Alan Mulally, Ford

Der Boss sagt bye-bye: Ende Mai verabschiedete sich ein gut gelaunter Alan Mulally von den Ford-Mitarbeitern in England und Deutschland. Das Bild entstand im Design-Center in Köln-Merkenich. Rechts neben Mulally Ford-Europa-Chef Stephen Odell. Bild: Ford

Es ging zu wie bei Freunden an diesem 1. Mai. Es wurde gescherzt und gelacht unter den Herren Mark Fields, Bill Ford und Alan Mulally. Beobachter berichten, dass sich der scheidende Top-Mann des US-Herstellers die ein oder andere Träne der Rührung verdrücken musste. Natürlich hatte die heiter-gelöste Stimmung stark damit zu tun, dass der Autobauer so gar nichts mehr mit dem Pleitekandidaten zu tun hat, den Mulally bei seinem Amtsantritt acht Jahre zuvor vorgefunden hatte.

Zum Start 12,8 Milliarden Verlust
Das Ford-Produktportfolio damals war unklar, das Sammelsurium europäischer Luxusmarken türmte rote Zahlen und der in der Not als CEO eingesprungene Bill Ford musste erkennen, dass er für das harte Alltagsgeschäft auf dem falschen Posten war. Dann kam Mulally von Boeing. Zum Einstieg gab es für den Manager-Haudegen aus der Luftfahrtindustrie einen Rekordverlust von 12,8 Milliarden Dollar als Bürde.

Zum Start ein Verlust von 12,8 Mrd. Dollar

Was dann geschah lässt US-Wirtschaftsjournalisten inzwischen vom wichtigsten Automanager der Nachkriegszeit schwärmen, wenn sie über den Manager mit der Asketen-Aura berichten. Warum, sagen Zahlen: 42 Milliarden hat Ford seit 2009 verdient. In 19 Quartalen nacheinander standen unter dem Strich schwarze Zahlen und Fields übernimmt morgen (1. Juli) die Führung eines Unternehmens, das in diesem Jahr nach Analystenschätzung einen Gewinn zwischen sieben und acht Milliarden Dollar einfahren wird.

Mulally, Ford, Field

Shakehands unter Freunden: Alan Mulally (links) und sein Nachfolger Mark Fields (rechts). In der Mitte Bill Ford. Bild: Ford

Aber auch ungeachtet der Zahlen war der Wechsel an der Spitze symptomatisch für die Ford-Kultur, die sich unter Mulallys Führung verfeinert hatte: konsequent, souverän und trotz aller harten Schnitte sympathisch. Eine der ganz großen Qualitäten des Managers war nach Einschätzung des Autoexperten Stefan Bratzel, wie ruhig und sachlich, aber gleichwohl unbeirrt der inzwischen 68-jährige Manager den Autohersteller umgekrempelt hat. So, dass er sich den meisten ? wie nun auch bei seiner Abschiedstour in Europa ? als tiefenentspannter, freundlicher Herr ins Gedächstnis gebrannt hat. Völlig weggedimmt wird darüber, dass Mulally auf dem Weg zur One-Ford-Strategie tausende Job weg rationalisiert hat und sich komplett vom Bestand europäischer Luxusmarken verabschiedete. “Konsequenter” als andere, so Bratzel, hat Ford auch die Lehren aus der Europa-Krise gezogen und die Produktionskapazitäten um rund 355.000 Einheiten zusammengestrichen. Selbst das ging ? von Auseinandersetzungen in Genk abgesehen ? relativ geräuschlos über die Bühne.

In den USA wiederum gründet sich Mulallys Managerruhm darauf, dass er im Gegensatz zu GM und Chrysler in der Krise 2009 nicht unter das schützende Dach des Staates geschlüpft ist. Dass er nicht die Steuerzahler für die Managementverfehlungen der Vergangenheit hat zahlen lassen, mache ihn “sehr, sehr stolz”, wie er nochmal bei seiner Europa-Abschiedstour am Rande des Treffens der Amercian Chamber of Commerce (AmCham) Ende Mai in Düsseldorf bekannte.

