Jürgen Wels, Leiter Logistik am Standort Zuffenhausen. - Bild: Porsche

Jürgen Wels, Leiter Logistik am Standort Zuffenhausen. - Bild: Porsche

 

Seit den 90er Jahren produziert Porsche in Zuffenhausen nach dem Prinzip „Perlenkette“. Die einzelnen Fahrzeugaufträge werden bereits Tage vor dem Endmontagezeitpunkt in einer festenMontagesequenz fixiert. Diese ist Grundlage für eine fertigungssynchrone Beschaffung der benötigten Bauteile. Die Materialanlieferungen erfolgen fließend und zeitnah zum realen Bedarfszeitpunkt.
Diese Form der schlanken Produktionslogistik ist nicht selbstverständlich in der Automobilindustrie. Ihre Vorteile voll ausspielen kann sie insbesondere bei variantenreichen Produkten mit sehr vielen unterschiedlichen Bauteilen und großen Unterschieden bei den benötigten Stückzahlen – eben wie bei Porsche.
Jürgen Wels, Leiter der Porsche-Logistik in Zuffenhausen, ist absolut überzeugt von dem realisierten Produktionsprinzip. In der Praxis ermögliche es auch, die Umstellungen auf die neue Modellgeneration 911 geradlinig steuern zu können. „Durch eine längere Umstellungsphase unserer verschiedenen Sportwagenmodelle kommt es zu einem Peak an zusätzlichen Bauteilen, die wir organisieren und sicher bereitstellen müssen“, beschreibt der Cheflogistiker die Aufgabenstellung. „Normalerweise sind es bis zu 12"000 verschiedene Teile, die wir bei unseren Lieferanten beschaffen oder selbst herstellen. In der Übergangszeit der Modell-umstellung haben wir 20"000 unterschiedliche Teile zu versorgen. Das ist eine ganz andere Größenordnung.“

Wie schafft es Porsche, hier nicht in die Komplexitätsfalle zu geraten? „Unsere neuen Modelle werden sorgfältig in Stufen integriert“, sagt Wels. Baustufen und Vorserienfahrzeuge werden bereits frühzeitig auf der Montagelinie aufgebaut und damit die dazugehörigen Materialflüsse und Steuerungen auf Tauglichkeit getestet. “Ab dem Start-of-production befinden wir uns schließlich im Ramp-up. Dann steigern wir die Stückzahlen wöchentlich und fahren das Versorgungssystem gemeinsam mit unseren Lieferanten hoch.“
Porsche kennt dank seines Perlenketten-Prinzips bereits fünf Tage vor der Endmontage exakt den jeweiligen Teilebedarf für jeden einzelnen Auftrag – also zum Beispiel die benötigten Ausführungen an Lenkrädern, Kraftstofftanks, Türverkleidungen, oder auch Kleinteilen. Wels: „Das ermöglicht uns, mit sehr geringen Beständen die Produktion mit Teilen zu versorgen, auch über größere Entfernungen. So verfügen wir aktuell über eine wertbezogene Bestandsreichweite über alle zu versorgenden Bauteile von rund einem Tag.“ Die zahlreichen verschiedenen Teile werden erst zum Zeitpunkt des Bedarfes angeliefert. Eine aufwändige Lagerhaltung entfällt.

Lieferanten gewinnen mehr Zeit

Ein weiteres Kennzeichen der Porsche-Logistik ist der hohe Anteil an Bauteilen, die nicht nur Just-in-time (JIT), sondern exakt auch in der richtigen Reihenfolge – also Just-in-sequence (JIS) – ans Band geliefert werden. Wegen des neuen Porsche Carrera hat sich die Anzahl dieser JIS-Umfänge um sechs auf 39 erhöht. Wels: „Auch andere Hersteller erhalten sogenannte JIS-Zulieferungen, in der Regel bei größeren Modulbaugruppen wie Sitzen oder Kabelsträngen. Aber im Gegensatz zu den meisten Automobilherstellern, bei denen die exakte Reihenfolge erst wenige Stunden vor Einlaufen in die Endmontage feststeht, sind es bei uns fünf Tage.“ Damit bietet der Stuttgarter Sportwagenhersteller seinen Modul- und Systemlieferanten mehrere Tage für die Reaktion auf Abrufe, die frühzeitig und treffsicher ausfallen. Den Zulieferern wird ermöglicht, die in Zuffenhausen benötigte hohe Anzahl an Varianten ohne dazwischen liegende größere Sicherheitsbestände her- und bereit zu stellen.
Das Schlüsselwort heißt Transparenz: Automobilhersteller und Zulieferer wissen stets, was aktuell bei wem passiert und ob und wie agiert werden muss. Ein ausgeklügeltes Informationssystem sorgt für schnelles Erkennen eventueller Engpässe und hält zur zuverlässigen Behebung erprobte Korrekturmaßnahmen parat.

