Seit über drei Jahrzehnten leistet Wolfgang Leimgruber, heute Vorstandsmitglied für Produktion und Logistik, einen maßgeblichen Beitrag zu Effizienz und Qualität. „Ich bin seit sechs der insgesamt sieben Fahrzeuggenerationen des 911er dabei“, erklärt der Maschinenbau-Ingenieur im Rückblick. Und er verrät gleich eines seiner Erfolgsrezepte: „Wir binden im Vergleich zu anderen Fahrzeugherstellern unsere Mitarbeiter in der Produktion besonders eng in die Entwicklung von neuen Modellen ein. Das ist der Vorteil in einem überschaubaren Unternehmen.“
Porsche startete vor vier Jahren mit der Entwicklung des neuen Fahrzeuges und parallel mit der Umstellung der Produktion, in die das Unternehmen rund 300 Millionen Euro investierte. „Wenn in unserem Entwicklungszentrum in Weissach die Designer die ersten Striche einer neuen Sportwagen-Silhouette zeichnen, sind bereits Mitarbeiter aus der Produktion in Zuffenhausen dabei“, erklärt Leimgruber. „Diese enge Zusammenarbeit von der ersten Stunde an bringt uns später enorme Vorteile. Denn in der interdisziplinären Diskussion wird schon im Frühstadium geklärt, ob und wie sich Neuentwicklungen im Produktionsprozess realisieren lassen. Das schützt uns vor unliebsamen Überraschungen und ist einer der Garanten für anspruchsvolle Qualität.“

Einen besonderen Part spielen bei der geringen Fertigungstiefe von rund 20 Prozent aber auch die Zulieferer, die von Anfang an einbezogen werden. Leimgruber: „Wir pflegen intensive Entwicklungspartnerschaften und setzen auf langfristige, vertrauensvolle Beziehungen. Davon profitieren beide Seiten. Entscheidend ist, dass sich jeder Lieferant auch in seiner eigenen Produktion und Logistik präzise auf die sehr filigran organisierten Porsche-Prozesse einstellt. Sonst könnte unser System nicht einwandfrei funktionieren.“ Wie sieht die Produktionsphilosophie aus? Ein Blick in die Montage zeigt: Der Sportwagenhersteller fertigt direkt auf dem Band maßgeschneiderte Unikate – exakt nach individuellem Kundenwunsch. Allein das führt bereits zu einer hohen Varianz. Sie wird noch einmal vergrößert durch die Tatsache, dass auf dem gleichen Band alle Derivate entstehen – vom serienmäßigen Sportwagen für die Straße bis hin zum reinrassigen Rennfahrzeug. Hinzu kommen die Sportwagen der Baureihe Boxster/Cayman, die im Modell-Mix auf der gleichen Linie produziert werden. Die Folge: Absolut identische Fahrzeuge rollen hier so gut wie nie vom Band.

Die Arbeitsinhalte wechseln von Fahrzeug zu Fahrzeug. Ein erprobtes und ständig weiter verfeinertes System unterstützt die Werker: Nur genau die Teile, die für ein spezifisches Fahrzeug benötigt werden, liefert die Logistik exakt zum Produktionszeitpunkt ans Band. „Perlenkette“ nennen die Zuffenhausener das Prinzip, nach dem die kostbaren Zutaten nach ihrer Kommissionierung im stetigen Materialfluss an ihr Ziel, den Montageort, gelangen. Es grenzt an ein kleines Wunder, dass stets jedes noch so individuelle Zulieferteil zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle ist. Aber es funktioniert – so gut, dass sich inzwischen auch ganz andere Branchen das Prinzip bei Porsche abgucken.

Keinen Tag verschenkt
Auf eine besondere Belastungsprobe wird das System gestellt wenn neue Modelle schon weit vor dem Start of Production (SOP) in die reguläre Linie eingegliedert werden. Das ist untypisch für die Automobilindustrie. Zwar gibt es auch in Zuffenhausen eine Pilotwerkstatt, in der zunächst separat erprobt wird, wie sich das neue Fahrzeug später am besten fertigen lässt. Doch hier wird kein Tag verschenkt. Sobald die Produktionstechnik steht, kommt der Neuling auf das Band. Hier werden die streng geheimen Sportwagen von morgen mitten in die laufende Serienproduktion eingesteuert. Und schon in dieser frühen Phase werden die Werker von Konstrukteuren und Produktionsexperten gemeinsam am nagelneuen Modell eingewiesen und trainiert – direkt im Job.
„Brandneue Modelle machen die Arbeit für unsere Werker besonders abwechslungsreich. Aber sie sind auch eine große Herausforderung, weil sich die gesamte Produktion gleichzeitig auf die aktuelle Serie und das neue Fahrzeug mit allen seinen Besonderheiten einstellen muss. Hinzu kommt die Integration notwendiger neuer Betriebsmittel“, sagt Leimgruber. Er setzt auch deshalb auf das Verfahren der frühen Integration, weil Verbesserungsvorschläge aus der Praxis so frühzeitig entstehen, dass sie noch unmittelbar in der Entwicklung berücksichtigt werden können. Das spart Zeit, Geld – und Nerven.
Die Frauen und Männer bei Porsche sind auf das Verfahren gut eingestellt. Denn, was vor knapp zwanzig Jahren als überlebensnotwendige radikale Umstellung der Produktion auf verschwendungsarme Prozesse begann, ist heute gelebte Unternehmenskultur: In einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess schafft es der Sportwagenhersteller höchste Transparenz in seine gesamte Produktion zu bringen. Porsche kommt nahezu ohne Lager aus, plant Materialflüsse und Produktionsabläufe so genau, dass man die Uhr danach stellen könnte und erhält sich gleichzeitig höchste Flexibilität. „Das Konzept zieht sich durch alle Bereiche – vom Rohbau über unsere neue Lackiererei, durch die besonders handwerklich geprägte Sattlerei, bis hin in die Haupt- und Endmontage. Nur so erreichen wir immer wieder neue Bestmarken bei Effizienz und Qualität“,
so Wolfgang Leimgruber.

Streng getaktet
Jeder, der mit den Zuffenhausenern im Geschäft ist, muss sich an das System Porsche halten. Das zeigt sich schon an der Schranke der Hauptpforte: Lastwagen, die zu früh anrollen, würde die Werkssicherheit erst gar nicht auf das Gelände lassen. Nur das auf die Stunde genau disponierte Material darf angeliefert werden. Die Spediteure haben dies längst verinnerlicht und sind gut im Takt.
Ob Zulieferer oder Logistiker – auch für alle externen Partner hat der neue Porsche 911 viel zusätzliche Arbeit bedeutet. Alle mussten im laufenden Prozess „doppelt fahren“: für die Serie und für den Neuling. Das stählt. Und es macht attraktiv. Das i-Tüpfelchen für Geschäftspartner ist die Auszeichnung zum „Lieferanten des Jahres“. Dafür muss man erstmal strenge Audits mit Bravour bestehen. Leimgruber: „Natürlich ist es eine erstklassige Referenz, für Porsche zu arbeiten. Wegen des hervorragenden Rufes unserer Sportwagen. Aber genauso wegen der cleveren Ideen, die dahinter stehen.“