Mehrere Gaspipelines

Seit September fließt durch die Ostsee-Pipeline Nordstream 1 kein Gas mehr. Wie lange bleibt die Automobilproduktion davon noch unbeeinträchtigt? (Bild: AdobeStock)

„Die massiv gestiegenen Energiekosten setzen den Unternehmen der Automobilindustrie erheblich zu.“ So beschreibt es der Verband der Automobilindustrie in einer Mitteilung. Doch wo genau herrscht aktuell Angst vor Produktionsstopps oder gar Insolvenz? Laut VDA-Umfrage von Anfang September unter mehr als 100 Automobilzulieferern sowie Herstellern von Anhängern, Aufbauten und Bussen haben bereits jetzt schon zehn Prozent mit Einschränkungen der Produktion zu kämpfen. Jedes Dritte Unternehmen diskutiert bereits über Produktionseinschränkungen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage zur Liquidität. 32 Prozent aller befragten Unternehmen gehen in den kommenden Monaten von anhaltenden, signifikanten Liquiditätsproblemen aus. Jedes zehnte Unternehmen hat bereits jetzt schon Probleme damit.

Besonders der seit September andauernde Stopp der Gaslieferungen durch Nordstream 1 bereitet diversen Industriezweigen in Deutschland große Sorgen. 2021 entfielen 37 Prozent des Erdgasabsatzes in Deutschland auf die Industrie. Besonders abhängig vom Gas ist man in der Chemiebranche. Knapp ein Drittel des Erdgasverbrauchs der gesamten deutschen Industrie wird hier laut der AG Energiebilanzen benötigt.

Die Automobilindustrie dagegen gehört laut VDA „als Ganzes nicht zu den energieintensiven Industrien mit einem hohen Gasverbrauch.“ Vielleicht verfällt man auch deshalb bei den OEMs aktuell noch nicht in Panik. Automobil Produktion hat bei den Herstellern nach ihren Notfallplänen gefragt. Das Ergebnis: Die Branche scheint gut auf einen harten Winter vorbereitet zu sein.

„Taskforce Energie“ bei VW

Man sei im regelmäßigen Austausch mit den relevanten Behörden, insbesondere in Deutschland, heißt es beispielsweise bei Volkswagen. Mit einer speziellen Taskforce bereite sich der Volkswagen-Konzern gemeinsam mit allen Marken und Standorten intensiv auf einen möglichen Energiemangel bei Erdgas und Strom vor. Trotzdem: „Wenn das Material nicht mehr zur Verfügung steht, können wir auch nichts machen“, bestätigt ein Sprecher. Auch Skoda-Produktionschef Michael Oeljeklaus befürchtet Probleme in Bezug auf den kommenden Winter: "Wir wissen nicht, wie das vierte Quartal in Bezug auf Gas aussehen wird. Wie jeder Autohersteller sind wir in der Produktion extrem abhängig davon", sagt er im Interview mit der Automobil Produktion.

Ford sind keine Engpässe bekannt

„Wir stehen in engem Austausch mit unseren Lieferanten, aber aktuell sind uns auch dort keine drohenden Engpässe bekannt“, sagt derweil eine Ford-Sprecherin. „Obwohl es aktuell keine Einschränkungen gibt, haben wir ein Maßnahmenpakte geschnürt, um auf eine sich ändernde Situation vorbereitet zu sein.“ Dazu zählten im letzten Schritt auch Änderungen im Produktionsablauf. Natürlich will man sich auch bei Ford nicht in die Karten schauen lassen, wie bedrohlich die Lage aktuell bereits ist. Der OEM betont jedoch: „Wir haben die Pläne schon in der Schublade.“

Gelassenheit bei BMW

„Wir müssen unsere Produktion aufgrund des Gasmangels nicht anpassen und wir planen auch keine Kurzarbeit“, heißt es vonseiten BMWs. Der Hersteller bereite sich weiter aktiv auf einen möglichen Gasmangel vor. „Das betrifft unsere eigenen Standorte und auch das Lieferantennetzwerk. Dabei hat das Unternehmen an allen Produktionsstandorten in Deutschland und Österreich untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, die Nutzung von Gas zu reduzieren“, so ein Sprecher.

Derzeit gebe es keine Lieferengpässe. Offenbar hat man in München auch aus den jüngsten großen Krisen eine gewisse Gelassenheit gelernt. In den vergangenen zwei Jahren sei es unter anderem aufgrund von Corona und dem Ukraine-Krieg immer wieder zu Lieferproblemen einzelner Komponenten gekommen, „aber wir konnten die Herausforderungen gut bewältigen“, so der Sprecher.

Mercedes fokussiert sich aufs Einsparen

Die Gasversorgung bei Mercedes-Benz sei momentan stabil. Das Unternehmen bereite sich intensiv auf unterschiedliche Szenarien vor und entwickle partnerschaftliche Lösungen. So lautet die offizielle Auskunft des Stuttgarter Autobauers. Auf Nachfrage von Automobil Produktion bestätigt eine Sprecherin dennoch, dass man am Ende des Tages abhängig sei. „Wenn Teile fehlen, können wir noch so viel einsparen, wie wir wollen”, gibt sie zu. Umso wichtiger sei der Stellenwert der Digitalisierung. So wolle Mercedes frühzeitig erkennen, wo Engpässe drohen könnten, um die Produktion um die fehlenden Teile herum weiterlaufen lassen zu können, so die Sprecherin.

Stellantis will keine Details preisgeben

„Stellantis hat keinen besonders hohen Gasverbrauch und unsere Gasspeicher sind gefüllt. Parallel dazu haben wir einen konkreten Energiesparplan entwickelt“, lässt der OEM verlautbaren. Das Unternehmen steuere seine Aktivitäten täglich in jedem einzelnen Werk, indem es seine industriellen Aktivitäten an die Entwicklungen auf dem Automobilmarkt anpasse. „Unsere Teams sind im ständigen Einsatz, um unsere Fertigungsaktivitäten in diesem instabilen Kontext voranzutreiben und notwendige, kurzfristige Anpassungen vorzunehmen“, erklärt ein Sprecher.

Was bedeutet der Stopp der Gaslieferungen?

Seit September fließt kein Gas mehr durch die Ostsee-Pipeline Nordstream 1. Vor diesem Szenario warnte VDA-Geschäftsführer Andreas Rade bereits im April dieses Jahres in der Süddeutschen Zeitung: „Es wird dann zu erheblichen Beeinträchtigungen bei der Produktion von Fahrzeugen in Deutschland kommen. Für Autokäufer können längere Lieferzeiten die Folge sein." Noch ist Rades Prognose nicht eingetroffen, doch wie lange das so bleibt, ist völlig offen. Einige Monate sind seit Rades Aussagen vergangen und sein Verband fordert nun „rasche und unbürokratische Hilfe“ insbesondere für die mittelständischen Unternehmen der Automobilindustrie. Konkret sei die Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Minimum überfällig.



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