Thomas Ulbrich, Vorstand E-Mobilität Volkswagen
Thomas Ulbrich, Vorstand E-Mobilität Volkswagen: "Wir werden E-Autos für Millionen bauen, nicht für Millionäre. Dazu brauchen wir entsprechende Skaleneffekte." (Bild: Volkswagen)

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mitarbeiter ist ein schönes Stichwort. Im Werk Zwickau werden seit 28 Jahren VW-Modelle gebaut, Benziner und Diesel. Nun heißt es: ab 2020 baut ihr nur noch Elektroautos. Muss man da Überzeugungsarbeit leisten oder sagen die Mitarbeiter, okay bauen wir halt Elektrofahrzeuge?
Natürlich muss man Überzeugungsarbeit leisten. Man darf ja nicht vergessen, dass das Elektroauto derzeit noch eher eine Nische ist. Die Mitarbeiter sehen die aktuellen Absatzzahlen und fragen sich dann, was das für die Zukunft von Zwickau bedeutet. Wir haben deshalb von Anfang an den offenen Austausch mit den Arbeitnehmervertretern und der Belegschaft gesucht und erklärt, warum wir vom Erfolg des Elektroautos überzeugt sind. Die Mannschaft hat nun verstanden: Volkswagen hat eine klare Elektro-Strategie, es kommen tolle Autos zu einem guten Preis und es passiert auch viel in Sachen Ladeinfrastruktur. Wir leisten quasi täglich Überzeugungsarbeit, indem wir Fakten schaffen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Würden Sie sagen, dass diese Überzeugungsarbeit schon abgeschlossen ist?
Das wäre anmaßend. Kurz vor der Sommerpause war ich auf der Betriebsversammlung in Zwickau. Dort habe ich die Konzeption und unsere Position noch einmal dargelegt. Dabei hatte ich schon den Eindruck, dass das Verständnis reift – aber gleichzeitig auch, dass noch Unsicherheit besteht. Was genau kommt in Zukunft auf uns zu? Ich behaupte deshalb nicht, dass wir der Mannschaft schon zu 100 Prozent den anstehenden Wandel erläutert haben, aber ich bin sicher, dass der Spirit des Neuen bereits greifbar wird. Für uns heißt das: weiter informieren, aufklären, Fakten erläutern, transparent sein in unserer Kommunikation. Wir werden der Mannschaft die zukünftigen Modelle noch stärker vorstellen. Viele Mitarbeiter in Zwickau haben die I.D. Familie ja noch nie live gesehen. Das macht viel aus, denn die Autos sind einfach stark, die sorgen von ganz alleine für Begeisterung. Und an Begeisterungsfähigkeit fehlt es in der Mannschaft nicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der Umbau und die Umstellung des Werks ist das eine. Wie sieht es mit dem Zuliefernetz aus. Sind die Lieferanten bereits so weit, um ihre Bedürfnisse 100 Prozent E-Mobility abzudecken?
Das ist schon noch ein Thema, aber dadurch, dass wir bereits 2013 angefangen haben E-Fahrzeuge zu bauen, hat sich bereits ein solides Netzwerk entwickelt. Wir haben aber noch nicht den Level erreicht, dass wir alle Felder aus Deutschland oder Europa abdecken können, weshalb wir auch Komponenten aus Asien beziehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind solche Felder?
Ein zentrales Credo unserer künftigen MEB-Fahrzeuggeneration lautet „always on“, also die ständige Verbindung des Fahrzeugs mit dem Internet. Das bedeutet, dass wir verstärkt Komponenten beziehen werden, die aus der Welt der Unterhaltungselektronik kommen. Und das ist ein Bereich, in dem europäische Lieferanten starke Konkurrenz aus Asien haben. Oder nehmen sie den Bereich Ladegeräte, wo wir bereits in den Bereich der Elektrotechnik kommen. Auch da haben wir Lieferanten aus Asien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sieht es mit den Bereichen Antrieb und Batterie aus?
