Der Porsche Panamera vor der Kulisse von Shanghai. - Bild: Porsche

Der Porsche Panamera vor der Kulisse von Shanghai. - Bild: Porsche

Einen Porsche braucht eigentlich niemand“, kokettierte der einstige Firmenchef Wendelin Wiedeking. Doch brauchen und haben wollen sind zwei Paar Schuhe, wie viele Frauen beim Blick auf ihre Sammlung derselbigen bestätigen können. Sportwagen sind, aller politischen Korrektheit und Bekenntnisse zum ökologischen Fortkommen zum Trotz, begehrt wie lange nicht. In Deutschland gehören die flachen Flitzer in diesem Jahr zu den Bestsellern. Laut Kraftfahrtbundesamt legte das von ihnen definierte Sportwagensegment im Vorjahresvergleich bis Ende September um 1,7 Prozent in der Käufergunst auf 40"180 Sportwagen zu. Weltweit dürfte sich angesichts immer neuer Modelle, immer ausgefallenerer Designs und immer innovativerer Technologien an diesem Trend auch in Zukunft nicht viel ändern, schätzen die Experten.

Exklusiv für die AUTOMOBIL PRODUKTION prognostizierte das Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen das Wettbewerbsumfeld des 911er wie beispielsweise Aston Martin, Jaguar oder Ferrari. Diese verzeichnen einen Zuwachs der weltweiten Produktionszahlen um knapp ein Viertel auf fast 86"000 in 2011. Zugegeben, vieles davon ist auf die Nachhollust nach dem Einbruch der Sportwagen in der Krise zurückzuführen. Von 2008 auf 2009 hatten sich die Verkäufe immerhin mehr als halbiert. Doch die aktuelle Lage an den Finanzmärkten scheint diesmal an den Autoherstellern vorbeizugehen. Bis Ende des Jahrzehnts, schдtzt das Institut, dürften mit knapp 140"000 Sportwagen 62 Prozent mehr verkauft werden als in diesem Jahr. Damit würde die Rekordmarke aus dem Jahr 2006 von rund 135"000 Sportlern erstmals wieder geknackt.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut IHS Automotive kalkuliert bis 2014 mit einem Anstieg der Produktionszahlen auf gut 128"000. Allerdings differieren bei den Experten die Definitionen, welche Fahrzeuge zum Sportwagen-Segment zählen.

Dabei ist ausnahmsweise nicht China der größte Treiber, sagt Automobilexperte Christoph Stürmer von IHS. Abgesehen von einer kleinen, hippen Szene in Städten wie Shanghai oder Hongkong, wo zu exklusiven Clubs schon mal im Lamborghini vorgefahren wird, nehmen die wohlhabenden Chinesen zumeist eher im Fonds Platz und lassen sich chauffieren. In einem Porsche oder Maserati wäre das unbequem bis unmöglich. „Es sind eher die Kunden in den etablierten Märkten wie Westeuropa, den USA, aber auch in Saudi-Arabien und den osteuropäischen Ländern wie Polen oder Ungarn, die sich gerne mit einem Sportwagen schmücken“, sagt Stürmer. Das Argument, dass gerade in demografisch alternden Märkten die jungdynamischen PS-Freunde aussterben, lässt er nicht gelten: „Es sind vor allem die älteren Kunden, die sich einen Sportwagen leisten kÑnnen.“ Die jungen Heißsporne kauften eher Gebrauchte und hielten so die Wiederverkaufspreise hoch.

Vom Rennsport inspiriert arbeitet Audi am e-tron Spyder. - Bild: Porsche

Die Hersteller haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um die Vollgas-Fraktion bei Laune zu halten. Schlechte Qualität, hoher Verbrauch und saftige Preise: Viele Gründe, keinen Sportwagen zu kaufen, sind inzwischen aus der Welt geschafft. „Sportwagen haben in punkto Komfort, Technik und vor allem Qualität enorm aufgeholt“, so Stürmer. Inzwischen könne man sogar einen Ferrari bei Regen fahren, scherzt er.

Während sich die Automobilindustrie einerseits auf politischen Druck hin dem Umweltschutz verschrieben hat und in alle Richtungen nach neuen, ökologischeren Antriebskonzepten forscht, entwickeln die Hersteller gleichzeitig immer abgefahrenere Sportwagen. Flache Flundern, die es – zumindest theoretisch – auf Endgeschwindigkeiten bringen, die bislang dem Flugverkehr vorbehalten waren. Ein Widerspruch? Mitnichten. Denn neben dem Design liefern sich die Hersteller bei den schnellen Flitzern auch ein Wettrüsten um die technische Überlegenheit. Viele Neuerungen wie das Doppelkupplungsgetriebe waren zuerst in den Top-Sportmodellen zu haben, in diesem Fall in einem Porsche für die Rennstrecke. Von dem Vorsprung profitieren dann auch nachgeordnete Fahrzeugreihen. Das Paradebeispiel: Schon 2006 stellte Tesla Motors einen rein elektrisch betriebenen Roadster vor – angetrieben von knapp 7"000 handelsÑblichen Laptop-Batterien. Aufgebaut auf dem Lotus Elise ging der über 100"000 US-Dollar teure Zweisitzer 2008 in Serie und war vom Fleck weg der Liebling der High Society – vom Schauspieler George Clooney bis zum damaligen kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Selten war Vollgas geben so hipp und zugleich ökologisch korrekt. Denn der Tesla kam nicht als Verzichtvehikel in freudloser Öko-Mission daher, sondern als reinrassiger Sportwagen, der es in weniger als vier Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer schafft und dank Elektroantrieb weder raucht noch stinkt.