Wie bindet das Unternehmen neue Lieferanten in seine Logistik ein? Porsche unterzieht sie ausgiebigen Audits, bei denen es beispielsweise auch um die Fähigkeit zur standardisierten EDV-Kommunikation (EDI, Odette, VDA-Schnittstelle) oder um die Möglichkeiten der JIT- oder JIS-Anlieferung geht. Nach den Audits trainiert Porsche die neuen Partner. Wels: „Von den rund 120 neuen Lieferanten des neuen 911 wurden 70 über einen Coaching-Prozess zielgerichtet auf die Zusammenarbeit vorbereitet.“ Die Lieferanten durchlaufen dabei einen mehrstufigen Prozess: Mit ihren Verträgen erhalten sie Lastenhefte mit der Beschreibung der Logistik-Verfahren bei Porsche und deren spezifische Anforderungen. „Wir legen auch Wert darauf, unsere Ansprechpartner für Logistik persönlich kennen zu lernen und mit ihnen gemeinsam die standardisierten Prozesse durchzusprechen“, meint der Logistikleiter. „Es gibt zahlreiche Firmen, die unser Logistik-System bei sich selbst einführen, um eine Durchgängigkeit der Prozesse bis hin zu den eigenen Sublieferanten umzusetzen und sich entsprechende Vorteile erschließen zu können. Auch unsere Spediteure werden dabei integriert.“

Unter dem Begriff „Neues Logistikkonzept bei Porsche“ unternahm der Sportwagenhersteller vor rund zwei Jahren einen weiteren Schritt zur Perfektionierung seiner Logistik: Der Autobauer erhält nun auch Bauteile mittlerer Größe bis hin zu Kleinteilen wie Schrauben bestandsarm im Ein- bis Zwei-Stunden-Takt. „Der Spediteur erhält die Teile aus unterschiedlichen Gebieten Europas in Tagesrationen. Diese werden in einem werksnahen Speditionszentrum umgeladen und mit Sendungen aus anderen Regionen zu definierten „Stundenvolumen“ für einzelne Abladestellen zusammengestellt. Anschließend erfolgt eine stündliche Anlieferung im Abnehmerwerk, möglichst direkt in die Fertigungsbereiche. Den neuen 911 nutzt Porsche, um das neue Logistikkonzept in einzelnen Fertigungsbereichen konsequent weiter auszurollen.

Nach der Entladung sorgen im innerbetrieblichen Materialfluss so genannte Fahrerlose Transport Systeme (FTS) für Stetigkeit bei der internen Bereitstellung. FTS sind viel flexibler einsetzbar als etwa starre Elektrohängebahnen. „Die FTS bieten uns mehr Freiheit bei der Gestaltung der Materialflüsse“, sagt Wels. Zuffenhausen kann dank FTS schnell darauf reagieren, wenn sich Einbauorte etwa wegen neuer Ausstattungsdetails ändern. Gabelstapler kommen bei Porsche nur im Wareneingang zum Einsatz, wo Mitarbeiter die Lkw entladen und die Ware auf Transportwagen oder FTS setzen, um sie anschließend direkt in die Kommissionierzone zu leiten. Um den Mitarbeitern am Band die Arbeit zu erleichtern, werden die Ein-Stunden-Lieferungen in fertigungsnahen Kommissionierzonen zu Warenkörben für die einzelnen Fahrzeuge zusammengefasst. Ein durch Kontrollleuchten unterstütztes System namens „Pick-by-Light“ hilft dem Kommissioniermitarbeiter beim Zusammenstellen des Warenkorbes immer in die richtigen Kisten zu greifen und die richtige Menge an Teilen zu entnehmen. Die Logistik übernimmt hier bereits die Arbeitsvorbereitung. Wels: „Damit alles – vom Lieferanten über die Kommissionierzone bis zur Bereitstellung an der Endmontagelinie – einfach steuerbar und flexibel abläuft, versuchen wir mit möglichst kleinen und leichten Behältereinheiten zu operieren.“

Am Ende des Produktionsprozesses stehen die fertigen Fahrzeuge. Sie sollen möglichst direkt und ohne Unterbrechungen zum Händler und Kunden gelangen – und dies weltweit in alle Märkte. Auch hierfür erfolgt die Planung aus einer zentralen Hand. Und es gilt das einheitliche Gestaltungsmerkmal: Fließende Prozesse!
Wels’ Aufgabengebiet hört bei den Neufahrzeugen nicht auf: Er ist auch für die Ersatzteillogistik zuständig. „Wir sehen und leben Logistik ganzheitlich“, erklärt er. „Ich organisiere mit meinem Team logistische Prozesse aus einem Guss und übertrage die Logistik der Serie auch auf Aufgaben im Bereich After Sales. Erst im vergangenen Jahr wurde beispielsweise nahe Stuttgart ein neues zentrales Versorgungszentrum in Betrieb genommen, das die Ersatzteile, ähnlich den Logistik-Prinzipien der Serie, just-in-time zu Kunden auf der ganzen Welt bringt.Nikolaus Fecht "