Special Innenraum Alcantara Porsche Cayenne

Die Innenausstattung eines Porsche Cayenne GTS mit Alcantara. - Bild: Porsche

Vor allem in der Produktion kann viel Geld gespart werden.

Es ist weich ? es ist warm ? es ist purer Luxus. Aussteigen? Nicht unbedingt. Das Auto wird immer mehr zu einem Platz mit eingebautem Wohlfühl-Effekt. Hightech-Bordcomputer und Fahrerassistenzsysteme werden nun mit edlen Innenausstattungen und Sitzbezügen kombiniert. Klar, dass man gerne luxuriös und bequem reist, verbringt doch jeder Deutsche durchschnittlich bis zu 2,5 Jahre im Auto. Da ist es wichtig, dass es im Fahrzeug behaglich und komfortabel ist.

Diesen Trend haben bereits viele OEMs erkannt. Deswegen entscheiden sie sich immer öfter gegen eine reine Lederausstattung, da Leder zwar edel aussieht, aber leider nur wenig Komfort bietet, sowie sehr teuer und schwer ist. Immer häufiger wird der Innenraum mit Alcantara ausgekleidet. Ein Material, das durch seine besonderen Eigenschaften und dank dem Wildledereffekt im Bereich Automotive sehr beliebt ist. Entscheidend ist vor allem, dass Alcantara nur halb so viel wiegt wie Leder. Ein wesentlicher Vorteil in Zeiten, in denen CO2-Einsparungen, Spritverbrauch und Leichtbau, nicht nur in der E-Mobilität, immer bedeutender werden. Künftig zählt hier jedes Gramm. Doch wo kommt nun dieser “Wunderstoff” eigentlich her?

Eine japanische Erfindung…

Alcantara wird zu 100 Prozent in Italien hergestellt. 1972 entstand in Nera Montoro in Umbrien eine Produktionsstätte für das Produkt. Ursprünglich stammt die Erfindung aus Japan. 1970 entwickelte der japanische Forscher Miyoshi Okamoto für die Toray Industries Inc. das neue Material. Nach dem Beginn der Partnerschaft zwischen der italienischen Anic und der japanischen Toray im Jahre 1973 entstand schließlich 1981 Alcantara S.p.A. Das Material, Alcantara, gilt wegen seiner velourlederähnlichen Oberfläche oft auch als “Lederimitat”.

Doch Alcantara ist keine Imitation, sondern ein eigenes Material mit unverwechselbaren Eigenschaften: Es ist leicht, wasserdicht, lichtecht, atmungsaktiv, reißfest, warm und thermisch verformbar. Die Herstellung ist langwierig und kompliziert, doch nur so entwickeln sich die besonderen Merkmale.

Alcantara besteht aus zwei Grundstoffen: Aus weißen Polyesterkügelchen und durchsichtigem Polystyren. Die Rohstoffe für die Produktion in Italien werden aus der Türkei importiert. Unter hoher Temperatur und Druck werden Polyester und Polystyren zusammengeführt. Das flüssige Gemisch wird in eine runde Form mit kleinen “Blumen”, bestehend aus 16 Löchern, gepresst. “Ein Alcantara-Faden besteht eigentlich aus 16 kleinen Mikrofäden. Diese ‘Sea-Island-Struktur’ sorgt dafür, dass das Material extrem reißfest und strapazierfähig ist”, erklärt Francesco Panetti, Leiter des Centro Sviluppo Applicazioni (CSA). Der Faden ist so dünn, dass nur ein Gramm davon ganze 90 Kilometer weit gespannt werden kann.

Im nächsten Schritt wird der ausgekühlte Faden mit 130 Grad heißem Dampf “verlängert”. So werden aus einem Meter Faden 2,5 Meter. Getrocknet wirkt das ganze Gewebe wie Watte, die nun in zwei Schleiern auf breite Bänder gelegt wird. Je nach Endprodukt, wird eine unterschiedliche Menge an “Watte” abgelegt ? für Automotive sind es 580 Gramm pro Quadratmeter. Nun verfilzen je 5.000 Nadeln mit kleinen Widerhaken von oben und unten die Schleier. Nach zehn Maschinen ist die Bahn nur noch 0,74 Zentimeter dick. Das Material wird nun auf 142 Zentimeter zugeschnitten und auf Rollen gewickelt. Im nächsten Schritt wird Polyorythan zugeführt, das das Material imprägniert und wasserdicht macht. Für den speziellen Velourledereffekt wird abschließend die Oberfläche mit Schmirgelpapier abgeschliffen.

Interieur in Porsche-Rot

Am Schluss wird gefärbt. “Jeder Kunde hat bei uns seine individuelle Farbe”, betont Panetti. So gibt es neben 110 Standardfarben über 3.000 weitere individuelle Farbmischungen für spezielle Kunden. Zum Beispiel hat Porsche für bestimmte Modelle sein ganz spezielles Porsche-Rot. Auch für den neuen Audi Q3 RS wurde eine individuelle Farbe entwickelt. Die spezielle Lackfarbe, ein Mattblau mit gelben Reflexen, finden sich in Sitzen und Türparnelen wieder. Neben der Farbe erhält das Material nun auch seinen Feuerschutz. Für Autositze werden aus ästhetischen Gründen unter dem Material Stoffbahnen aus Baumwolle oder Polyester geklebt. Alcantara wird rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr produziert. Dabei kommt es dem Unternehmen nicht auf Masse, sondern auf Qualität an.

Neben Unternehmen in den Branchen Inneneinrichtung, Bootsbau, Mode und Accessoires sowie Hightech hat sich Alcantara S.p.A. seit 1982 auf Kunden im Automobilbereich spezialisiert. 60 Prozent der heutigen Produktion findet man im Auto wieder. Hier wird Alcantara für Sitze, Dachhimmel, Türpanele, Lenkräder und Schalthebel verwendet. Zu den Kunden zählen unter anderem Volkswagen, Porsche, Mercedes-Benz, Bentley und Ferrari. Besonders bei der Produktion bietet Alcantara im Vergleich zu Leder viele Vorteile und ist kostengünstiger. Bei Lederausstattungen müssen viele Teile wegen Narben und anderen Materialverletzungen aussortiert werden oder finden nicht zu 100 Prozent Verwendung. Alcantara hingegen wird komplett verarbeitet, was Material und somit natürlich Kosten spart. Zusätzlich ist es leichter und thermisch verformbar. Nach der Erwärmung des Materials schmiegt es sich faltenfrei an alle Oberflächen, behält die Form und muss nur leicht mit Klebstoff befestigt werden.

Neben Innovation setzt das Unternehmen auf Nachhaltigkeit in der Produktion. Für die Färbung von Alcantara benutzen die Italiener Flusswasser, das sowohl vor, als auch nach der Benutzung in einer Kläranlage gereinigt wird. Außerdem beziehen sie Strom und Energie aus einem eigens für die Firma gebauten Wasserkraftwerk. Und sie produzieren schon seit 2009 “carbon neutral”.

Konkurrenz in Aussicht

Künftig springen wohl mehr Unternehmen auf den Erfolgszug der leichten Innenmaterialien auf und machen Alcantara S.p.A. Konkurrenz. Grund: Das Patent für die einzigartige Produktion des Fadens ist abgelaufen und kann nun von anderen Unternehmen genutzt werden. Einziger Vorteil von Alcantara S.p.A. ist ihre 30 Jahre lange Erfahrung. Eins ist sicher: Der Wohlfühl-Effekt kombiniert mit Leichtbau und Kosteneinsparungen bleibt essenziell. Also einfach zurücklehnen und die Fahrt genießen.

Felicitas Heimann