Siegfried Fiebig

Siegfried Fiebig: Hinter uns liegen sehr anstrengende Wochen, aber wir haben eine tolle Mannschaft und uns lange und intensiv auf den Anlauf vorbereitet. Alle wissen wie wichtig unser Golf ist. Von dieser Seite her gesehen sind wir wie geplant gut unterwegs. - Bild: VW

Wenn heute in Berlin die Hüllen des neuen Golf VII fallen, dann dürfte Siegfried Fiebig, Werksleiter im VW-Stammwerk Wolfsburg und der Herr der Gölfe, ganz tief durchatmen. Denn derzeit findet er kaum eine Verschnaufpause.

Neben dem Produktionsanlauf für die siebte Generation des VW-Beststellers galt es, das Werk auf die Produktionsweise auf Basis des “Modularen Querbaukastens” (MQB) vorzubereiten. Der VW-Golf VII ist mit dem Audi A3 und dem Seat Leon das dritte Modell, das auf dem MQB basiert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Fiebig, sind Sie gut bei Kräften?

Siegfried Fiebig: Warum?

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ihr Produktionsvorstand Michael Macht sprach neulich davon, dass der Golf-Anlauf eine Herkules-Aufgabe darstellt.

Siegfried Fiebig: Es liegen in der Tat sehr anstrengende Wochen hinter uns, aber wir haben eine tolle Mannschaft und uns lange und intensiv auf den Anlauf vorbereitet. Alle wissen wie wichtig unser Golf ist. Von dieser Seite her gesehen sind wir wie geplant gut unterwegs.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist der Anlauf des Golf VII ein Ereignis, wo der Pulsschlag eines gestandenen Verantwortlichen wie bei Ihnen noch hoch geht?

Siegfried Fiebig: Der Anlauf eines neuen Golf ist immer wieder etwas Besonderes. Entsprechend haben wir eine intensive Vorbereitung gehabt. Es gab dabei eine sehr enge und fokussierte Zusammenarbeit mit unseren Kollegen der Entwicklung und Qualitätssicherung. Besonders mit Blick auf die neuen technischen Standards.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Am 6. August war Startschuss für den Bau des Golf VII. In welchem Rhythmus fahren Sie die Produktion jetzt hoch?

Siegfried Fiebig: Begonnen haben wir mit 15 Autos pro Tag. Das haben wir auf 30 gesteigert und dann geht es schneller hoch in 50er-Sprüngen. So dass wir doch schon Ende September deutlich an die 1.000 Fahrzeuge kommen werden. Und bis Jahresende gehen wir davon aus, dass wir wieder bei 2.200 Golf pro Tag sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und da wird im selben Ausmaß dann die Golf VI-Produktion runtergefahren?
Siegfried Fiebig: Der Golf VI wird bei hohem Volumen noch bis Ende Oktober produziert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit der siebten Generation beginnt auch für den Golf insofern eine neue Produktions-Ära wird er doch erstmals auf Basis des Modularen Querbaukastens (MQB) gefertigt wie bereits Audi A3. Ist es da eigentlich noch zeitgemäß, wenn Sie von Anläufen einzelner Fahrzeuge sprechen? Oder ist es nicht viel mehr ein Anlauf von einem Segment?

Siegfried Fiebig: Das ist eine Frage, die man vielleicht als Außenstehender so sehen kann. Aber: MQB bedeutet, dass die Bodengruppen gleich sind, was natürlich große Vorteile beim Einkauf bringt, weil wir hier ganz andere Volumina fahren. Ebenso können wir durch den MQB den Mechanisierungsgrad optimal weiter entwickeln. Das ändert aber nichts daran: die Marken müssen ihre Eigenständigkeit vor Kunde behalten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sonst wäre ja auch das unterschiedliche Preisgefüge unter den Marken kaum zu rechtfertigen.

Siegfried Fiebig: MQB heißt, dass die Architektur des Fahrzeugs von der Bodengruppe her gesehen gleich ist. Dieses sieht der Kunde aber nicht. Was die Markenidentität ausmacht, das ist der gesamte Aufbau – und der ist immer wieder komplett neu und eigenständig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wird für Sie als Werksleiter das Leben leichter mit dem MQB oder schwerer oder einfach nur anders?

Siegfried Fiebig: Sagen wir: anders. Durch die Baugruppen für den MQB oder die Verwendung in den unterschiedlichsten Marken haben wir natürlich ein hohes Volumen. Deshalb gilt in Hinsicht auf die Modulare Baukastenstrategie noch mehr als vorher für uns alle: Null-Fehler-Toleranz! Denn wenn da etwas nicht in den richtigen Bahnen läuft, dann haben Sie das Problem sofort multipliziert. Und das darf nicht passieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gilt das auch in Richtung Zulieferer? Muss man da noch genauer auf das Material schauen, das geliefert wird?

Siegfried Fiebig: Ja, das stimmt. Der Anspruch an die Partner ist nochmals gestiegen. Aber mit unseren Lieferanten pflegen wir eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die nehmen wir natürlich mit auf unserem Erfolgsweg.

Siegfried Fiebig

Siegfried Fiebig: Die Modernisierungsmaßnahmen mit der wir uns auf die neue Produktionsform vorbereitet haben, hat ein Volumen von 2,5 Milliarden Euro. - Bild: VW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo liegen denn die Vorteile des MQB für Sie als Werksleiter?

