Porsche-Chef Matthias Müller. - Bild: Porsche

Porsche-Chef Matthias Müller. - Bild: Porsche

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle kommt dem 991 zu? Kann er seine Vorgänger toppen?

Müller: Das Auto ist in der siebten Generation der beste 911er aller Zeiten. Das lässt sich an verschiedenen Dingen belegen: Es beginnt mit dem Design und setzt sich über die technischen Daten, die Performance, den Verbrauch und letztendlich über die Fahrdynamik fort.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind das aus Ihrer Sicht schon seine Alleinstellungsmerkmale?

Müller: Die Wesentlichen. Ich glaube kein Unternehmen kann wie Porsche Gegensatz-Paare in einem Produkt realisieren. Design und Funktionalität schließen sich bei uns nicht aus. Tradition und Innovation bündeln wir in unseren Autos, ebenso wie Performance und Alltagstauglichkeit. Schließlich lassen sich auch Exklusivität und soziale Akzeptanz in unseren Fahrzeugen abbilden. Und auf den 911 treffen diese Dinge alle zu.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wichtig ist der Cajun, also der „Cayenne junior“, für Ihre Strategie?

Müller: Der Cajun – wir reden hier von einem Arbeitstitel – ist von ganz erheblicher Bedeutung. Als ich bei Porsche begonnen habe, hatten wir in der Produktion in Zuffenhausen Kurzarbeit. Und die Kollegen in Leipzig haben nicht gewusst, wie sie die bestellten Autos alle bauen sollen. Das hat mich sehr schnell dazu bewogen, über eine ausgewogenere Portfoliogestaltung nachzudenken. Wir müssen es schaffen, einseitige Ausschläge zu vermeiden, die die Produktion, Entwicklung und letztendlich das Geschäft belasten. So wurde die Idee geboren, den Lebenszyklus nicht nur umzugestalten und die Modelle über die Zeit anders anzuordnen, sondern auch die Freiräume, die vorhanden sind, auszufüllen. Im Rahmen dieser Neuordnung wurde sehr schnell deutlich, dass es für unsere Marke auch weitere Angebotsspielräume gibt. Der Cajun bietet für uns ideale Möglichkeiten, das Porsche-Angebot strategisch zu erweitern. Ich bin überzeugt, dass wir hier in einem Segment antreten werden, indem wir wirklich etwas zu bieten haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welcher Art und Weise haben Sie das Lifecycle-Management umgestaltet?

Müller: Bei Porsche war das über einen längeren Zeitraum betrachtet so: In einem Jahr kam der 911er auf den Markt; kurz danach wurden Boxster und Cayman eingeführt. Im Jahr darauf folgte der Cayenne und dann später auch der Panamera, dann folgte über einen längeren Zeitraum nichts Entscheidendes. Jetzt sind wir dabei die Lebenszyklen besser aufeinander abzustimmen. Wir sind aber noch nicht am Ziel und werden daher noch ein wenig umgestalten. Idealerweise sollte die Anlaufsituation Zuffenhausen und Leipzig alternieren. Also: Das eine Werk hat in dem einen Jahr einen Produktanlauf, im nächsten Jahr hat ihn das andere. Wir haben als weiteres Produkt den 918 Spyder entschieden und prüfen, ob es noch andere interessante Segmente gibt. Immer vorausgesetzt: Wir finden Märkte und Kunden, wir können uns das Projekt leisten und wir haben ein ordentliches technisches Konzept. Wir werden aber keine Projekte starten, die unsere Betriebswirtschaftlichkeit in Frage stellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In punkto Wirtschaftlichkeit ist derzeit Small Premium im Trend. Folgen Sie dem bei Porsche?

Müller: Vorstellen kann ich mir vieles, aber wir wollen realistisch bleiben; ein kleiner Sportwagen – wie der historische 550 Spyder – wäre interessant.
Automobil Produktion: Wird es einen Baby-911er geben?
Einen Baby-911er wird es nicht geben. Das ist ja ein Unwort.

Die Produktionskapazitäten werden neu strukturiert. - Bild: Porsche

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wäre es mit einem Golf-Rivalen?

Müller: Ich beobachte natürlich, was andere machen und bin auch gespannt, wie erfolgreich Ulrich Bez mit dem Aston Martin Cygnet sein wird. Ich stehe nicht für Revolution, sondern für evolutionäre Entwicklung. Und: dezent und moderat. Meine Hauptaufgabe ist, die Marke Porsche mit den richtigen Produkt­entscheidungen zu pflegen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wäre denn die Marke Porsche in der Kompaktklasse gefährdet?

Müller: Die Frage ist doch, ob das Markenprofil dadurch verbessert wird. Und wie Sie sicher bemerkt haben, habe ich bis zu diesem Moment noch nicht das Wort ‚Volumen‘ benutzt. Nicht ohne Grund. Wir wollen kein Volumenhersteller werden, sondern wir bleiben ein Premiumhersteller. Mit den Attributen exklusiv und begehrenswert. Das heißt, wir werden immer ein Auto weniger bauen als der Markt verlangt. Ich glaube, wenn man in die Golf-Klasse geht, begibt man sich schon auf ganz anderes Terrain.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Marke: Welche Maßnahmen ergreifen Sie zur Schärfung der Marke?

