Birgit Behrendt

Birgit Behrendt, Exec. Director Global Programs

Die ausgewählten Zulieferer sind für mindestens 80 Prozent der Bauteile eines globalen Fahrzeugs verantwortlich. Das erste Fahrzeug, das auf so einer globalen Architektur steht, ist der neue Kompaktwagen Ford Focus.

Interview mit Birgit Behrendt, Exec. Director Global Programs und Gunnar Herrmann, Global C-Car, Ford Motor Company.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bei unserem letzten Gespräch im Sommer 2009 haben Sie angekündigt, innerhalb von zwölf bis 18 Monaten die Zahl der Zulieferer von 2"000 auf 750 bis 850 zu reduzieren. Wo stehen Sie derzeit?
Behrendt: Wir sind gut im Plan. Wir wollten innerhalb dieses Zeitraumes die 750 bis 850 langfristigen Partner für das zukünftige Geschäft identifizieren. Denn wir versuchen so die derzeitige Lieferantenbasis zu konsolidieren, das geschieht jeweils über die Neuanläufe. Ende 2010 hatten wir noch 1"500 Lieferanten, die uns aktuell weltweit beliefern. In 2005 haben wir das Programm mit 3"300 Zulieferern begonnen. Inzwischen sind die langfristigen 850 Partner identifiziert. Aber es dauert natürlich noch eine Zeit mit den auslaufenden Produkten, so dass es dann auch wirklich nur noch 850 sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn Sie jetzt bei 1"500 Zulieferern sind; wann erreichen Sie dann Ihr Ziel von 850 weltweit?
Behrendt: Wenn wir nicht aktiv konsolidieren, dann würde es noch einige Jahre dauern. Wir versuchen so weit wir es können auch aktiv einzugreifen. Aber wir haben keinen Zeitraum festgelegt. Das Wichtige war zunächst die Identifizierung der 850 Partner, weil nur diese Langzeitlieferanten im Moment neues Geschäft bekommen. Übrigens sind nicht alle von den 850 ABF-Lieferanten (Aligned Business Framework). Wir haben uns für unsere ABF-Lieferanten 65 Prozent unseres Umsatzes oder unseres Einkaufsvolumens zum Ziel gesetzt. Also zwei Drittel unseres Einkaufsvolumens wird bei diesen ABF-Lieferanten konzentriert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kamen die deutschen Zulieferer gut weg?
Behrendt: Die kommen grundsätzlich gut weg. Wir treffen die Einkaufsentscheidungen gemeinsam mit unseren Kollegen von der Produktentwicklung. Da stehen Kriterien wie Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und globaler Footprint im Vordergrund. Das heißt Matched-Pair-Konzept: Der Einkauf trifft nicht isolierte Entscheidungen, sondern immer gemeinsam mit der Produktentwicklung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist das größte System, das Sie extern entwickeln lassen?
Herrmann: Ich würde sagen der Interieur-Trim ist sicherlich eines der größten Systeme. Und die elektronische Architektur und auch die Instrumententafel sind aus einer Hand. Das ist ein Lieferant, der dann verantwortlich ist, dass alles zusammenpasst.
Behrendt: 80 Prozent der Teile des neuen Ford Focus sind Gleichteile. Wir verfolgen das Prinzip des Follow Source: Lieferanten, die für den Ford Focus ausgewählt wurden, sind also automatisch auch die Lieferanten, die die anderen Varianten bedienen, egal, ob das jetzt der C-MAX ist oder weitere Fahrzeuge, die wir noch auf dieser Architektur vorstellen werden. Bei der C-Car-Architektur werden das zehn Modelle sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das bedeutet doch für alle Zulieferer, die nicht den Zuschlag bekamen, dass sie langfristig keine Chance mehr bei Ihnen haben…
Behrendt: Das stimmt überhaupt nicht. Denn wir sprechen heute über den Ford Focus, aber der Fiesta ist beispielsweise ebenfalls ein globales Fahrzeug. Wir planen, dass 75 Prozent unseres weltweiten Volumens sich auf globalen Plattformen abspielen werden. Also derjenige, der nicht zum Zuge kam bei der C-Car-Architektur, kann durchaus der bewährte Lieferant für die B-Car-Architektur sein. Keiner muss sich Sorgen machen, wenn er beim C-Car nicht berücksichtigt wurde.

