Boysen-Gruppe auf Wachstumskurs

Boysen-Chef Rolf Geisel kritisiert den gestiegenen Preisdruck seitens der Automobilhersteller. Angebotsabgaben mit deutschen Lohnkosten seien "bereits vorab zum Scheitern verurteilt." Bild: Boysen

| von Christian Klein

Die nackten Zahlen, die das Geschäftsjahr 2018 der in Altensteig (Baden-Württemberg) ansässigen Boysen Gruppe dokumentieren, sind für Geschäftsführer Rolf Geisel durchaus Grund zur Freude. Denn statt der ursprünglich anvisierten 1,82 Milliarden Euro liegt die erneute Umsatzbestmarke des Abgastechnik-Spezialisten bei rund 1,92 Milliarden Euro – unter anderem forciert durch die Einführung des Ottopartikelfilters. Nach 1,725 Milliarden Euro in 2017 steht damit ein Umsatzplus von knapp über 11 Prozent zu Buche. Derweil stieg die Zahl der Beschäftigten von 3.900 auf 4.200.

Geisel: „Umso mehr sind wir mit dem Jahr 2018 zufrieden, da es uns gelungen ist, entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft vorzunehmen.“ Rund 100 Millionen Euro hat die Unternehmensgruppe laut Geisel im vergangenen Jahr in diese Zukunft investiert – vornehmlich in Umstrukturierungen an bestehenden Produktionsstätten sowie in den Bau von zwei neuen Fertigungsstandorten.

An erster Stelle nennt der Geschäftsführer das neue Werk BNS in Simmersfeld (Nordschwarzwald), in dem Boysen bereits seit Mitte 2018 die ersten Abgassysteme für das Lkw-Erfolgsmodell Mercedes-Benz Actros sowie die entsprechenden Nutzfahrzeugderivate produziert: „Unsere bislang größte Fabrik, die wir nach nur einem Jahr Bauzeit in Betrieb genommen haben, dokumentiert unseren Durchbruch im neuen Geschäftsbereich Nutzfahrzeuge. In der Rangliste der schweren Lkw ist der Actros, dessen Neuauflage 2019 auf den Markt kommt, ganz vorne mit dabei. Darüber hinaus umfasst der Großauftrag auch die Abgastechnik für Busse und Baustellenfahrzeuge diverser Marken des Daimler-Konzerns. Weiter reicht das Spektrum über Landwirtschaftsmaschinen bis hin zu Pistenraupen, deren Hersteller bei Daimler die Motoren und folglich auch unsere Produkte einkaufen.“

Erfolgsmeldungen hat der Boysen Chef ebenso im angestammten Geschäftsfeld der Abgastechnik für Pkw parat: „Durch die Serienanläufe der GLE- und GLS-Klasse von Mercedes-Benz werden wir in unserem US-Werk in Tuscaloosa bis kommenden April fünfmal mehr Abgassysteme pro Tag fertigen als das noch Ende 2018 der Fall war. Ebenfalls signifikant steigen wird die Tagesstückzahl in unserem amerikanischen Stammwerk in Gaffney, wo nacheinander die Serienanläufe für die BMW-Modelle X5, X6 und X7 anstehen.“

Weiter benennt er den Produktionsstart 2018 im neu gebauten Mexiko-Werk in San Luis Potosí bis hin zum aktuellen Serienanlauf für den neuen BMW 3er, den Boysen überwiegend in Deutschland stemmen will.

Auf Basis der genannten Produktionsanläufe und der folgenden Hochläufe prognostiziert Geisel für das laufende Geschäftsjahr einen Umsatzsprung auf 2,1 Milliarden Euro. Für 2020 plant er schließlich mit über 2,3 Milliarden Euro. Und schon heute ist sich Geisel sicher, dass die Boysen Gruppe bis 2023 die 2,5-Milliarden-Marke übertreffen wird.

Bis dahin soll laut dem Geschäftsführer auch die Zahl der aktuell weltweit 20 Boysen Standorte um mindestens zwei weitere Produktionswerke anwachsen. Parallel dazu will die Unternehmensgruppe bis 2025 rund 1.000 Neueinstellungen vornehmen.

Allerdings macht der Boysen-Chef deutlich, dass dieses Wachstum nicht mehr in Deutschland stattfinden wird. Für das aktuelle Geschäftsjahr sei ein neues Produktionswerk im Niedriglohnland Serbien geplant, dem in den nächsten Jahren der erste Boysen Standort in Südamerika folgen soll.

„Aus tiefer Verbundenheit zu unserem Heimatstandort haben wir länger als die meisten Industrieunternehmen an der Produktion in Deutschland festgehalten und diese jüngst sogar immer weiter ausgebaut. Von den aktuell 4.200 Arbeitsplätzen bei Boysen entfallen 2.700 auf die deutschen Standorte“, so Geisel, der ergänzt: „Diese Verbundenheit ist für uns unlängst zum Stolperstein geworden.“

So habe der Preisdruck seitens der Automobilhersteller im vergangenen Jahr „wieder derart zugenommen, dass Angebotsabgaben mit deutschen Lohnkosten bereits vorab zum Scheitern verurteilt waren. Und als ob dies eine Gewerkschaft nichts anginge, traf uns 2018 noch der völlig überzogene Tarifabschluss mit 4,3 Prozent Lohnerhöhung. 2019 werden sich die Lohnkosten durch das tarifliche Zusatzgeld um weitere zwei Prozent erhöhen.“

Wenig Lob hat Geisel auch für die Bundesregierung, die Deutsche Umwelthilfe und den Großteil der Medien übrig: „Mit dem Schönreden der Elektromobilität und dem Totsagen des Verbrennungsmotors – oft fernab der Fakten – hat man sich in Deutschland weiterhin erfolgreich gegen die eigene Leitindustrie gestellt. Für 2018 gehen die deutschen Automobilhersteller von 16,5 Millionen produzierten Fahrzeugen aus. Davon wurde ein neuer Rekordanteil von 11 Millionen Fahrzeugen im Ausland hergestellt.“

Rolf Geisel wird noch deutlicher: „Man muss sich diesen Irrsinn einmal vor Augen halten: Wir werden im eigenen Land förmlich dazu gezwungen, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Auf längere Sicht sollen wir noch fleißig daran mitarbeiten, uns irgendwann selbst überflüssig zu machen. Deshalb haben wir 2018 alles dafür getan, um Boysen für die Zukunft breiter aufzustellen.“

Mit dem Schritt hinein ins Nutzfahrzeug-Geschäft habe die Unternehmensgruppe den ersten Meilenstein gesetzt. „Zudem haben wir etliche neue Spezialisten für uns gewonnen, die zum einen die digitale Transformation innerhalb der Boysen Gruppe vorantreiben werden und uns zum anderen völlig neue Handlungsfelder im Bereich der Batterie- und Brennstoffzellenantriebe eröffnen sollen. Dank unserer Entwicklungs- und Fertigungskompetenzen ist hierbei mit Blick auf einen noch weitgehend ungeordneten Markt noch vieles möglich.“ 

Geisel bleibt gewohnt kämpferisch: „Allen Hürden zum Trotz lassen wir die Köpfe nicht hängen, sondern greifen wie immer voll an.“