Künftig schneller, leichter und dabei sparsamer

BMW setzt bei der Entwicklung seines neuen Supersportlers i8 mit kombiniertem Diesel- und Elektroantrieb auf eine weitere technische Revolution: Nachdem Autos 125 Jahre aus Metall gebaut wurden, wollen die Münchner ihr kÑnftiges Flaggschiff in eine Karosserie aus leichter Kohlefaser kleiden. „Bei elektrischer Mobilität ist das Gewicht des Autos ein entscheidender Faktor“, sagt Finanzvorstand Friedrich Eichiner. „Es gibt eine enge Verbindung zwischen niedrigem Gewicht und Reichweite.“ Der ‚reinrassige Sportwagen‘, wie ihn Konzernchef Norbert Reithofer anpreist, soll es in weniger als fünf Sekunden auf Tempo 100 bringen und dennoch nur etwa drei Liter Sprit auf 100 Kilometer schlucken – zumindest rechnerisch. An der teuren und schwer zu verarbeitenden Kohlefaser haben sich schon viele versucht: Porsche baute 2003 seinen GT in Kleinserie aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Auch Lamborghini setzt den Werkstoff ein. Bei Audis geplantem offenen Sportwagen e-tron Spyder soll Karbon ebenso zum Einsatz kommen wie beim Elektro-Flügeltürer Mercedes SLS AMG E-Cell vom

Mit dem SLS AMG E-CELL zeigt Mercedes-Benz die Visison eines Supersportwagens mit Elektroantrieb. - Bild: Porsche

Rivalen Daimler. Doch nie zuvor ist es einem Fahrzeughersteller gelungen, Karbonautos in Serie zu fertigen. Bis 2014 will BMW es mit dem i8 schaffen. Nur beim Rennsport ist die Wunderfaser nicht mehr wegzudenken. Ohne die stabilen Chassis hätten Piloten wie Mike Rockefeller im Audi R8 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans oder Lewis Hamilton beim Grand Prix von Belgien in Spa ihre Crashs mit Tempo 250 und mehr womöglich nicht überlebt.

Rückkehr der Vierzylinder

Um das ökologische Gewissen ihrer Kunden zu beruhigen und die immer strengeren Auflagen der Regierungen zu erfüllen, greifen einige Sportwagenhersteller auch auf Altbewährtes zurück. Kleine, leichte und schnelle Flitzer, wie sie in den 60er-Jahren aus England kamen, erleben eine Renaissance. Mit Vierzylindermotoren und Hinterradantrieb stehen sie für viel Fahrspaß bei vergleichsweise geringem Verbrauch. Die Mutter aller kleinen und leichten Sportwagen heißt Lotus. Der Roadster Elise, dessen vier Zylinder bis zu 245 PS auf die Hinterräder bringen, wiegt nur rund 880 Kilogramm. Alfa Romeo will 2013 mit dem 4C einen Kompaktsportler losschicken, der gerade mal 850 Kilogramm auf die Wage bringt, aber mehr als 200 PS auf die Hinterachse loslässt und damit in fünf Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sprintet.

Dem Trend zu vier Zylindern und Hinterradantrieb schließen sich auch Subaru und Toyota mit ihren gemeinsam entwickelten Sportwagen Subaru RWD Sports Car und Toyota FT 86 II Concept an, die im Frühjahr bei den Händlern stehen sollen. Auch Porsche plant nach fast zwei Jahrzehnten die RÑckkehr zu vier TÑpfen. Bei der nächsten Generation von Boxster und Cayman könnten aufgeladene Vierzylinder-Boxermotoren dafür sorgen, dass die Pferdestärken mit weniger Hubraum und Sprit auskommen.

Inzwischen ist der rasante Fahrspaß sogar für den kleineren Geldbeutel zu haben. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Volumenhersteller die Produktion von Kleinserien profitabel beherrschen. Mazda machte es 1989 allen vor, als die Japaner den MX-5 präsentierten. Gesegnet mit japanischer Qualität wurde der günstige Zweisitzer schnell zum Verkaufsschlager. Aber auch die klassischen Sportwagenschmieden erweitern ihre Palette nach unten. So plant Porsche einen preiswerteren Roadster als Einstiegsmodell unterhalb des Boxster – basierend auf einer Plattform von Volkswagen. Auch bei Jaguar ist mit dem kleineren C-X16 Nachwuchs für 60"000 bis 80"000 Euro unterwegs.

Bis 2015 dürfte sich wohl an der Freude der Anbieter im 911er-Segment nichts ändern. 176"000 produzierte Sportwagen sagt Professor Dudenhöffer voraus. Dann sei der Peak wahrscheinlich Ñberschritten. So schдtzt der CAR-Experte, dass es 2020 nur noch knapp 140"000 werden. Das ist dann zwar ein bisschen weniger, aber das Geschäft mit den Sportwagen bleibt auch danach immer noch absolute Spitze.