Willi Reiss

Reiss stieg 1987 als Kostenplaner am Standort Sindelfingen ein. 2011 hat er die Werksleitung übernommen. – Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION:Herr Dr. Reiss, seit Januar 2011 sind Sie Werkleiter in Sindelfingen und schon seit den 1980-ern an diesem Daimler-Standort tätig. Wo liegen die gravierendsten Unterschiede zwischen damals und heute?
In der Region Stuttgart ist Daimler mit dem Standort Sindelfingen der größte Arbeitgeber. Wir haben hier eine hochqualifizierte, erfahrene Mannschaft – top motiviert und stolz auf die Sindelfinger Premiumprodukte. Im Vergleich zu den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich vor allem die Modell- und Antriebsvarianten sowie die Individualisierungsoptionen für unsere Kunden deutlich erhöht. Wir fertigen nach Kundenaufträgen und das heißt zum Beispiel, dass heute praktisch keine S-Klasse wie die andere ist. Damit haben sich auch die Arbeitsinhalte unserer Mitarbeiter stark verändert: Ein Schwerpunkt war immer die permanente Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Hier sind wir bereits auf einem sehr hohen Niveau. Dabei geht es darum, die körperlichen Belastungen zu verringern, wie beispielsweise durch den Einsatz von Hebehilfen oder dem Sicherstellen einer optimalen Arbeitshöhe. Im Grunde hat sich das Werk Sindelfingen seit seinem Bestehen, also in den vergangenen 100 Jahren, mehrfach neu erfunden. So bündeln wir beispielsweise in Sindelfingen in der neu geschaffenen Technologiefabrik die gesamte produktionsbezogene Technologiekompetenz von Mercedes-Benz Cars.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Worin bestand technologisch der größte Lerneffekt seit dieser Zeit?
Die Bandbreite der Themen, die uns in der Produktion beschäftigen, ist natürlich enorm. Denken Sie an neue Materialkonzepte wie etwa den zunehmenden Einsatz von Aluminium und anderer Werkstoffe mit den dazu gehörigen Fügetechnologien oder auch die Umstellung auf wasserbasierte Lacke. Besonders wichtig für uns bei Mercedes-Benz – nicht nur in Sindelfingen übrigens – ist ganz sicher die Erkenntnis, dass der Automatisierungsgrad in der Autoindustrie eine sinnvolle Höhe überschritten hat. Dies wollen wir mit dem richtigen Maß zurückdrehen und damit an Flexibilität gewinnen. Deshalb stehen für uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Know-how im Mittelpunkt. Außerdem wollen wir unsere Maschinen und Anlagen weltweit noch stärker standardisieren und sie über eine Produktgeneration hinaus weiter nutzen. Das senkt unseren Investitionsbedarf.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie sind seit mehr als 20 Jahren eng mit dem Werk verbunden. Hatten Sie jemals das Verlangen in ein anderes Werk zu wechseln?
Ich bin sehr stolz darauf ein „Sindelfinger“ zu sein. Ich kann mir schwerlich einen anderen Ort vorstellen, an dem so viel geballte Kompetenz in Sachen Automobil Know-how, interessante Herausforderungen und Zukunftspotential, vorhanden sind, wie hier am Standort Sindelfingen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was zeichnet den Standort Sindelfingen gegenüber anderen Mercedes-Benz-Werken aus?
Der Standort Sindelfingen ist einmalig. Er ist in über 100 Jahren kontinuierlich gewachsen. Das Werk ist im globalen Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz Cars das Kompetenzzentrum für Personenwagen der Ober- und Luxusklasse. Wir haben hier weltweite Zentralfunktionen wie die Produktionsplanung, das Qualitätsmanagement, die Logistik und die neue Technologiefabrik, die für eine effiziente Verzahnung von Entwicklung und Produktion sorgt. Darüber hinaus unterstützen wir mit unserer Mannschaft auch die Fahrzeug-Anläufe an anderen Standorten. Dazu kommt die Forschung und Entwicklung sowie der Einkauf. Dieses geballte Know-how macht den Standort so stark und einzigartig.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wo sehen Sie in Sindelfingen noch Verbesserungspotenzial?
Im Rahmen der Betriebsvereinbarung zum Zukunftsbild Sindelfingen haben wir den Kernprozess des Autobauens neu definiert. Wie Sie wissen investieren wir bis 2020 1,5 Milliarden Euro in die umfassende Modernisierung der Produktion. Mit diesem Investitionspaket stellen wir die Produktion in Sindelfingen auf ein komplett neues, wettbewerbs- und zukunftsfähiges Fundament. Damit werden wir Sindelfingen als Kompetenzzentrum für die Ober- und Luxusklasse weiterentwickeln. Das gibt dem Standort und auch der Belegschaft eine hervorragende Zukunftsperspektive.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Worin liegt die besondere Herausforderung bei der Produktion von Luxusmodellen wie der S-Klasse oder dem S-Klasse Coupé, schließlich gelten beide Modelle als Maßstab in Ihrem Segment?
Mit der neuen S-Klasse haben wir die Spitze des Automobilbaus neu definiert. Mit diesem Modell ist es uns gelungen, die höchsten Ansprüche unserer exklusiven Kundschaft in puncto Exklusivität, Luxus, Komfort, Technik, Qualität, Sicherheit und Effizienz erfüllen. Die Individualisierung der S-Klasse mit ihrer Variantenvielfalt erfordert hochkomplexe und effiziente Abläufe in allen Entwicklungs- und Produktionsschritten, von der ersten Idee bis zum fertigen Fahrzeug. Grundsätzlich arbeiten wir nach dem Motto: Wir finden intelligentere Lösungen und lassen dabei Überflüssiges weg, so kommen wir mit schlanken, intelligenteren Prozessen schneller und effizienter ans Ziel. Und ein wesentlicher Stellhebel für eine Effizienzsteigerung ist die Modulstrategie. Mit der Modularisierung über alle Baureihen erzielen wir Verbesserungen bei Kosten und Produktionszeiten. Gleichzeitig leistet die Modularisierung einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Komplexität und Variantenanzahl sowie für die Absicherung und weitere Steigerung der Qualität unserer Fahrzeuge.

