Dr. Oliver Blume, Vorstand für Produktion und Logistik der Porsche AG

Dr. Oliver Blume, Vorstand für Produktion und Logistik der Porsche AG, bei der Präsentation des Macan. - Bild: Porsche

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Herr Dr. Blume, der Standort Leipzig hat die Frage der Macan-Fertigung für sich entschieden. Was sind die Gründe dafür?
Bei der Wahl des Standorts haben wir verschiedene Faktoren berücksichtigt. Das waren zum einen die Themen Mensch und Wirtschaftlichkeit und zum anderen natürlich die sehr gute Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden. Es war uns ganz besonders wichtig, qualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren und im Automobilland Sachsen herrschen beste Bedingungen dafür. Und in Leipzig haben wir ideale Erweiterungsmöglichkeiten. Zum einen für die Fabrik, zum anderen auch für die Werkstruktur. Leipzig ist zentral in Europa angesiedelt und bietet dadurch hervorragende Logistikmöglichkeiten. Die gesamte Verkehrsanbindung an den Flughafen, die Bahn sowie die Autobahn ist hier sehr gut. Aus unternehmerischer Sicht waren es für uns drei wesentliche Faktoren, die bei der Standortfrage ausschlaggebend waren: Eine sehr wirtschaftliche Rahmenvereinbarung, das klare Bekenntnis des Standorts zur Produktivitätssteigerung sowie die Nutzung regionaler Kostenvorteile. Zudem haben wir mit einer Fläche von rund 400"000 Hektar vor den Toren Leipzigs ideale Erweiterungsmöglichkeiten für die Fabrik. Und nicht zuletzt spielen die Erfahrungen der letzten Jahre mit Blick auf die Zusammenarbeit in der Region eine große Rolle. Wir haben Kaufkraft in die Stadt und die Region geholt und damit den Wirtschaftsstandort gestärkt.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Das Porsche-Werk Leipzig erhebt den Anspruch, die Präzision einer Serienfertigung mit der Exklusivität einer Manufaktur zu verbinden. Wie schaffen Sie diesen Spagat?
Die Verbindung einer modernen Serienfertigung mit der Exklusivität einer Manufaktur ist bei Porsche eine Frage der Philosophie. Um unseren Kunden und ihren Wünschen gerecht zu werden, erheben wir den Anspruch, mit modernsten Fertigungsanlagen und -prozessen eine sehr hohe Individualisierung der Fahrzeuge zu ermöglichen. Dies erreichen wir, indem unser Produktionssystem nach dem Perlenketten-Prinzip abläuft. Damit sind wir in der Lage, große Komplexitäten, die sich im Zuge dieser Individualisierung abbilden, kundengerecht darzustellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Der Dreh- und Angelpunkt ist demnach das Porsche Produktionssystem?
Ganz genau.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Was zeichnet dieses System im Detail aus?
Das Porsche Produktionssystem ist grundsätzlich auf die kontinuierliche Optimierung von Produkten und Prozessen ausgerichtet. Das Besondere dabei ist, dass wir uns nicht nur auf die Serienprodukte und ihre Prozesse konzentrieren, sondern bereits in einer sehr frühen Phase der Produktgestaltung damit beginnen. Wir reden in Summe über vier Phasen. Nach der Produktgestaltung konzentrieren wir uns auf die Prozessgestaltung. Es folgt die Prozessoptimierung, wenn wir uns mit dem Produkt in Serie befinden. Was uns dabei besonders auszeichnet: Wir betrachten den Lieferanten als festen Bestandteil unserer Prozesskette und unterstützen ihn auch mit unserem Know-how aus dem Porsche Produktionssystem.
In jeder dieser Phasen, setzen wir standardisierte Methoden ein. Das sind zum einen Produkt-Workshops, in denen wir etwa fragen: Wie einfach lassen sich Teile montieren und mit welcher Ergonomie? Zum anderen sind es Prozess-Workshops, in denen es ein ganz wesentliches Prinzip ist, dass wir stets von innen nach außen planen. Das heißt, wir beginnen beim Produkt, beim Fahrzeug – dort also, wo die Wertschöpfung entsteht. Dann gehen wir schrittweise in alle angelagerten Prozesse.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Wie ist die Integration der Lieferanten in diesen Prozess organisiert? Ist hierbei eine permanente Kommunikation zwischen den Beteiligten sichergestellt?
Ja, selbstverständlich. Wir haben hierfür etwas aufgesetzt, das wir „Teil-für-Teil-Gespräche“ nennen. Das sind Gespräche zu Einzelteilen, aber auch zum Cubing, der Null-Umgebung eines Fahrzeugs. Gemeinsam mit den Lieferanten entwickeln wir Qualitätsfortschritte und Prozesse.
Überdies führen wir Leistungstests durch, um die entsprechenden Stückzahlen und Kapazitäten sicherzustellen. Wir können da aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen, wie man Produktionsprozesse effektiv gestaltet.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Haben sich im Zuge des Aufbaus der Macan-Fertigung auch Lieferanten direkt in Werksnähe angesiedelt?
Ja. Wir haben zahlreiche Lieferanten in Werksnähe. Für uns ist dies ein ganz wichtiges Kriterium mit Blick auf die Gewährleistung der Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Fertigung.