Das ist Kernkompetenz, diese Komponenten fertigen wir im Zweifel auch Inhouse. Den Antrieb produzieren wir in Kassel, das Batteriesystem in Braunschweig, wobei wir die Zelltechnologie aber zukaufen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Von wem kaufen Sie die Zelltechnologie zu?
Für die erste MEB-Generation in Europa vor allem bei LG Chem. Wir haben langfristige Verträge geschlossen, um eine abgesicherte Zulieferung sicherzustellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und in China, wer liefert dort zu?
In China beziehen wir bei CATL.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Nun wird CATL in Deutschland eine Batteriezellfabrik bauen, hat das Einfluss auf ihre Planungen?
Das hat zunächst keinen Einfluss. Wir haben mit LG Chem Verträge für eine Erstausrüstung unserer Volumen abgeschlossen. Dafür baut unser Partner aktuell Produktionskapazitäten auf. Sehr wohl ist es aber wichtig, dass sich in Sachen Batteriezelltechnik - und damit auch im Hinblick auf die dafür notwendigen Kapazitäten - sukzessive ein europäisches Liefernetz ausbildet, so dass wir auf ausreichend Zulieferkapazität zurückgreifen können. Wir haben ja schließlich Wachstumspläne - so wie andere OEM auch.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was heißt das, ein „europäisches Liefernetz ausbilden“? Dass sich weitere Zellproduzenten in Europa ansiedeln?
Ja.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Arbeiten Sie mit anderen Hersteller aktiv am Aufbau eines solchen Netzes?
Für den Moment sind wir in Europa gut aufgestellt. Aber wir haben auch immer gesagt, dass die Batteriezelle für uns ein Schlüsselthema ist, bei dem wir uns langfristig nicht von wenigen asiatischen Herstellern abhängig machen dürfen. Darüber sprechen wir sowohl mit der Politik als auch mit anderen europäischen Unternehmen. Unter anderem bauen wir in unserem „Competence Center“ in Salzgitter das nötige Know-how für die Zellfertigung auf. Und wir arbeiten gemeinsam mit Quantumscape an der übernächsten Zukunft der Batterietechnologie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Übernächste Zukunft heißt Festkörperbatterie?
Richtig. Die Festkörperbatterie bietet riesiges Potenzial. Quantumscape gehört zu den Pionieren dieser Technologie. Gemeinsam wollen wir die Entwicklung beschleunigen und die Technologie zur Serienreife bringen. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik, wir reden da über einen Zeitraum ab Mitte des nächsten Jahrzehnts.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen bewegt sich noch auf einem niedrigen Level. Und trotzdem bekunden erste Hersteller bereits Probleme mit der Batterieversorgung. Bereiten Ihnen die Prognosen von Experten Kummer, dass die Nachfrage schon bald das Angebot übersteigen könnte?
Nein. Uns macht das im Moment keinen Kummer. Mit den bestehenden Verträgen ist Volkswagen für den notwendigen Zeitraum ausreichend versorgt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Da Sie gerade den überschaubaren Zeitraum erwähnen. Wie sieht denn der Hochlaufplan für die E-Fahrzeuge aus?
Bei der Marke Volkswagen werden wir in 2020 mit 100.000 MEB-Fahrzeugen starten. Die werden dann aus Zwickau kommen. Bis 2025 werden wir die Stückzahl auf gut eine Million reine E-Fahrzeuge pro Jahr hochfahren, dann aber natürlich nicht nur aus Zwickau, sondern weltweit.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und die Ansage, dass das erste Fahrzeug der I.D.-Familie, der kompakte I.D., für rund 30.000 Euro kommen wird?
Wir stehen dazu, dass sich der I.D. auf dem Preisniveau eines vergleichbar ausgestatteten Golf-Diesel bewegen wird. Wir werden E-Autos für Millionen bauen, nicht nur für Millionäre. Besonders das erste Fahrzeug der I.D.-Reihe wird eine Ikone, so wie es seinerzeit Käfer und Golf in ihrer Generation gewesen sind. Davon bin ich überzeugt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, dieser erste Aufschlag muss hundertprozentig sitzen?
Genau. Und das wird er.

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