Davos ist nur einmal im Jahr - und dann auch noch in der politisch neutralen Schweiz. Viele Politiker sorgen daher direkt bei ihrem Amtsantritt in einer neuen Staatslimousine für den ganz großen Auftritt. Das dürfte bei Angela Merkel als Bundeskanzlerin kaum anders sein als Emmanuel Macron, der sich nach seiner Wahl zum französischen Staatspräsidenten in einem frisch gepanzerten DS7 Crossback durch Paris chauffieren ließ. Bei anderen Terminen war er dem Gleichheitsgrundsatz verpflichtet in einem Renault Espace unterwegs - aus Angst vor Anschlägen ebenfalls in Schwerpanzerung. Was bei Macron aussieht wie eine ganz normale französische Limousine in dunkler Lackierung hat mit den Serienmodellen von PSA (Citroen / Peugeot / DS) oder Renault nicht viel gemein. Zentimeterdickes Panzerglas, mit Stahl, Karbon und Kevlar verstärkte Türen und Hauben - selbst gegen einen schweren Beschuss halten die Panzerungen allem stand. Als Barrack Obama 2009 US-Präsident wurde, spendierte General Motors ein neues "The Beast" - die wohl bestgesicherte Limousine der Welt. Was aussieht wie ein Cadillac STS, hat mit dem Luxusmodell jedoch kaum mehr Leuchteinheiten und Kühlergrill gemein. Amtsnachfolger Donald Trump sollte zur Amtsübernahme im Januar 2017 eine neue Limousine bekommen; doch die lässt nach wir vor auf sich warten und so ist Trump oftmals mit einem gepanzerten SUV vom Typ Chevrolet Tahoe / Suburban unterwegs. In Europa nutzen Personenschützer oft besonders gesicherte BMW X5 oder Mercedes G-Modelle.

Wenn Angela Merkel erneut zur neuen Bundeskanzlerin bestellt werden sollte, wird sie wohl mit dem neuen Audi A8 vorfahren, der ganz frisch auch als Panzerversion angeboten wird. Granatenbeschuss, Schnellfeuerwaffen oder Sprengsätze mittleren Grades bringen die Panzerung der Neckarsulmer Luxuslimousinen nicht zum bärsten. Reifen mit Notlaufeigenschaften sorgen dafür, dass die Personenschützer die Fahrzeuge selbst bei zerstörten Reifen aus der Gefahrenzone bringen können. Während Angela Merkel bisher zumeist mit einem gepanzerten Audi A8 W12 unterwegs ist, lässt sich Bundespräsident Walter Steinmeier bevorzugt mit einem BMW 7er älteren Baujahr chauffieren oder fährt in einem Mercedes S 600 zu Terminen im In- und Ausland. BMW hat vom aktuellen 7er BMW keine Schwerpanzervariante aufgelegt, so müssen BMW-Fans in Politik und Wirtschaft auf die alte Generation von 750 Li / 760 Li setzen. Wer einen neuen 7er BMW mit Panzerung fahren will, kann allenfalls zu einer Nachpanzerfirma wie Trasco wechseln, die den 7er sogar als gepanzerte Hybridvariante - allerdings als Leichtpanzer anbieten.

Die größte Panzerhistorie in Europa hat jedoch Mercedes. Für die Schwaben ist das Geschäft mit den Panzerfahrzeugen seit neun Jahrzehnten lebensrettender Alltag. Gepanzerte Limousinen gibt es dabei keinesfalls erst seit der Zeit, als die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik Deutschland in den 70er Jahren vor ihre härteste Bewährungsprobe stellte. Die Historie der Panzerfahrzeuge begann in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bereits der Mercedes Nürburg 460 aus der Baureihe W 08 war in politisch problematischen Zeiten als Panzerversion zu bekommen. Als erster internationaler Staatsmann ließ sich der japanische Kaiser Hirohito zu Beginn der 1930er Jahre von einem stark gesicherten Mercedes-Benz Typ 770 durch sein asiatisches Reich bewegen.