Mercedes Werk Sindelfingen

Die Arbeitsplätze in der S-Klasse-Produktion sind ergonomisch gestaltet. – Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION:Insbesondere beim S-Klasse Coupé gibt es zahlreiche Individualisierungs-Möglichkeiten, inwiefern stellt das eine besondere Herausforderung an die Montage dar?
Auch hier gilt wie bei der S-Klasse Limousine, dass wir dank der Modulstrategie unzählige Individualisierungswünsche unserer Kunden effizient darstellen können. Mit zahlreichen Maßnahmen haben wir übrigens auch die Ergonomie weiter verbessert. So können beispielsweise unsere Mitarbeiter die Steuergeräte auf dem Rückwandmodul in der für sie optimalen Höhe anbringen. Eine Hebeeinrichtung übernimmt dann den Transport des Bauteils in das Fahrzeug. (Siehe Frage 6. Gilt auch für das S-Klasse Coupé)

AUTOMOBIL PRODUKTION:Müssen die Mitarbeiter, die in der S-Klasse Coupé beschäftigt sind, aufgrund der erhöhten manuellen Arbeitsumfänge speziell geschult werden? Wenn ja, wie sehen solche Schulungen aus?
Wir haben bei der Produktion des S-Klasse Coupés eine eher geringe Automatisierung und weitaus mehr manuelle Umfänge als bei den Großserien. Und genau darauf haben wir die Mannschaft mit intensiven Qualifizierungsmaßnahmen vorbereitet. Bestandteil der Maßnahmen war dabei der Aufbau der Linien mit einer optimalen Materialbereitstellung. Außerdem haben wir die Mannschaft direkt in die Planung eingebunden.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sindelfingen ist das Leitwerk für die Ober- und Luxusklasse. Wie geben Sie Ihre Erfahrungen an andere Werke weiter? Können Sie ein oder zwei Beispiele nennen?
Mit seinen über 100 Jahren Erfahrung im Automobilbau hat das Werk Sindelfingen eine ganz besondere Stellung im Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz. Wie bereits erwähnt, findet sich hier das geballte Know-how, das den Standort so stark und einzigartig macht: weltweite Zentralfunktionen wie die Produktionsplanung, das Qualitätsmanagement, die Logistik und die neue Technologiefabrik sind hier vor Ort. Das Prinzip der kurzen Wege stellt einen maximalen Reifegrad der Sindelfinger Produkte sicher. Motto: Vom ersten Federstrich bis zur Übergabe unseres Produktes an Kunden ist alles „Made in Sindelfingen“. Dieses fundierte Wissen geben wir immer wieder bei den Produktanläufen sowohl im In- und Ausland weiter. Das Sindelfinger internationale Anlaufunterstützungsteam (A-Team) unterstützt dabei alle Mercedes-Benz Cars Aufbau- und CKD-Werke mit dem Ziel, standardisierte Anlaufprozesse sicherzustellen. Nur ein Team von erfahrenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit spezifischen Kenntnissen, kann in Anlaufsituationen effektiv unterstützen und weltweite Standards sowie eine Top-Produktqualität sicherstellen.