 

Gunnar Herrmann

Gunnar Herrmann, Global C-Car, Ford Motor Company

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also bleibt der Wettbewerb unter den Zulieferern?
Herrmann: Den Wettbewerb muss es auch weiterhin geben. Denn was wir nicht oder nur bedingt beeinflussen können ist der Technologiezuwachs, den ein Zulieferer für sich in Anspruch nimmt. Das ist für uns ein Problem. Wir schreiben Technologien und Standards vor. Und wenn man irgendwann mal zu der Überzeugung kommt, dass der eine oder andere Lieferant nicht so schnell wächst oder nicht die Kompetenz hat, dann müssen wir uns natürlich neu orientieren. Aber in einem definierten Lebenszyklus bleibt es eigentlich stabil. Das ist wichtig.
Behrendt: Kein Lieferant kann über alle unsere Produktfamilien das Geschäft alleine abdecken. Das möchte der Lieferant nicht und das möchten wir auch nicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der Plan 2009 beinhaltete auch, dass Sie Entwicklungskosten der Zulieferer öfter bezahlen wollten. Wurde das umgesetzt?
Behrendt: Ja, das ist umgesetzt. Die wirtschaftliche Situation der letzten Jahre hat uns allerdings auch Grenzen gesetzt. Aber wir haben schon erheblich mehr Entwicklungskosten vorab bezahlt, als wir das früher getan haben. Es sind inzwischen einige hundert Millionen Dollar, die wir weltweit in den letzten Jahren vorab bezahlt haben, das schließt den Ford Focus ein. Aber es geht noch nicht mal darum, dass wir sie vorab bezahlen. Beispielsweise haben wir mit Johnson Controls (JCI) die Sitze entwickelt und konnten durch dieses One-Ford-Konzept mit JCI gemeinsam 40 Prozent der Kosten für die Sitzentwicklung einsparen. Und zwar, weil wir früher zusammenarbeiten und viel fokussierter als in der Vergangenheit. Es geht darum, gemeinsam in der Partnerschaft effizienter zu werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie hoch ist die Einsparung an Entwicklungskosten im Vergleich zur letzten Generation des Focus?
Behrendt: Es sind erhebliche Einsparungen möglich geworden, die wir nicht konkret benennen. Aber wenn Sie sehen, auf welche Technologien die Kunden nun zurückgreifen können, dann glaube ich verdeutlicht es, dass wir gemeinsam mit unseren Lieferanten erhebliche Einsparungen getätigt haben. Diese Einsparungen haben wir natürlich re-investiert in Kunden-Funktionen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welches Ziel verfolgen Sie durch die Kombination von Entwicklung, Einkauf und Produktion?
Behrendt: Unser Ziel ist „best in class quality“. Das erzielen wir durch verschiedene Kriterien, die unsere Lieferanten zu erfüllen haben. Beispielsweise müssen alle Produktionsstätten, die an uns liefern, einem bestimmten Standard entsprechen. Das überprüfen wir natürlich auch. Und wir prüfen auch die Lieferqualität sowie die Qualität der Funktionen, die über diese Systeme geliefert wird.
Herrmann: Das setzen wir bereits sehr rigoros um und haben eine sehr aggressive Zielsetzung. Alle Komponenten und Module haben unseren Qualitätsanforderungen im höchsten Maße zu entsprechen. Mit den Anläufen des C-MAX verfolgen wir das sehr rigoros und haben teils sogar die Produktion heruntergefahren, bis wir sicherstellen konnten, dass der Lieferant auf dem gewünschten Niveau operiert. Das ist ein Unterschied. Das hat den Vorteil, dass, wenn das Folgeprodukt kommt – wie im Falle des Ford Focus – gab es schon eine Menge neue Erfahrungen, die auch der Lieferant dann mittlerweile verinnerlicht hat. So müssen wir diesen Prozess kein zweites Mal fahren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Absatzzahlen haben Sie für den Focus geplant?