Rote Armee Fraktion

Bevor der legendäre Mercedes 600 (Baureihe W 100) ab Mitte der 60er Jahre bei vielen Nationen als Staats- und Repräsentationslimousine Einzug in den Fuhrpark hielt, produzierte Mercedes auf besonderen Wunsch gefährdeter Kunden Sonderschutzvarianten des Typs 500 und des 770ers. Ihnen allen gemein war eine tonnenschwere Stahlpanzerung an Türen und Karosserieteilen, während die Sicht nach außen wie innen von zentimeterdickem Panzerglas gewährleistet wurde. Bis heute gilt der 1963 vorgestellte 600 Pullman als die Staatslimousine schlechthin. Seine filigranen Formen, der elegante Auftritt und die großen Glasflächen machten ihn über Jahrzehnte zum Liebling von Prominenten, Stars, Wirtschaftsbossen, Kaisern, Königen, Scheichs und Politikern. Der legendäre 600er war bis in die frühen 90er Jahre die deutsche Staatslimousine und zurückhaltender Ausdruck einer selbstbewusster werdenden Bundesrepublik. Mit ihr untrennbar verbunden Fahrer wie Wolfgang Wöstendieck, der die Staatsgäste mit seinem automobilen Liebling über Jahrzehnte in aller Zurückhaltung gefahren hat: den Kaiser von Japan, Lady Di oder Johannes Paul II. Von 1971 bis 1993 war er zusammen mit drei anderen Fahrern der offizielle Chauffeur der deutschen Staatslimousine. Wenn der Besuch eines hohen Gastes anstand, orderte das Auswärtige Amt bei Mercedes-Benz in Stuttgart das bewährte Doppel aus Wöstendieck und seinem schwarzen Pullman, Kennzeichen S-VC 600 aus dem Baujahr 1965. Die exklusivste deutsche Nachkriegslimousine wurde von 1963 bis 1981 immerhin 2.677 Mal gebaut.

Weniger repräsentativ, aber von zahlreichen Politikern und Wirtschaftsgrößen innig geliebt waren die Panzerversionen der späteren Mercedes-Benz S-Klassen. Egal ob die frühe Chrombaureihe W 116, der moderne W126er oder der opulente W 140 - es gab keinen Staatsbesuch, keinen Wirtschaftskongress, auf der die gepanzerten S-Klassen die gefährdeten Personen nicht nur sicher, sondern auch überaus komfortabel an Ziel gebracht hätten. Während das Personenschützer von BKA oder Polizei während der wilden 70er Jahre im W 116 zumeist im gesicherten Mercedes-Benz 350 SE unterwegs waren, reisten die Politiker bevorzugt im kraftvolleren 450 SEL mit langem Radstand. Das wollte der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß nicht auf sich sitzen lassen und ließ 1977 zwei gepanzerte BMW 733i bauen, weil der bekennende Mercedes-Fan Strauß nicht in einem Fremdfabrikat aus dem Nachbarbundesland unterwegs sein wollte.

Politikgrößen der 80er Jahre wie Helmut Kohl oder Richard von Weizäcker ließen sich im mit Flockvelours ausgekleideten 500 SEL der Baureihe W 126 kommod transportieren, während die Wirtschaftselite auf das gepanzerte Topmodell des Mercedes-Benz 560 SEL - gerne auch mit vollelektrischer Einzelsitzanlage im Fond - setzte. Der russische Präsident Vladimir Putin ließ sich noch bis vor ein paar Jahren in einem besonders gesicherten Mercedes 600 SEL der Baureihe W 140 durch Moskau transportieren, ehe der direkt auf einen Pullman vom Typ 221 umstieg, den er bisweilen auch einmal selbst steuert. Das wird beim Weltwirtschaftsforum in Davos ab heute wohl nicht der Fall sein. Hier gibt es einmal im Jahr die größte Sichte an Panzerfahrzeugen - von Sicherheitsbehörden aus aller Welt.