Adrian Lund

IIHS-Präsident Adrian Lund verteidigt den neuen Crashtest gegen die Kritik der Hersteller. - Bild: IIHS

Wie das “Handelsblatt” (Freitag) berichtet, schneiden laut der Mitteilung des IIHS beim sogenannten “Small Overlap Test” von 13 getesteten Limousinen der oberen Mittelklasse nur drei mit “akzeptablen Ergebnissen” ab.

Dabei kracht das Fahrzeug nur mit dem Scheinwerfer in ein Hindernis wie etwa einen Brückenpfeiler oder eine Hauswand. Anders als beim bisher durchgeführten Frontalcrash, bei dem das Fahrzeug mittig versetzt auf das Hindernis prallt, wird dabei nicht ein großer Teil der Aufprallenergie von der Sicherheitszelle und dem Antriebsstrang aufgefangen. Entsprechend sind die Verformungen an der Karosserie andere – und offensichtlich extremere.

US-Markt für deutsche Autobauer von großer Bedeutung

Da der amerikanische Automarkt angesichts der derzeitigen Absatzschwäche in Europa als besonders bedeutsam für die exportabhängigen deutschen Premium-Autohersteller gilt, schauen diese zurzeit natürlich mit Argusaugen auf solche Tests.

Getestet wurden die 13 Kandidaten mit 25-prozentiger Überlappung bei 64 Stundenkilometer (40 US-Meilen) bei frontalem Aufprall. In der Realität sind derartige Kollisionen besonders häufig, etwa bei Unfällen mit dem Gegenverkehr oder beim Zusammenstoß mit Laternenpfählen.

In Europa führt auch die EuroNCAP Unfalltests mit seitlichem Versatz durch, bei diesen liegt dieser die Überdeckung bei 40 Prozent der Fahrzeugbreite. Die größere Fläche schluckt dann mehr Aufprallenergie, wodurch sich die Unfallfolgen abschwächen können.

Deutsche Premiumautobauer schneiden “armselig” ab

Die Ergebnisse des neuen US-Crashtestes enttäuschen: Bei dem Test der Premium-Pkw schnitten nur die Marken Acura von Honda und Volvo mit der Note “gut” ab. Der in den USA ab 32.500 Dollar verkaufte Audi A4 und die für 35.350 Dollar aufwärts erhältliche Mercedes-Benz C 250 bekamen in dem Test hingegen die Noten “armselig”.

Beim Audi öffnete sich bei dem Zusammenstoß die Tür, wodurch der Fahrer zusätzlich gefährdet wurde. Beim Mercedes wurde der Fuß der Dummy-Puppe eingeklemmt, da sich durch die geringe Überlappung mit dem Hindernis ein großer Teil der Wucht des Aufpralls auf das Vorderrad übertrug und nicht von der Frontpartie abgefangen wurde.

Daimler wehrt sich nach Crashtest-Ergebnis

Daimler ging mit der Unfallsimulation hart ins Gericht. Der Leiter der Unfallforschung, Dirk Ockel, stößt sich vor allem daran, dass ein starres Hindernis verwendet wurde, “weil die Wahrscheinlichkeit, auf der Fahrerseite von einem entgegenkommenden Fahrzeug gestreift oder getroffen zu werden, um ein Vielfaches höher ist, als in einen rechteckigen Betonpfeiler zu fahren”. Dennoch versicherte Mercedes, man nehme den Test ernst und ziehe seine Schlüsse daraus.

Audi will Ergebnisse in die Entwicklung einfließen lassen

Ähnlich reagierte der Rivale Audi. “Wir wollen das nicht bagatellisieren”, sagte ein Sprecher. Aber einen derartigen Zusammenstoß gebe es in der Realität nur selten. In Deutschland gehe es um vier Prozent der Unfälle mit Todesopfern oder Schwerverletzten. Dennoch wird Audi nachbessern: “Die Erkenntnisse aus diesem neuen Test werden wir bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge berücksichtigen.”

Auch die Toyota -Premiumtochter Lexus schnitt miserabel ab. Der VW CC bekam trotz einer aus den Angeln gehobenen Fahrertür – wie vier weitere Pkw in dem Crashtest – noch die Note “grenzwertig”.

Von den US-Herstellern war nur ein Modell der Ford -Tochter Lincoln dabei und schnitt ebenfalls mit “grenzwertig” ab. Bislang steht bei Crashtests die Simulation eines frontalen Zusammenstoßes auf knapp der Hälfe der Motorhaube im Mittelpunkt: Bei diesen schnitten alle getesteten Pkw mit “gut” ab.

Test-Sieger Volvo testet seine Fahrzeuge laut IIHS schon seit Jahrzehnten auf den jetzt simulierten Zusammenstoß. Volvo-Sicherheitsexperte Thomas Broberg konnte seine Freude nicht verbergen: “Dieser Test zeigt, dass unser Sicherheitssystem funktioniert.” Außer Frontal-Zusammenstößen spielt bei den Crashtests in den USA auch die Verformung der Fahrgastzelle bei einem seitlichen Aufprall, bei einem Heck-Crash sowie beim Überrollen des Fahrzeugs eine Rolle. In Europa wird zusätzlich noch die Kindersicherheit und der Fußgängerschutz in die Tests einbezogen.

IIHS verteidigt Test gegen Kritik der Hersteller

Der überwiegende Teil der Testfahrzeuge erhielt – trotz der jüngsten Einschränkungen – von dem von den US-Assekuranzen finanzierten Crashtest-Institut IIHS insgesamt die Auszeichnung “Top Safety Pick”.

IIHS-Präsident Adrian Lund verteidigte den neuen Test gegen Kritik. “Nahezu jeder Neuwagen verhält sich bei frontalen Crash-Tests gut, aber wir haben immer noch jährlich mehr als 10.000 Tote bei solchen Unfällen”, sagte Lund. Dafür seien Zusammenstöße mit einer geringeren Überdeckung mitverantwortlich, beinahe jeder vierte Frontal-Aufprall mit schweren Verletzungen von Fahrer oder Beifahrer entspreche den neuen Testbedingungen.

Um nicht auch in Zukunft die eigene Top-Safety-Pick-Bewertung mit dem neuen Test abzuwerten, will die IIHS die Kriterien für das kommende Jahr anpassen. Da das IIHS im amerikanischen Markt eine bedeutende Rolle spielt, wird den Hersteller letztlich nichts übrig bleiben, als auch die IIHS-Vorstellungen für einen Crashtest noch zu erfüllen.

“Es ist ein offenes Geheimnis, dass die heutigen Autokonstruktionen speziell auf die existierenden Tests abgestimmt sind, um besonders hohe Noten zu erreichen”, sagt der langjährige Mitarbeiter eines Autokonzerns, der anonym bleiben möchte. “Nach irgendwelchen Vorgaben muss man schließlich die Wagen bauen.”

Das führt allerdings dazu, dass mittlerweile fast alle Wagen die Bestnote erhalten. “Jetzt muss man halt die Messlatte höher legen”, sagt der Branchenkenner. “Das war schon in der Vergangenheit so. Zuerst wurden die Wagen mit ihrer ganzen Front gegen eine Mauer gefahren, dann kam der Seitenaufprall-Test hinzu und später in Europa der Fußgänger-Test.” Mit der Zeit, da ist er sich sicher, würden alle Wagen auch diesen neuen Crashtest problemlos bestehen.

Alle IIHS-Videos zum US-Crashtest finden Sie hier!

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Handelsblatt/dpa/Guido Kruschke