“Konsequenter als andere”

Einer der besonderen Kniffe war nach Einschätzung des amerikanischen Autojournalisten Daniel Howes, dass Mulally bei seinem Amtsantritt nicht eine Truppe Boeing-Buddies mitgebracht hat, sondern weitgehend dem vorhandenen Personal vertraute, und so den Prozess des Wandels auf Basis einer stabilen inneren Führungsmannschaft umsetzen konnte. Schon damals hat sich der Auto-Quereinsteiger Mark Fields als Nachfolger herausgepickt. In der Folge agierten die beiden als kongeniales Duo, bei dem Mulally den Part des Strategen besetzte, Fields den des Umsetzers. 2012 wurde der jugendlich wirkende Manager zum COO gekürt, als der er für das weltweite Tagesgeschäft verantwortlich war. Diese letzte Bewährungschance hat er mit Bravour bestanden. Dass Fields nun früher als geplant die Chefrolle übernimmt, kann man als verkürzte Probezeit interpretieren.

Bei aller Begeisterung über die Manager-Leistung von Mulally ist es allerdings keineswegs so, dass sich Fields nur in ein gemachtes Nest zu setzen braucht. Im extrem volatilen Autogeschäft warten erhebliche Herausforderungen auf ihn. In Russland ist der Produktionsaufbau und Ausbau der SUV-Familie um den EcoSport und den Edge schwer von den politischen Verwerfungen überschattet. Der Aufbau einer stabilen Produktion gestaltet sich zäh, der Launch der neuen Modelle kommt zur Unzeit einer Wirtschaftskrise. Bei den etablierten Modellen Mondeo und Focus geht gerade gar nichts.

Keine Pause für Fields

Im wichtigen China-Geschäft steht Ford vor der Herausforderung, Lincoln als Luxus-Marke gegen die dominanten deutschen Premiumanbieter zu etablieren. In Südamerika sorgen die Währungsturbulenzen für Unruhe. Für den weiteren Weg am heimischen Markt ist der Erfolg des neuen Trucks F-150, der seit 30 Jahren die Auto-Verkaufscharts in den USA anführt, von entscheidender Bedeutung. Auch ist Ford strukturell zu abhängig von Nordamerika. Zwar hat der Autobauer in den vergangenen Jahren die Globalisierung energischer vorangetrieben und den Anteil der in Nordamerika verkauften Fahrzeuge von 65,2 Prozent deutlich gedrückt.
Nach Einschätzung von IHS Automotive-Analystin Stephanie Brinley wird dieser im Jahr 2020 aber immer noch bei hohen 41,6 Prozent liegen. China trägt zum globalen Ford-Absatz aktuell rund 14 Prozent bei. Die Basis für weiteres Wachstum auf dem wichtigsten Automarkt der Welt ist solide, mehr aber auch nicht. Bis 2020 erwartet Brinley einen nur schwachen Zuwachs auf 15,3 Prozent.

Umso wichtiger, dass Ford in Europa die Kurve kriegt. Im vergangenen Jahr türmten sich die Verluste auf 1,6 Milliarden Euro. Mit einem tiefgreifenden und weitgehend abgeschlossenen Eingriff in die Produktionslandschaft von Ford in Europa und einem sehr jungen Produktportfolio, soll bis Ende 2015 der Turnaround am Sorgenmarkt gelingen.

Architekt des Europa-Plans

Die Berufung von Mark Fields auf den Chefsessel des Autobauers gibt den Ford-Werkern in Europa die Gewissheit, dass da künftig einer entscheidet, der die Lage kennt. Der 53-jährige Automanager hat einen guten Teil seiner glänzenden Ford-Karriere in Europa verbracht ? als Chef von Ford Europa wie auch in der undankbaren Rolle, die in der Vor-Mulally-Ära wild zusammengekauften europäischen Luxusmarken Jaguar, Land Rover, Aston Martin und Volvo unter dem Dach des Volumenherstellers zu domptieren. Fields gilt als Macher des in der Umsetzung befindlichen Restrukturierungskonzeptes für Europa dessen Kern eben nicht nur Sparen und Streichen ist, sondern eine massive Produktoffensive mit 25 neuen Modellen in den nächsten fünf Jahren.
Ein Kurswechsel in der Europastrategie ist unter Fields nicht zu erwarten: Zwar könne er nicht für seinen Nachfolger sprechen, aber bei der Entwicklung des Europa-Plans habe dieser eine wesentliche Rolle gespielt. Der Plan entwickele sich “sehr, sehr zufriedenstellend”, das Ziel, bis Ende 2015 wieder schwarze Zahlen zu schreiben, steht. Insofern, so Mulally auf seiner Europa-Abschiedsrunde, gebe es “keinen Grund für einen Kurswechsel.” Den besten Beweis liefert hierzu, dass Köln inzwischen den Zuschlag bekommen hat, auch den nächsten Fiesta in Köln zu bauen.

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Frank Volk