Oliver Blume Porsche

"Das Porsche Produktionssystem ist auf die kontinuierliche Optimierung von Produkten und Prozessen ausgerichtet.", sagt Oliver Blume, Vorstand für Produktion und Logistik

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Sie haben den Automobilbau von der Pike auf gelernt und sind Kenner der Produktionsstrategie und -prozesse im Volkswagen-Konzern. Inwieweit ist die Macan-Fertigung etwa von der Mach-18-Factory-Produktionsstrategie beeinflusst?
Als Mitglied der Volkswagen-Konzernfamilie haben wir uns selbstverständlich die Themen angesehen und unsere Erfahrungen sinnvoll um Methoden und Standards aus dem Volkswagen-Konzern ergänzt. Das Schöne dabei ist, dass wir in beide Richtungen profitieren. Auch der Volkswagen-Konzern schaut sich sehr genau an, welche Themen Porsche in diese Strategie einbringen kann. Konkret geht es dabei um Arbeitsmethoden, um Anlagenstandards und Qualitätsprozesse. Aber auch um Qualifizierungsinhalte für unsere Mitarbeiter.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Karosseriebau ist ein Metier, das Sie bereits bei Audi umfassend betreut haben. Was ist besonders am Karosseriebau und der Lackierung des Macan?
Die Gewerke Karosseriebau und Lackierung sind in Leipzig neu. Sie in rund zwei Jahren aufzubauen, war ein ambitioniertes Projekt, zugleich aber auch die Chance, neueste Erkenntnisse in die Fertigung einzubringen.
Zunächst zum Karosseriebau: Hier stellt uns die Mischbauweise vor besondere Herausforderungen. Die Aluminium-Stahl-Karosserie des Macan ist aufgrund ihres Designs sehr anspruchsvoll. Ein Detail-Beispiel ist die Aluminium-Fronthaube mit ihrem attraktiven, übergreifenden Styling. Design und Material stellen dabei höchste Anforderungen an unsere Zieh- und Fertigungsprozesse, damit am Ende die Maßqualität sichergestellt werden kann. Im Karosseriebau sind die wesentlichen Schritte das Fügen, das Falzen und das Aushärten. Aber auch das Teile-Handling zwischen jedem Schritt.
Beim Thema Lackierung setzen wir die modernsten Technologien ein, die es auf dem Markt gibt – was die Fertigungsprozesse anbelangt, aber auch mit Blick auf die Umweltfreundlichkeit. Wir sind in der Lage, ein Höchstmaß an Individualisierung zu bieten. Neben den bereits definierten Serienfarben können wir jede beliebige Individualfarbe lackieren – ein für Porsche-Kunden besonders wichtiges Detail.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Was ist beim Karosseriebau Porsche-Kernkompetenz und was kommt vom Dienstleister oder Zulieferer?
Zum ersten Mal betreiben wir einen Karosseriebau in Leipzig. Die Press-Einzelteile stammen von Lieferanten aus dem Volkswagen-Konzern und von externen Dienstleistern. Dabei kommt die von mir bereits erwähnte Lieferantenorganisation in einer ganz frühen Phase zum Tragen – bei der Gestaltung der Methoden und Werkzeuge bis hin zur Einarbeitung im Presswerk und den einzelnen Qualitätsstufen. Um die Karosserien in der gewünschten Präzision darzustellen, gibt es eine ganz enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Um beim Thema Volkswagen-Konzern zu bleiben: Wie viel Know-how aus der Audi Q5-Fertigung steckt in der Produktion des Macan?
Beim Macan haben wir eine komplett eigenständige Konstruktion des Fahrzeugs vorgenommen. Wir haben uns im Volkswagen-Konzern – und das beschränkt sich nicht nur auf Audi – in fachlich-technischer Hinsicht ausgetauscht. Dabei ging es um Methoden sowie die Anlagentechnik. Aber auch um das Thema Personalqualifizierung. Wir haben sowohl innerhalb von Porsche als auch im Konzern im Vorfeld Mitarbeiter eingesetzt, damit sie in der Fertigung mitarbeiten und das neueste Know-how erlangen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Die Macan-Fertigung soll bis Jahresmitte 2014 auf Kammlinie sein. Dafür haben Sie besonders in die Methoden der Qualitätssicherung investiert. Wie sehen diese aus?
