| von Stefan Grundhoff

Man mag darüber trefflich streiten, ob der schon vor zwei Jahren weitgehend unbedeutende Automobilsalon in Paris der rechte Ort für eine große Markenpremiere war. Doch Vinfast, in unseren Breiten weitgehend unbekannter Autobauer aus Vietnam, wollte ein weithin hörbares Ausrufezeichen in Europa setzen. Dafür war der eigens engagierte Ex-Fußballer David Beckham genau der Richtige. Die Kameras klickten, Interviews wurden geführt und das Interesse war da - zunächst. Seit diesem Herbst 2018 ist es zumindest in Europa ruhig geblieben um den automobilen Ableger der in Asien so mächtigen Vingroup.

Im Heimatland Vietnam ist Vinfast unter seinem Inhaber Pham Nhat Vuong seit Jahren im Bereich der Modulfertigung (CKD / SKD) für verschiedene Firmen tätig und produziert dort unter anderem das lokale Fortbewegungsmittel Nummer eins: Roller. Doch immer mehr Vietnamesen wollen ein Auto und so brachte man insbesondere mit Hilfe deutscher Kooperationspartner drei Modelle auf den Markt: ein Kleinwagen, einen Oberklasse-SUV und eine Oberklasselimousine. Das Geld der Vingroup stammt dabei aus ganz anderen Bereichen wie Bau / Immobilien, Landwirtschaft, Tourismus und Einzelhandel.

Ein Team ehemaliger GM-Verantwortlicher hatte zunächst die beiden Modelle Vinfast Lux A 2.0 und Lux SA 2.0 auf den lokalen Markt fahren lassen. BMW hatte der Vingroup die Lizenz erteilt, die technischen Plattformen des längst ausgelaufenen BMW X5 sowie des ehemaligen 5ers zu nutzen, um die ersten beiden Vinfast-Modelle so schnell als möglich Realität werden zu lassen. So wurde innerhalb kürzester Zeit aus dem ehemaligen Oberklassemodell aus Dingolfing das vietnamesische Gegenüber Lux A 2.0. Der in Spartanburg produzierte BMW X5 älterer Bauart wurde derweil zum Lux SA 2.0. "Der hohe Wiedererkennungswert der Marke, der von einer eleganten Linienführung und erlesenen Details gestützt wird, beruht auf mehreren markanten Highlights", so Designchef David Lyon, "das wichtigste Element hierfür ist das "V"-Logo am Kühlergrill, das vom Landesnamen, aber auch von den Markennamen Vingroup und VinFast abgeleitet ist. Zusammen mit Pininfarina haben wir jede einzelne Linie sorgfältig modelliert, um der Schönheit Vietnams und der Warmherzigkeit seiner dynamischen Bevölkerung durch eine moderne Designsprache auf Weltklasseniveau Ausdruck zu verleihen."

Firmenchef steckt zwei Milliarden Dollar in das Projekt

Die Fahrzeuge stammen aus dem Automobilwerk im Dinh Vu Industrial Park in Hai Phong. Die Produktionsstätte auf einem 335 Hektar großen Gelände - gebaut und koordiniert von Siemens in gerade einmal 21 Monaten - kann pro Jahr bis zu 250.000 Fahrzeuge fertigen; eine Verdoppelung der Kapazität ist eingeplant. Vinfast hat damit das einzige Werk in Vietnam, das in der Lage ist, eine komplette Automobilproduktion inklusiv Herstellung von Hauptkomponenten wie Fahrgestell oder Motor durchzuführen. Neben den beiden abgelegten BMW-Modellen Lux SA und Lux A wird als Einstiegsmodell mittlerweile der Fadil gefertigt, der technisch auf dem Opel Karl Rocks basiert. In den kommenden Jahren will Vinfast weitere Modelle vorstellen, die nahezu alle Segmente abdecken und auch über alternative Antriebe verfügen.

Verstärkt wollen die Vietnamesen rund um Firmenchef Pham Nhat Vuong auf den US-Markt und somit auf Elektrofahrzeuge setzen. Hierzu haben Vinfast und LG Chem ein gemeinsames Akkuunternehmen mit Namen VLBP gegründet. Ziel des neuen Unternehmens ist es, in Vietnam Lithium-Ionen-Akkupakete für die eigenen Elektromodelle herzustellen. Vinfast ist für den Betrieb der Produktionslinie und die Lagerung der Lithium-Ionen-Akkus verantwortlich, während der koreanische Zulieferer LG Chem die nötige technische Unterstützung leistet und das Facility-Management überwacht.

Die neuen Elektromodelle sollen ebenfalls in Vietnam gefertigt und dann ab 2021 in die USA und nach Europa exportiert werden. Die Gelder für die Expansion in die USA sollen von Investoren und aus dem eigenen Vermögen des Milliardärs stammen, der als einer der reichsten Männer Vietnams gilt und zwei Milliarden Dollar beisteuern will. Das erste Elektroauto für den amerikanischen Markt soll ein Crossover mit einer Reichweite von rund 450 Kilometern sein, der auf der Los Angeles Autoshow im November 2020 enthüllt werden sollte. Doch die Durchführung der Motorshow in der Millionenmetropole an der Westküste der USA steht wegen des Coronavirus in den Sternen. Daher ist ungewiss, ob die Premiere ins kommende Jahr verschoben wird. Ab Winter sind umfangreiche Testfahrten in den USA geplant und bereits ab Sommer 2021 könnte die Massenproduktion in Vietnam erfolgen. Aufgrund der anhaltenden Verbreitung des Coronavirus - gerade auch in den USA - scheinen diese Termine ungewisser denn je. Nicht in Frage scheint jedoch zu stehen, dass Vinfast in den Vereinigten Staaten so schnell als möglich auf den Markt rollen will. Die zahlreichen Hersteller aus China, die das bisher ohne Erfolg versuchten, scheinen Firmeninhaber Pham Nhat Vuong und die finanzstarke Vingroup nicht abhalten zu können.