Matthias Bentenrieder

Matthias Bentenrieder: Bei aller Dynamik darf allerdings nicht vergessen werden, dass die chinesischen OEMs und Zulieferer gegenüber ihren internationalen Wettbewerbern deutliches Aufholpotenzial haben. - Bild: Oliver Wyman

Internationale Automobilhersteller und Zulieferer sind gefordert, sich in China über strategische Partnerschaften zu positionieren, um vom gewaltigen Marktpotenzial der Elektromobilität nachhaltig profitieren zu können.

Rasches Handeln ist gefragt, denn der Wettbewerb um die attraktivsten Partner ist bereits entbrannt. Dies sind Ergebnisse der jüngsten Oliver Wyman-Studie „E-Partnerschaften in China“.

Der chinesische Automobilmarkt zählt zu den weltweit wachstumsstärksten Märkten – mit steigender Tendenz. Auch beim elektrischen Fahrzeug will China künftig den Ton angeben. Während in Deutschland bis 2020 rund eine Million Elektroautos auf den Straßen erwartet werden, sollen es im Land der Mitte rund 2,7 Millionen sein. Dazu puscht die Regierung dieses Marktsegment mit finanziellen Förderungen für Unternehmen und Kunden wie kein anderes Land.

Der neue Fünfjahresplan sieht etwa elf Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung rund um Hybrid- und Elektroautos vor. Zudem werden zahlreiche Pilotprogramme gefördert, die dabei helfen sollen, erste praktische Erfahrungen mit elektrischen Fahrzeugen zu sammeln.

In die nötige Infrastruktur fließen ebenfalls hohe Investitionen. Gerade wurden Produktionskapazitäten für die jährliche Fertigung von 500.000 Elektrofahrzeugen geschaffen, was sich Peking 1,1 Milliarden Euro hat kosten lassen. Anreize werden zudem für den Endabnehmer geschaffen. Zuschüsse von bis zu 6.800 Euro beim Kauf eines Elektroautos fördern das Interesse erheblich.

„China gibt richtig Gas“, sagt Matthias Bentenrieder, Automobilexperte bei Oliver Wyman. „Bei aller Dynamik darf allerdings nicht vergessen werden, dass die chinesischen OEMs und Zulieferer gegenüber ihren internationalen Wettbewerbern deutliches Aufholpotenzial haben. Dies gilt sowohl in technologischer Hinsicht als auch für die Struktur aller lokalen Wertschöpfungspartnerschaften.“

Ausgezeichnete Rahmenbedingungen

Dafür warten die chinesischen Unternehmen mit anderen Trümpfen auf. Abgesehen von der enormen staatlichen Unterstützung und dem riesigen Absatzmarkt prägt sich um die so wichtige Batterietechnologie eine Erfolg versprechende Industrie aus.

Eine sehr günstige Kostenstruktur, etwa bei Löhnen und Rohstoffen, wirkt sich auch auf Entwicklung und Produktion von Elektroautos aus. Hier fallen weitaus geringere Kosten als in westlichen Ländern an. Schließlich hat die Volksrepublik Zugang zu knappen, gleichwohl wichtigen Rohstoffen für Elektromotoren. Daneben schaffen die vielen Millionenstädte und eine ausgesprochen kaufwillige Kundschaft einen ausgezeichneten Rahmen für die Entwicklung von Innenstadtkonzepten rund um das Elektroauto.

Sven Wandres

Sven Wandres: Für die chinesischen Unternehmen wie für die internationalen OEMs und Zulieferer sind die Partnerschaften extrem wichtig. - Bild: Oliver Wyman

Finanzielle Risiken minimieren

Um sich so schnell wie möglich zu führenden Herstellern von Elektroautos zu entwickeln, benötigen die chinesischen Unternehmen den technologischen Input und das Know-how internationaler OEMs und Zulieferer. Entsprechend forciert die Regierung in China derzeit Partnerschaften mit ausländischen Unternehmen. Für die internationalen Wettbewerber wiederum sind Kooperationen, Joint Ventures oder Beteiligungen die Voraussetzung schlechthin, um sich Zugang zum gewaltigen chinesischen Absatzmarkt rund um das Elektroauto zu verschaffen und die günstigen Rahmenbedingungen zu nutzen.

So können die enormen Investitionen, die Forschung und Entwicklung der elektrischen Fahrzeuge und ihrer Komponenten verschlingen, gemeinsam geschultert werden. Auch haben beide Partner die Chance, gemeinsam die anhaltenden technologischen Unwägbarkeiten vor allem im Batteriesektor durch das Bündeln von Know-how zu überwinden. „Insgesamt entsteht hier eine klassische Win-Win-Situation“, so Sven Wandres, Automobilexperte bei Oliver Wyman. „Für die chinesischen Unternehmen wie für die internationalen OEMs und Zulieferer sind die Partnerschaften extrem wichtig.“

Alle Partnerschaften in Forschung und Entwicklung von Elektromobilität sind derzeit sehr viel versprechend, Batterien im Besonderen. Potenzial bieten auch Elektromotoren. Hier müssen sich die internationalen Hersteller und Zulieferer den Zugriff auf die wichtigen Rohmaterialien sichern und die Möglichkeiten der chinesischen Unternehmen in puncto kostengünstiger Massenproduktion nutzen.

Erste Partnerschaften sind bereits entstanden. Gerade in der frühen Phase des noch jungen Elektroautomarkts sind sie wichtig, um sondieren zu können, wie sich welche Partnerschaft erfolgreich gestalten lässt. Zudem kann in den Anfangsstadien hinreichende Erfahrung mit den Partnern gesammelt und die Dynamik des gesamten Umfelds verstanden werden. Insgesamt kommt auf die internationalen Unternehmen dabei eine große Lernkurve zu, und sie müssen bereit sein, Fehler zu machen.

Wyman China Zulieferer

Chinesische Zulieferer punkten im Vergleich mit internationalen Wettbewerbern bei Kosten, Fertigungskapazitäten und dem Zugang zu Rohstoffen. - Chart: Oliver Wyman
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Gute Ausgangsposition sichern

Rasches Handeln ist gefragt. Denn der Wettlauf um die attraktivsten Unternehmen in China ist in vollem Gange. Dennoch sollten die ausländischen Autobauer und Zulieferer die Partnerschaften in China gezielt, strategisch überlegt und mit einer Portion Vorsicht eingehen.

Für die internationalen Wettbewerber heißt das Gebot der Stunde, ihr Portfolio, ihre Stärken und ihre Produkte genau zu analysieren, den geeigneten Partner zu finden und mit diesem die richtige Verbindung einzugehen.

Gleichwohl ist es ratsam, die eigene Expertise wohldosiert in die Kooperation, das Joint Venture oder die Beteiligung einzubringen. Nicht jede Partnerschaft wird zum Erfolg führen. Verhindert werden muss, dass im Falle eines Scheiterns Know-how abfließt und Wettbewerbsvorteile verloren gehen.

„Partnerschaften in China sind schon allein wegen der staatlichen Regulierung grundsätzlich eine Frage von Chancen und Risiken“, betont Bentenrieder. „Fakt aber ist, dass China in den kommenden fünf bis zehn Jahren ein hoch dynamisches Wertschöpfungssystem rund um das Elektroauto schaffen wird, das größer sein wird als jedes andere auf der Welt. Dafür gilt es, sich die beste Ausgangsposition zu sichern.“

Titelbild: © Citroen