Die neue Radarfamilie AC1000 ermöglicht die 360-Grad-Umgebungserkennung. Bild: TRW

Die neue Radarfamilie AC1000 ermöglicht die 360-Grad-Umgebungserkennung. Bild: TRW

Die Szenerie ist bekannt, die Schrecksekunde kennt womöglich jeder Autofahrer: Hinter einer Kurve steht ein Pannenfahrzeug auf der Landstraße oder ein Traktor rollt aus dem Feldweg auf die Spur. Gut, wenn das Hindernis noch so weit voraus liegt, dass der Fahrer rechtzeitig bremsen kann. Reicht es jedoch nicht mehr zum kompletten Stopp, hilft nur noch die Ausweichbewegung am Hindernis vorbei.
Die Idee hinter dem so genannten Ausweichassistent ist es, dass das Fahrzeug das Lenkmanöver des Fahrers durch zusätzliches Lenkmoment unterstützt, oder womöglich – wenn auch von Gesetzes wegen dereinst die Hände längere Zeit vom Lenkrad genommen werden dürfen – völlig selbständig die Gefahr umschifft. Die Ingenieure des Zulieferes TRW haben dies kürzlich auf dem Hockenheimring in einem handelsüblichen Opel Insignia demonstriert. Stufe eins des Systems ist dabei die erwähnte Lenkunterstützung, wenn der Fahrer selbst das Ausweichmanöver einleitet. Je nachdem, wie spät er den Kurswunsch am Volant einleitet, greift die elektronische Lenkung mehr oder weniger stark ein. Das unterstützende Moment spürt der Fahrer als eine Art synthetische Zugabe. Mit dem Effekt des sicheren Schwenks um den Gefahrenherd. Als Stufe zwei demonstrierten die Ingenieure, wie das Fahrzeug das halbe Elchmanöver auch völlig ohne Zutun des Fahrers absolviert. Für den konservativen Piloten ungewohnt, aber zumindest beeindruckend, umzirkelt das Demonstrations-Fahrzeug denn auch das zu Testzwecken gepolsterte Hindernis.

Die jüngste Kamerageneration S-Cam3 geht 2016 in Serie. Bild: TRW

Möglich macht dies eine Fusion aus Radar- (AC1000) und Kamerasensor (S-Cam2 beziehungsweise S-Cam3). Der Notausweichassistent – Emergency Steering Assist (ESA) verfügt dazu über eine Schnittstelle zur elektrischen Servolenkung (EPS). Nach der adaptiven Geschwindigkeitsregelung und automatischen Notfallbremse ist die ESA-Funktion der nächste Schritt in der Kollisionsvermeidung. TRW hat den Notausweichassistent gemeinsam mit der TU Dortmund entwickelt und ist nach eigenen Angaben in der Lage, die Technologie voraussichtlich 2017 für Fahrzeugmodelle ab 2018 auf den Markt zu bringen. Alleine für seine Assistenzsystemen hat das Unternehmen 350 Ingenieure im Einsatz. Motivation für die rasche Weiterentwicklung der Systeme sind nach Angaben von Andrew Whydell, Director Product Planning Global Electronics, alleine in Europa und Amerika jährlich 30 000 im Verkehr getötete Menschen. Fahrerassistenz sei daher ein entscheidender Hebel, um diese Zahl zu reduzieren. „Unser Ziel ist es, flexible und skalierbare Sensorfamilien zu entwickeln, mit denen Hersteller zukünftige Marktanforderungen vollständig erfüllen können“, betont Whydell. Mit Blick auf die Anforderungen durch Euro NCAP und die Top Safety Pick-Auszeichnung des Institute for Highway Safety IIHS gewinnen daher die vorausschauenden Kamera- und Radarsensoren an Bedeutung. So führt Euro NCAP 2016 eine Bewertung für die Notbremsfunktionalität mit Fußgängerschutz ein. Ebenfalls zum Jahr 2016 wird für den nordamerikanischen Markt der Highway Driving Assist erwartet. Wie Whydell betont, sieht man sich bei TRW dafür positiv aufgestellt und verfüge über eine entsprechende Roadmap. Zur Umsetzung etwa der Fußgänger- oder 360-Grad-Sensierung, tragen laut Whydell explizit die Technologien mit Kamera und Radar bei, für man in den nächsten Jahren ein außergewöhnliches Wachstum prognostiziert. So erwartet TRW im Radarmarkt weltweit ein Wachstum von aktuell 5,7 Millionen Einheiten auf 34 Millionen in 2020. Für den Kameramarkt prognostizieren die Experten einen Schub von derzeit 7,8 auf 39 Millionen im Jahr 2020.

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Götz Fuchslocher