Um eine steile Anlaufkurve wie in diesem Projekt zu gewährleisten, ist es von Bedeutung, Produkt und Fertigungsprozesse im Vorfeld und im Detail zu qualifizieren. Das bedeutet, dass wir spezielle Programme zur Teilequalifizierung, sowohl für das Blech als auch für die Ausstattungsteile, aufgesetzt haben.
Wir gehen ins Detail und steigen in einzelne Operationen der Werkzeuge ein, um dort die Qualifizierung systematisch vorzunehmen. Beim Fertigungsprozess beispielsweise haben wir sehr früh damit begonnen, die Qualifizierung unserer Anlagen mit Leistungstests stetig weiter zu entwickeln. Dazu haben wir in einer frühen Phase simuliert, unter Volllast zu fahren. Dadurch lassen sich mögliche Probleme rechtzeitig erkennen und lösen. Qualitätsarbeit heißt neben Produkt- und Prozessoptimierung auch Mitarbeiter-Qualifizierung, die bei uns einen sehr hohen Stellenwert einnimmt.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Große Flexibilität in der Produktion und Logistik ist auch mit Blick auf zukünftige Macan-Derivate nötig. Welche Herausforderungen liegen noch vor Ihnen?
Zur Markteinführung fahren wir mit drei Derivaten, also mit drei Motorisierungen, dem Macan S, dem Macan S Diesel und dem Macan Turbo. Die große Herausforderung ist die Integration dieses komplett neuen Fahrzeugs in die Montage des Panamera und Cayenne. In Summe sprechen wir mit dem Macan über 25 Modelle. Das sind zehn Derivate beim Cayenne, zwölf Derivate beim Panamera und die eben beim Macan angesprochenen drei. Wir haben aber bereits die Voraussetzung geschaffen, zukünftig weitere Macan-Derivate zu integrieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Ist künftig ein Porsche-Produktionsstandort im Ausland denkbar?
Dazu gibt es aktuell keine Pläne. Wir freuen uns jetzt auf die neuen Produkte, die wir hier in Leipzig fertigen. Bei Porsche ist uns das Prädikat „Made in Germany“ besonders wichtig.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: „Made in Germany“ – inwieweit kann man dieses Label auch auf die Zulieferer-Struktur übertragen?
Auch bei den Zulieferern liegen die Schwerpunkte in Deutschland. Dies hängt ganz automatisch mit dem Perlenketten-Prinzip in der Logistik zusammen. Beim Macan lassen wir 48 Umfänge in Sequenz anliefern. Beispiele für solche Lieferumfänge sind das Cockpit, die Achsen sowie die Räder. Viele der wichtigen Lieferanten sind in unmittelbarer Nähe angesiedelt. Überdies kommen freilich auch zahlreiche internationale Lieferanten bei der Fertigung des Macan zum Einsatz.

AUTOMOBIL PRODUKTION:: Ein rundum engagiertes Projekt also, auf das Sie mit Stolz blicken?
Ja, ein neues Produkt, eine neue Fabrik und neue Mitarbeiter – hinter uns liegt eine der größten Herausforderungen in der Automobilproduktion. Und natürlich der ganz spezielle Projektrahmen mit einem sehr ehrgeizigen Terminplan. Es war von enormer Bedeutung, viele Abläufe zu beschleunigen. Dabei haben wir einen sehr großen Schwerpunkt auf die qualitative Vorbereitung von Produkt und Prozess gelegt. Und auf unser Qualifizierungsprogramm für unsere neuen Mitarbeiter, das wir spezifisch auf jeden einzelnen zugeschnitten haben.

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Das Interview führten Christian Klein und Götz Fuchslocher