Bereich lernfähig sind.