| von Stefan Grundhoff

David Alfredo Ferrufino Camacho ist keiner, den man im mächtigen Forschungs- und Innovations-Zentrum FIZ, dem Entwicklungshirn von BMW im Norden Münchens, an jeder Ecke sieht. Der gebürtige Bolivianer verzichtet auf kurzärmelige Hemden, Krawattennadeln und eine Handytasche am Gürtel. Der begeisterte Sportler und Vater von drei Kindern hatte seit seiner Jugend nur einen Traum: er wollte nach München, er wollte zu BMW - die besten Autos der Welt bauen. Ende des 70er Jahre hatte er im bolivianischen Fernsehen einen Bericht über die bayrische Metropole nach der Olympiade und den Münchner Autobauer gesehen. Wie andere an Sporthelden oder Filmstars ihr Herz verlieren, verguckte sich David Ferrufino in einen Ort weit weg von seiner Heimat im bolivianischen Cochabamba: "Ich war in der dritten Welt in Bolivien schon als Kind BMW-Fan. Damals war es für uns ein unerreichbarer Traum, einen BMW fahren zu dürfen, geschweige einen BMW zu besitzen."

Die Stationen seines beruflichen Werdegangs auf dem Weg zum BMW i4 sind seither nahezu zahllos. Weil man ihn trotz seines prächtigen Abiturs im Heimatland belächelte, als er von seinem Traum erzählte, nach Deutschland zu gehen, und ihm keinerlei Hoffnungen machte, wählte Ferrufino den Ausbildungsumweg über Argentinien. Auf der katholischen Universität Cordoba lief es Mitte der 80er Jahre beim Studium der Elektrotechnik an sich prächtig. Doch als er plötzlich die Chance sah, über ein Austauschprogramm doch noch nach Deutschland zu kommen, setzte der damals 17jährige David alles auf eine Karte, hinterließ in Argentinien alles, was er hatte, setzte sich im harten Auswahlverfahren schließlich durch und kam über Etappen in Köln und Gießen schließlich doch in seine Traumstadt zu seinem Arbeitgeber, der ihn seit dem Filmbeitrag nahezu Tag für Tag begleitete. "Es ist nicht immer einfach, das zu bekommen, was man will", wird Ferrufino plötzlich ernst, "man darf die eigenen Ziele nicht ein Leben lang träumen, sondern muss diese jeden Tag leben und umsetzen." So kam er nach Deutschland, nach München, zu BMW und machte seine spätere Frau auf sich aufmerksam, die nach eigenen Angaben von ihm zunächst nichts wissen wollte.

Das Studium der Fahrzeugtechnik, die Position als BMW-Fertigungsplaner bei den großen Modellen, als Teilprozesskettenverantwortlicher beim Exterieur, Konzeptingenieur und Abteilungsleiter Mechatronik und was noch alles für Tätigkeiten beackerte David Ferrufino mit einem Enthusiasmus, wie ihn selbst bei dem ingenieurs- und produktionsgetriebenen Autobauer BMW nur wenige in sich tragen. Mittlerweile hat der ergraute Mann mit den listigen Augen und dem lustigen Lachen eine der zentralen Entwicklungspositionen im Hause BMW inne. Was sich mit der Bezeichnung "Leiter Sublinie Cabrio, Gran Coupé, Coupé, 4er & 2er, BEV 4er & 3er und Projektleiter 4er Gran Coupé & BEV im BMW Forschungs- und Innovationszentrum / München / LK-C" langweilig anhört, ist ein Posten, um den Ferrufino viele beneiden - intern wie extern. Auf der einen Seite ist der Dreier BMW das ursprüngliche Herz der Marke BMW; zum anderen hat er damit auch den Hut auf, dass beim 4er Gran Coupé und dem so wichtigen Elektro-Schwestermodell BMW i4 nichts aus dem Ruder läuft.

Start 2021

Bereits auf der IAA 2017 stellte der damalige CEO Harald Krüger auf der Messebühne eine gleißend weiße Konzeptstudie namens BMW iVision Dynamics vor, von der außer der Hülle noch nicht allzu viel fertig war. An sich hatte man die Studie eines elektrischen Mittelklassemodells in Coupéform erst später zeigen wollen, doch der Druck war größer denn je - einer der innovativsten Autobauer der Welt hatte trotz der frühen Tendenzen zu BMW i3 / i8 den Elektrotrend verschlafen. Fortan war der Fokus auf den elektrischen BMW i4 noch stärker als ohnehin schon. Der elektrische Vierer sollte einer werden, der BMW nicht nur auf eine Stufe mit dem Tesla Model 3 stellen sollte. Man wollte mit Vollgas überholen - natürlich lokal emissionsfrei und zumindest auf der Straße weitgehend geräuschlos. Das Model 3 von Tesla tut BMW mittlerweile weh; Audi und Mercedes ebenso. Keiner hat ein bezahlbares Mittelklassemodell mit Stecker, das gerade in den USA so wichtig wäre, um Kunden zu halten. Hier ist das Model 3 längst in ferne Weiten entschwunden und es gibt kaum einen Interessenten, der sich statt des elektrischen Teslas für den allemal sehr guten BMW 330e PHEV entscheidet. Mehr hat BMW derzeit nicht zu bieten.

David Ferrufino und sein Team sollen es richten, dass der i4 ab 2021 ein Volltreffer wird. Die Erwartungen sind hoch und BMW hat dem i4 ebenso die Ferrufino zumindest etwas Druck von den Schultern genommen, indem man dem iNext den Vortritt gibt. Der elektrische SUV wird im kommenden Jahr einige Monate vor dem BMW i4 auf den Markt kommen. Dieser soll in Sachen Design, Technologie und Antrieb neue Bestmarken für die Bayern setzen. Kurz danach soll der BMW i4 dann neue Kunden anlocken. Wird er ein Erfolg, wird man David Ferrufino auf die Schulter klopfen. Das elektrische 4er Gran Coupé könnte dann vielleicht das neue Herz von BMW werden - wenn sich der SUV-Trend doch einmal abschwächen sollte. David Ferrufino: "Das 4er Gran Coupé der Verbrennerwelt steht neben den Coupés und Cabrios an den Spitzenplätzen der Brandshaper-Skala mit hohem Markenbeitrag. Der i4 als erster flacher BEV der BMW Group mit Gran-Coupé-Charakter, sportlichen Proportionen und Fahrdynamik wird genau diesen hohen Markenbeitrag in das Zeitalter der Elektromobilität transferieren." Jetzt müssen nur noch die Kunden mitspielen. An David Ferrufino wird es nicht liegen.