Müller: Zunächst bringt der neue 911 genau das zum Ausdruck, was Porsche ist. Eine weitere Maßnahme ist, in den Spitzenrennsport zurückzukehren und wieder LMP1 zu fahren, sowie die Entscheidung für den 918 Spyder und damit das Angebot eines absoluten Spitzensportwagens, der dem Begriff Nachhaltigkeit folgt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ach ja, Porsche und Motorsport…

Müller: ….Wir sind im Motorsport sehr erfolgreich, vor allem im Breitenmotorsport. Mittlerweile haben wir an die 30"000 Siege weltweit errungen. Wir werden auch versuchen, mit dem neuen Cayman in einer GT4-Klasse zu starten. Unser Ziel ist klar: Porsche muss ganz vorne mitfahren. Und: Wir haben 16-mal in Le Mans gewonnen, also bietet es sich an, einen 17. Sieg anzustreben. Wir hoffen auch, dass die FIA eine Prototypen-Weltmeisterschaft mit sieben Rennen ausschreibt: Zwei in den USA, zwei in Europa plus Le Mans, und zwei in Asien. Das würde uns Riesenspaß machen.
Automobil Produktion: Welche Rolle spielt Porsche in der Volkswagen-Strategie 2018?
Wenn es nach Absatz-Volumen ginge, wären wir weit hinten. Aber in der Tat sind wir in der ‚Markenhierarchie‘ schon ein wichtiger Bestandteil. Es gibt im VW-Konzern drei Marken, die eine Baukastenverantwortung haben und vor diesem Hintergrund produktstrategisch wichtig sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dann wird es für Lamborghini härter?

Müller: Lamborghini ist die Nische. Und sich da zu behaupten ist nie einfach.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es bei Ihnen analog zu Volkswagen eine Porsche-Strategie 2018? Und falls ja: Was beinhaltet sie?

Müller: Die gibt es natürlich. Wir haben sie im ersten Halbjahr 2011 erarbeitet und im Juni sowohl im Vorstand verabschiedet als auch dem Aufsichtsrat vorgestellt. Sie gibt den Maßstab vor, für unsere hohen Qualitätsansprüche intern und extern, bei den Geschäftsprozessen als auch beim Produkt selbst. Beim Produkt wiederum kommt es auf die Auslieferungs- und Langzeitqualität an. Das machen wir zwar auch jetzt schon gut, aber das Niveau muss unter allen Umständen gehalten werden. Wir haben aber noch weitere Qualitätsthemen identifiziert: Was sind wir für ein Arbeitgeber? Oder wie gut ist das Zusammenwirken mit unseren Stakeholdern, Lieferanten, sowie Kunden? Und wenn wir das alles im Griff haben, werden wir bis 2018 ein Volumen von 200"000 Fahrzeugen pro Jahr haben.

Die 911er-Reihe ist der Leuchtturm in der Porsche-Modellpalette. - Bild: Porsche

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Investitionen planen Sie?

Müller: Erst einmal den Ausbau von Weissach mit drei Großbaustellen: Design, Windkanal und Elektronik-Integrationszentrum mit je 50 Millionen Euro. Und dann der Ausbau in Leipzig, der mit 500 Millionen Euro für Lackiererei und Karosseriebau für den Cajun veranschlagt ist. Weitere Investitionsentscheidungen stehen an, weil wir auch Zuffenhausen ausbauen müssen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo sollte Porsche noch in den VW-Produktionsverbund eingebunden werden?

Müller: Zunächst einmal: Wir haben keine Ambitionen außerhalb von Deutschland zu entwickeln und zu fertigen. Es sei denn, es ergäbe sich eine Notwendigkeit – dass beispielsweise Länder Gesetze erlassen oder Einfuhrzölle erheben, die das erfordern. In dem Fall muss man überlegen, ob man nicht in wichtigen Märkten zumindest montiert. Im Moment ist das kein Thema.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sind verantwortlich für zwei Baukästen. Werden diese – wie bei Volkswagen auch – für alternative Antriebe ausgelegt?

Müller: Die Frage kann ich nicht eindeutig mit Ja beantworten. Aber wir werden Modelle haben, die mit alternativen Antrieben angeboten werden. Cayenne und Panamera sind ja schon Hybride. Wenn Sie mich jetzt fragen, wann da ein Elektroantrieb reinkommt, dann muss ich leider sagen: Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir beim Panamera und beim Cayenne über den Full-Hybrid hinaus an einem Plug-in-Hybrid arbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bleibt die Hybridisierung oder Elektrifizierung beim 911er nach wie vor undenkbar?

Müller: Bei den Sportwagen ist die Entscheidungsfindung komplexer. Wenn ich die Wahl habe zwischen Boxster/Cayman und dem 911 – dann würde ich es zunächst mal im Boxster/Cayman bringen.
Automobil Produktion: Sie haben doch schon drei E-Boxster entwickelt…
Das waren Prototypen. Technisch ist es keine große Herausforderung. Wir könnten das und wenn es der Markt verlangt, dann bauen wir das auch.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welchen Stellenwert haben die Baukästen bei der Profitabilität?

Müller: Sie haben einen großen Stellenwert, weil uns durch die Baukästen ein großes Spektrum an Bauteilen zur Verfügung steht. Wir wägen natürlich Bauteil für Bauteil gegeneinander ab. Dadurch sieht man ganz schnell: Was passt zu Porsche und was nicht. Die Baukästen liefern Optionen, die wir ziehen können oder nicht. Aber klar ist auch: Porsche hat nicht die Größe und Kraft, ohne Zugriff auf diese Baukästen zu überleben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann hat sich der Kauf von Porsche für Volkswagen amortisiert?

Müller: Das hängt davon ab, wie dieser Merger letztendlich gestaltet wird. Das wissen wir ja noch nicht. Nur, dass die Verschmelzung terminlich nicht wie geplant funktioniert.
Das Interview führte Bettina Mayer "