Christian Kleinhans, Partner Berylls Strategy Advisors

“OEMs und Zulieferer müssen ihre Leichtbaukompetenzen ausbauen”, sagt Christian Kleinhans, Partner Berylls Strategy Advisors. Bild: Berylls

AUTOMOBIL PRODUKTION: Im Karosserie-Leichtbau buhlen Stahl, Aluminium und Verbundwerkstoffe um die Gunst der Konstrukteure. Welcher Werkstoff hat aus Ihrer Sicht die größten Zukunftsperspektiven?
Hoch- und höchstfeste Stähle sind die Wachstumsmärkte der Zukunft: Bis 2025 entfallen auf diese mehr als zwei Drittel des Marktwachstums im Karosserieleichtbau. Warmumformung und neue Stahlgüten schaffen hier zusätzliche Leichtbaupotenziale, und das mit vergleichsweise hoher Wirtschaftlichkeit. Trotzdem: Aluminium wächst mit mehr als 20 Prozent per anno überdurchschnittlich stark und erreicht bei mittleren bis großen Fahrzeugen einen Marktanteil von 20 bis 50 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie lange noch bleibt der Karosserie-
leichtbau ein Privileg der Premiumklassen?

Ohne Leichtbau geht schon heute nichts mehr, auch nicht im Volumensegment. Der aktuelle Golf VII zeigt schon heute, wie intelligenter Stahlleichtbau wirtschaftlich realisierbar ist. Zukünftig finden sich moderne Leichtbaulösungen – insbesondere Stahlleichtbau und stahlintensiver Multi-Material-Leichtbau – dann breit im Volumensegment: Hoch- und höchstfeste Stähle und Aluminium holen auch im Volumensegment massiv auf und werden bis im Jahr 2025 nahezu in gleicher Tonnage Bauteilgewicht verbaut werden. Voraussetzung dafür ist der rasant zunehmende Material- und Konzeptwettbewerb, um „bezahlbaren“ Leichtbau bei hohen Stückzahlen zu realisieren.

Zur Person
Christian Kleinhans (Jahrgang 1966) hat nach einer dreijährigen Karriere in der Pkw-Entwicklung der Daimler-Benz AG über 14 Jahre in der Automotive Practice von Oliver Wyman gearbeitet, davon neun Jahre als Partner und Associate Partner. Er ist seit März 2011 als Gründungspartner für Berylls tätig. Seine Beratungsschwerpunkte liegen bei Automotive Upstream Strategien, Engineering-Dienstleistern, traditionellen Automobilmärkten, Elektromobilität sowie bei Performance Improvement Programmen. Kleinhans studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Kaiserslautern, technische Fachrichtung Maschinenwesen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wird sich das werkstoffbezogene Wachstum im Karosserieleichtbau auf die globalen Automotive-Märkte in den nächsten zehn Jahren verteilen?
Der Markt für Karosserieleichtbau verfünffacht sich nahezu bis 2025 auf knapp 100 Milliarden Euro. Allein die Fahrzeuge aus der Produktion in China stehen für knapp 30 Prozent dieses Wachstums; China wäre damit im Jahr 2025 fast gleichauf mit dem europäischen Leichtbaumarkt. Der heute und auch zukünftig führende Karosserieleichtbau-Markt Europa wächst zwar unterdurchschnittlich, aber mit jährlich knapp 10 Prozent immer noch substanziell. Daneben gewinnt der NAFTA-Raum stark an Bedeutung, weil die amerikanischen OEMs aufgrund ihrer vergleichsweise schweren Fahrzeugflotten hier Nachholbedarfe haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielen alternative Antriebe beziehungsweise die Fahrzeug-Elektrifizierung in diesem Zusammenhang?
Zukünftig geht Leichtbau „Hand in Hand“ mit der weiteren Elektrifizierung des Antriebsstrangs: Durch Leichtbau sind auch bei Hybrid- und insbesondere batterieelektrischen Fahrzeugen die Mehrgewichte elektrischer Antriebe so weit als möglich zu kompensieren. Leichtbau leistet hier einen Beitrag zur Verlängerung der elektrisch gefahrenen Reichweite – nicht umsonst setzt BMW beim elektrisch angetriebenen i3 auf konsequenten Leichtbau.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bedeuten die Trends im Karosse- rieleichtbau für die Fertigungstiefe und die Kernkompetenzen der OEMs und das Zusammenspiel mit Zulieferern?
Die nächsten Jahre sind von Lösungsvielfalt und Wettbewerb im Karosserieleichtbau geprägt – mit Chancen, aber auch mit Risiken für alle Beteiligten, bei OEMs wie auch bei Karosseriezulieferern. Etablierte Karosserielösungen kommen durch verstärkten Material- und Konzeptleichtbau unter Druck. OEMs und Karosseriezulieferer müssen ihre Leichtbaukompetenzen ausbauen, nicht nur für alternative Leichtbaumaterialien, sondern insbesondere hinsichtlich innovativer Füge- und Verbindungstechnik für Mischbauweisen und Hybridlösungen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was kennzeichnet zukunftsfähige Geschäftsmodelle von Karosseriezulieferern?
Wichtig wird der Ausbau von Lösungskompetenz für ein breiteres Spektrum an Leichtbaumaterialien und -konzepten. Dazu können auch Kooperationen bis hin zu Mergers & Acquisitions dienen, um Kompetenzprofile komplementär zu ergänzen. Zudem ist die Internationalisierung der Fertigung weiter voranzutreiben: gerade die deutschen OEMs stehen hier vor der Herausforderung, bei der Internationalisierung ihrer Fahrzeugproduktion kompetente Karosseriepartner mitzunehmen, die in den Wachstumsmärkten wie China und Brasilien, aber auch in NAFTA Leichtbaufertigungen etablieren. Statt sich ausschließlich als „Build-to-Print“ Produktionspartner zu positionieren, schafft Leichtbau zudem neue Möglichkeiten zur Positionierung als „echter“ (Vor-)entwicklungs- und Lösungspartner der OEMs.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welcher Automobilhersteller ist aus Ihrer Sicht derzeit Benchmark im automobilen Leichtbau und warum?
Die Automobilhersteller setzen durchaus unterschiedliche Schwerpunkte im Karosserieleichtbau: Die neuen Karosserien der S- und der C-Klasse sind beim Multi-Material-Design sicherlich führend. BMW hat mit i3 und i8 bei Carbonfaser verstärktem Kunststoff in größeren Fahrzeugstückzahlen richtig vorgelegt. Und Volkswagen treibt massiv den intelligenten Stahlleichtbau mit Warmumformung voran, während Audi weiterhin über die meiste Expertise bei Aluminium verfügt, in einem breiten Anwendungsspektrum.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche „Hausaufgaben“ haben die Stahl- und Aluminiumhersteller noch zu machen, um den Karosserieleichtbau weiter zu beflügeln?
Es wird weiter darum gehen, zusammen mit OEMs, Karosseriezulieferern, Werkzeugspezialisten und Anlagenbauern an neuen Materialtechnologien und -lösungen zu arbeiten. Die Zukunft liegt in einer noch engeren Vernetzung, um Leichtbaupotenziale insbesondere unter Wirtschaftlichkeitsaspekten und mit Blick auf globale Produktionsnetze der OEMs und Zulieferer zu realisieren. Als eine der zukünftigen Kerndisziplinen im Automobilbau bietet Leichtbau enormes Potenzial für alle Beteiligten.

Das Interview führte Christian Klein

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