| von Wolfgang Gomoll

Die Älteren von uns werden sich noch mit Grauen an sie erinnern: Synthetik-Hemden, die in den 70ern aus den USA kommend ihren Siegeszug durch die westeuropäischen Tanztempel antraten. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend glänzend, aber eben auch schweißtreibend. Was das mit einem Auto zu tun hat? Nun, angesichts dieser Erfahrung kann man sich nur schwer vorstellen, eine Autofahrt auf Sitzbezügen zu absolvieren, die aus altem Plastik gefertigt worden sind. In modernen Autos hält genau das Einzug. Die Sitzbezüge im neuen Audi A3 bestehen zu 89 Prozent aus recycelten PET-Flaschen, um genau zu sein, aus 45 solcher Plastikbehälter. Das klingt zunächst nicht nach einer besonders verlockenden Vorstellung. Doch der Stoff mit dem Namen "Torsion" ist genau das. Irgendwann soll die Recyclingquote bei den Bezügen sogar 100 Prozent erreichen.

Die Verarbeitung eines Fadens aus recycelten Plastikflaschen unterscheidet sich nicht großartig von derjenigen einer Faser aus künstlichen PET. Der Unterschied ist nur, dass die Flasche erst zu Granulat geschreddert werden muss, ehe der Zwirn daraus entsteht. Bei Range Rover ist man schon etwas früher auf den Wiederverwertungszug aufgesprungen: Im SUV vom Typ Velar finden sich auf Wunsch ebenfalls Sitzbahnen, die aus recycelten PET-Flaschen bestehen.

Der Trend zu recycelten Materialien wird noch mehr Fahrt aufnehmen. Wohin die Reise geht, sieht man an Prototypen wie dem Volvo XC60 T8 Twin Engine, bei dem gut ein Viertel der Kunststoffbauteile aus recyceltem Material gefertigt sind. Neben den mittlerweile fast schon zum Standard gehörenden Sitzbezügen aus PET-Flaschen besteht der Mitteltunnel aus nachwachsenden Fasern sowie Kunststoffen aus ausgemusterten Fischernetzen und Seeseilen. Die Fußmatten enthalten eine Mixtur aus Fasern aus PET-Kunststoffflaschen und eine recycelte Baumwollmischung aus Restposten von Bekleidungsherstellern. Das Dämmmaterial unter der Motorhaube wird aus gebrauchten Polstern älterer Volvo-Fahrzeuge hergestellt. Die Studie ist mehr als nur eine Fingerübung der Designer: Ab 2025 sollen die in neu eingeführten Volvo-Modellen verwendeten Kunststoffe zu mindestens 25 Prozent aus wiederverwertetem Material bestehen.

Auch Reifen sollen in großem Umfang wiederverwertet werden

Das Elektrofahrzeug Polestar 2 des schwedischen Autobauers wird ein komplett veganes Interieur haben und viele der in der XC60-Studie gezeigten Materialien verwenden. Die anderen Autobauer ziehen nach. Die Mercedes-Studie "Vision AVTR" hat vegane Sitzbezüge und einen Boden, dessen Basis Rattan ist. Der Innenraum des BMW i3 ist ohnehin mit einigen organischen Materialien ausgestattet, aber die Studie "Urban Suite" setzt noch einen drauf. Neben den PET-Stoffen sind die Fußmatten noch etwas Besonderes: Laut BMW sind die jetzt aus einem Material, das zu 100 Prozent wiederverwertet werden kann.

Damit ist das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht. Schließlich stecken rund 350 Kilogramm Kunststoff in einem Auto, davon ist etwa die Hälfte wiederverwertbar - auch bei den Reifen. Volvo und Michelin haben sich jetzt mit dem schwedischen Start-up Enviro zusammengetan. Durch eine spezielle Art der Pyrolyse können die Skandinavier aus dem Altreifen Kautschuk-Ruß, Pyrolyseöl, Stahl und Gas gewinnen, die dann gleich wiederverwertet werden können. Enviro schätzt, dass pro Tonne Reifen Rohstoffe im Wert von 410 US-Dollar entstehen. Wenn man in Betracht zieht, dass in einem Jahr rund 14 Millionen Tonnen an Altreifen weggeworfen werden, lohnt sich das Prozedere, da Enviro auch die Kosten für das Verfahren im Griff haben will.