Behrendt: Die C-Plattform ist für zehn Modelle vorgesehen. Wir sprechen hier von 2,5 Millionen Einheiten weltweit. Den Absatz brechen wir nicht auf die Derivate herunter. Aber der Focus ist das größte Derivat innerhalb dieser 2,5 Millionen Fahrzeuge.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Steigerung ist im Vergleich zum Vormodell geplant?
Herrmann: Die ursprüngliche Plattform war für eine Million Einheiten geplant.
Behrendt: Der „alte“ Ford Focus basierte in den USA nicht auf der gleichen Plattform wie der „alte“ Ford Focus in Europa. Deshalb sprechen wir, was die Plattform angeht, von einer Steigerung von bisher einer bis 1,2 Millionen auf über zwei Millionen. Zusätzlich haben wir durch den hohen Anteil von Gleichteilen das Volumen weltweit erheblich konsolidiert. Das ist nicht nur für uns effizient, sondern auch für unsere Lieferanten in der Zusammenarbeit.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie hoch ist der Gleichteileanteil beim Focus?
Behrendt: Beim Ford Focus sind es 80 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind 80 Prozent bereits das absolute Maximum?
Behrendt: Das ist immer eine gute Frage, denn wir stoßen natürlich in den verschiedenen Märkten auf unterschiedliche gesetzliche Anforderungen. Wir sehen die 80 Prozent schon als sehr weitreichend an. Das ist jetzt für uns erst ein Mal der Benchmark.
Herrmann: Wenn ich von Kontinent zu Kontinent gehe, dann sind beispielsweise die Sicherheitssysteme auf Grund der unterschiedlichen gesetzlichen Anforderungen verschieden. Einige Bauteile sind daher anders ausgelegt. Das müssen Sie natürlich kompensieren. Wenn Sie aber innerhalb Europas die Anforderungen vergleichen, dann können Sie die 80 Prozent teilweise bis auf knapp 90 Prozent hochschrauben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Reduzieren Sie auch die Motorenzahl?
Behrendt: Natürlich konsolidieren wir auch die Motoren- und Getriebekombinationen. Zur One-Ford-Strategie zählt nicht nur die Reduzierung auf wenige Plattformen, sondern auch die weltweite Konsolidierung von Motoren und Getrieben.
Herrmann: Sie schaffen da echt Synergien – wenn Sie den Ford Focus nehmen, spielt sich alles zwischen einem Ein-Liter- und dem Zwei-Liter-Motor ab. Und das passt weltweit immer.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf wie vielen Plattformen werden Sie künftig Fahrzeuge bauen?
Behrendt: Etwa 70 bis 75 Prozent unseres weltweiten Volumens wird sich in Zukunft auf globalen Architekturen abspielen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Angeblich sollen es weniger als zehn Plattformen werden…
Behrendt: Wir hatten in der Vergangenheit sehr viele unterschiedliche Architekturen und wir konsolidieren natürlich. Ich denke, langfristig muss man das als Systembaukasten betrachten und nicht unbedingt als Plattform.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann haben Sie die Zahl von zehn Plattformen erreicht?
Herrmann: So schnell wie nur eben möglich.

Kompaktwagen Ford Focus

Die ausgewählten Zulieferer sind für mindestens 80 Prozent der Bauteile eines globalen Fahrzeugs verantwortlich. Das erste Fahrzeug, das auf so einer globalen Architektur steht, ist der neue Kompaktwagen Ford Focus. - Bild: Ford

Das Interview führte Bettina Mayer
Bild: © Ford

Titel AUTOMOBIL PRODUKTION 2/2011 180Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie in der Ausgabe 2/2011.