Special Innenraum Entwicklung Daimler

Bild: Susanne M. K. Baur

Rund oder eckig, Stoff oder Leder, Touch oder Gestik?

Was will der Kunde, wohin geht die Reise beim Design, bei Materialien sowie im Leichtbau und: wie integriert man immer mehr Funktionalitäten ins Fahrzeug? Fragen wie diese sind es, die in der Branche mit dem Interieur befasste Experten derzeit bewegen. Eine Plattform für den Austausch mit und unter hochkarätigen Fachleuten bietet der Fachkongress Innenraum von AUTOMOBIL PRODUKTION und SV-Veranstaltungen, der in diesem Herbst noch mehr interessiertes Innenraum-Publikum anzog.

Apps und die Gestenbedienung

Wichtige Themen in der Branche sind die mittlerweile allgegenwärtigen mobilen Endgeräte, die im Alltag der Menschen eine große Rolle spielen. Doch wie gestaltet die Automobilindustrie diese gesellschaftlichen Trends mit und vor allem wie setzt sie dieses Thema in ihren Endprodukten um?

Dass Apple und Apps zeigen, wie man langjährig überkommene Vorgänge überholen kann, steht für Hartmut Sinkwitz, Leiter Kompetenz-Center Interieur-Design, Mercedes-Benz Cars Entwicklung bei Daimler, fest. Seiner Meinung nach bringen Apps eine gute Performance mit und eignen sich vorwiegend für Kunden, die nicht so viel Geld ausgeben möchten. Mehrwert bieten will der schwäbische Autohersteller daher etwa mit der Ausweitung von Apple auf Android. Ganz klar zählen für den Designer aber auch die gestalterischen Gesichtspunkte zu einer Mehrwert-Strategie.

So werden die Interieurs künftiger Mercedes-Modelle unter dem Motto „Stilvolle Sportlichkeit“ kreiert. Bei der Materialität biete sich dabei ein Dreigestirn der Werkstoffe aus Holz, Metall und Leder an. Details seien überdies wichtig. So erhalten alle Autos künftig etwa runde Lüftungsdüsen. Neben designerischen Aspekten habe dies einen ganz praktischen Nutzen, denn Rund biete die größte Strahlkraft, so Sinkwitz. Beim Thema Bedienung sieht man bei Daimler in der Kombination aus „Hinsehen und Bedienen“ ein größeres Ablenkungspotenzial als durch die Gestenbedienung.

Cockpit-Entschlackung und Ich-Ferne

Doch was zeichnet die ideale Mensch-Maschine-Schnittstelle in der automobilen Welt aus? Hierfür müsse man systematisch analysieren, was die Neuropsychologie sagt, wie Dr. Stefan Becker, Global Core HMI Supervisor bei den Ford Werken, erläutert. Gutes Design orientiert sich seiner Ansicht nach an der psychomotorischer Leistungsfähigkeit und im Wesentlichen an der User-Experience. Der Nahpunkt wandere immer weiter in die Ferne: 60 bis 70 Zentimeter seien Entfernungen für ein typisches Display.

Der Ford-Kunde bewege sich im Altersschnitt bei 50 Jahren. Auf eine Brille zu verweisen, löse das Problem nicht. Motto müsse daher sein, nicht noch mehr Information auf ein vier oder fünf Zoll großes Display im Fahrzeug zu spielen, sondern so weit wie möglich „zu entschlacken.“ Zum propagierten Minimalismus zählt für den Psychologen die Kenntnis, dass das menschliche Gehirn hierarchisch organisiere.

Dass man bei einer Rückbesinnung um eine Reduktion nicht herumkommt, zeigt auch Jürgen Michl, Leiter Design Konzernprojekte im Volkswagen Design Center Potsdam. Zu den im Mehrmarken-Konzern erklärten Zielen im Interieur-Design zählt daher eine Reduktion auf das Wesentliche. Im übrigen auch, um Platz zu schaffen für „tolle Materialien, Sprachbedienung, Gestik und Mimik und frei programmierbare Instrumente.“ Doch welche Erkenntnisse aus der Wissenschaft sind für die ideale Mensch-Maschine-Schnittstelle relevant und auch zügig umsetzbar?

Menschen kennen drei Wissens-Ebenen: Explizites Wissen, also „Bescheid wissen“, implizites oder Handlungs-Wissen – etwas tun–, sowie bildhaftes Wissen. Autofahren und Sekundärfunktionen nutzen spielt auf der Ebene des impliziten Wissens. Älteste Wissensebene ist jedoch das bildhafte Wissen, wie Alexander Steffen, Manager Automotive MMI bei der User Interface Design GmbH, UID, erläutert. Ein Kernproblem hierbei: Die Dinge entfernen sich immer weiter davon, das zu sein, was man von ihnen glaubt, sie seien es. Ein Beispiel für diese so genannte „Ich-Ferne“ stelle das Smartphone dar, so der Experte. Es sei mehr als ein Telefon, bei dem die Frage erlaubt sei:„was bist Du eigentlich im Moment, liebes Gerät?“ Mit der Zuordnung exakt dieser Inhalte und Ebenen beschäftige sich UID intensiv, führe Usability-Testings durch und biete so Entwicklungen für die Vorentwicklung.

Ohne Überforderung always online

Die wachsende Zahl an Fahrerassistenzsystemen und Sensoren macht das Tagesgeschäft der Ingenieure immer komplexer: Die Verschiebung von einem Funktions-HMI zu einem Fahrzeug-HMI habe stattgefunden, künftig helfe daher nur ein gesamtheitlicher Ansatz, wie Dr. Tobias Altmüller vom HMI Center of Competence bei der Robert Bosch GmbH, schildert. Den Wunsch, immer verbunden zu sein, müsse man auch ins Fahrzeug integrieren. „Wo die Dinge hinterlegt werden und wie gefiltert wird, sind aber nicht die Aufgaben, mit denen der Anwender belastet werden sollte. Dies ist Aufgabe eines guten Gesamt-HMI“, mahnt der Bosch-Mann.

Den Herausforderungen der neuen Medien und des „always online“ will man bei Harman Becker durch sichere und einfache Bedienung begegnen, wie Hans Roth, Director Technology Marketing, betont. Über verschiedene Displays im Fahrzeug könne man Infos gezielter an den Fahrer bringen und Gestaltungsmöglichkeiten bieten, ohne ihn zu überfordern. Als Beispiel für einfache Bedienung verweist der Harman Becker-Experte auf den Rinspeed-smart und dessen Gestensteuerung per Links-rechts- und Doppelwink.

Götz Fuchslocher