Siegfried Fiebig: Ein Aspekt ist, dass wir einen sehr, sehr hohen Mechanisierungsgrad realisieren. Ebenso von hoher Bedeutung ist, dass wir mit dem MQB die Produktivitätssprünge erreichen, die wir brauchen, um langfristig wettbewerbsfähig zu sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Lässt sich der Produktivitätssprung in Zahlen benennen?

Siegfried Fiebig: Wir haben immer gesagt, dass wir eine Größenordnung von 20 Prozent erreichen wollen. Es lässt sich bereits jetzt absehen, dass dies nicht unrealistisch ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der A3 wird jetzt schon etwas länger auf Basis des MQB produziert. Konnten Sie von den Erfahrungen bei Audi schon lernen?

Siegfried Fiebig: Wir haben die gesamte Zeit während der Entwicklung des MQB mit den Kollegen von Audi zusammengearbeitet. Unsere Mitarbeiter in den Gewerken waren direkt bei Audi und haben den Produktionsstart intensiv begleitet. Wir sind da alle eng verzahnt untereinander. Wir lernen alle voneinander, täglich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Umbaumaßnahmen waren hier im Werk notwendig, um sich auf den MQB und den Golf VII-Anlauf vorzubereiten?

Siegfried Fiebig: Das waren nicht nur Umbauarbeiten, wir haben eine grundsätzlich neue Struktur hier ins Werk hinein gelegt. Das betrifft nicht nur die Produktion, sondern umfasst auch die Infrastruktur ? also Gebäude, Instandhaltungen, ergonomische Maßnahmen. Die Modernisierungsmaßnahmen mit der wir uns auf die neue Produktionsform vorbereitet haben, hat ein Volumen von 2,5 Milliarden Euro.

Dazu kommt die fachliche Qualifikation unserer Mitarbeiter. Wir haben Lernwerkstätten aufgebaut für alle Bereiche der Produktion. Wir haben eine Lernwerkstatt im Presswerk, wir haben sie im Rohbau, in der Lackiererei, in den Montagebereichen, in der Qualitätssicherung und in der Logistik. Nur so werden wir unserem selbstgesetzten Anspruch Null-Fehler-Programm und “mach es gleich richtig” gerecht.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Der MQB ist ein großer Schritt für die Volkswagen Produktion. Ein weiterer war und ist der sogenannte “Volkswagen-Weg”, den sie 2007 beschritten haben. Die damals gesteckten Ziele lauteten ? vereinfacht gesagt ? höchste Produktivität und Wirtschaftlichkeit durch eine Verbesserung der Produktionsprozesse und eine Optimierung der Arbeitsorganisation. Was wurde seither erreicht?

Siegfried Fiebig: Die Veränderungen sind im Werk überall sichtbar. Die neue Struktur hier im Werk, das ist auch ein Resultat des Volkswagen-Weges. Ein Beispiel: Wir sind heute in der Lage 700 Lkw, die ja jeden Tag mit Material in die Fabrik fahren, auf den Punkt genau bis an die Linien zu steuern. Sie sehen heute wesentlich weniger Gabelstapler in der Fabrik als früher. Sie sehen dort kaum noch Großladungsträger, die Materialbereitstellung erfolgt minutengenau in kleinen Losgrößen.

Das ist schon sichtbar im Materialfluss. Die Durchlaufzeiten haben sich dramatisch verkürzt, was auch mit einer Verkürzung der Förderstrecken zu tun hat. Als ich vor fünfeinhalb Jahren in Wolfsburg begonnen habe, hatten wir noch Förderstrecken von 176 Kilometern, heute sind es noch knapp unter 100 Kilometer. Wir beziehen die Mitarbeiter aktiv ein in kontinuierliche Verbesserungsprozesse. Heute arbeiten 1.400 Teams parallel an der Optimierung ihrer eigenen Prozesse. Das heißt: 15.000 Mitarbeiter arbeiten permanent mit an den Verbesserungen ihrer eigenen Arbeitsorganisation.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für diesen Volkswagen-Weg hat das Werk Wolfsburg den Award in der Kategorie Lean Transformation für die Umsetzung erhalten. Was bedeutet das für Sie?

Siegfried Fiebig: Wir sind ein klassischer Standort. Und wir werden immer wieder verglichen auch mit weltweit neuen Standorten und Neuerungen des Wettbewerbes. Für mich und das ganze Team ist die Auszeichnung eine Bestätigung, dass es auch an einem gewachsenen Standort über die richtigen Maßnahmen möglich ist, mit den Besten mitzuhalten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Würden Sie sagen, dass mit dem Volkswagen-Weg die Basis für die erfolgreiche Produktion auf dem MQB geschaffen wurde?

Siegfried Fiebig: Der Volkswagen-Weg hat unterstützt und unterstützt weiter, weil wir mit der Teamarbeit ein neues Miteinander haben, einen neuen Spirit in der Mannschaft. Und der Volkswagen-Weg unterstützt auch Prozessoptimierungen entlang der Wertschöpfungskette über Bereichsgrenzen hinweg. Im Mittelpunkt stehen gemeinsame Ziele unserer Strategie 2018. Wir wollen der weltweit führende Automobilkonzern werden ? ökonomisch und ökologisch. Und unser Werk will dabei Vorreiter sein.

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Das Interview führte Frank Volk