Das Werk in Zahlen:
- 35.000 Menschen arbeiten am Standort Sindelfingen
- 367.313 Fahrzeuge produzierten die Werker im vergangenen Jahr
- 250 Autos liefert das Sindelfinger Kundencenter täglich aus
- 90 verschiedene Nationalitäten arbeiten hier
- 21.600 Lehrlinge haben seit der Gründung hier ihre Berufsausbildung abgeschlossen

AUTOMOBIL PRODUKTION:Daimler investiert bis 2020 rund 1,5 Milliarden Euro in das Mercedes-Benz Werk Sindelfingen. Wie viel fließt davon in die Produktion und für was wird das Geld konkret verwendet?
Mit den zugesagten Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro stellen wir die Produktion in Sindelfingen grundsätzlich auf ein neues und wettbewerbsfähiges Fundament. Das sichert die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig und erhöht gleichzeitig die Flexibilität des Werks Sindelfingen deutlich. Zu den Kernprojekten der Investitionen gehört die Errichtung eines neuen Rohbaus, einer neuen Lackiererei mit effizienten Prozessen, der Bau einer Montagehalle für die neue Generation der E-Klasse sowie deren Nachfolger. Außerdem entsteht am weltweit größten Produktionsstandort von Mercedes-Benz Pkw ein Logistikzentrum für die nächste E-Klasse.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Welche Rolle spielt das Thema Umweltschutz und erneuerbare Energien im Werk Sindelfingen? Nehmen Sie auch da eine Vorbildfunktion ein?
Wir bekennen uns – am Standort Sindelfingen wie bei Daimler insgesamt – ausdrücklich zum Prinzip der Nachhaltigkeit. Die relevanten internen Regelungsgrundlagen sind die konzernweit gültige Richtlinie für integres Verhalten und die Umwelt- und Energieleitlinien. Als eines der ersten Werke des Unternehmens haben wir am Standort Sindelfingen bereits 1995 ein gemäß EMAS (Eco-Management and Audit Scheme = EU-Öko-Audit) und DIN EN ISO 14001 zertifiziertes Umweltmanagementsystem eingeführt und damit zugleich eine Vorreiterrolle in der gesamten europäischen Automobilindustrie eingenommen. Erweitert haben wir dieses Umweltmanagementsystem im Jahr 2012 zu einem Umwelt- und Energiemanagementsystem. Die betriebliche Umweltleistung des Standortes Sindelfingen hat also nicht nur innerhalb des Unternehmens Vorbildcharakter, sondern auch im Vergleich mit den Wettbewerbern. Ein Beispiel: 2012 ist es uns bei der neuen S-Klasse gelungen, den Stromverbrauch pro Fahrzeug in Rohbau und Montage um 23 Prozent zu verringern.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Warum wird Sindelfingen in Ihren Augen auch in den nächsten 100 Jahren noch die Automobilgeschichte entscheidend mitprägen?
Dafür sprechen gleich mehrere Faktoren: Bis 2020 investieren wir 1,5 Milliarden Euro in das Werk. Wir haben hier die neue Technologiefabrik, nirgends in der Automobilbranche ist die Verzahnung zwischen Forschung & Entwicklung, Design, Planung, Einkauf, Betriebsmittelbau und Produktion mit Presswerk enger als hier am Standort Sindelfingen. Und nicht zuletzt haben wir heute und sicher auch in Zukunft eine top-motivierte und top-qualifizierte Mannschaft. Das bildet ein sicheres Fundament für die nächsten 100 erfolgreichen Jahre.

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Das Interview führte Gabriel Pankow