Jürgen Otto Brose

Jürgen Otto und Brose sind bereit für neue Akquisitionen. – Bild: Michael Aust

AUTOMOBIL PRODUKTION: Im vergangenen Jahr konnten Sie ja einen satten Umsatzsprung verzeichnen…
In der Tat. Wir hatten elf Prozent Wachstum. Allerdings verfallen wir deshalb nicht in Euphorie. Für uns hat profitables Wachstum Vorrang vor rein quantitativem. Außerdem wirken sich Wechselkurseffekte positiv auf die Umsatzentwicklung der Branche aus.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber Sie waren ja auch nicht untätig und haben größere Umstrukturierungen eingeleitet. Wie wirkt sich das aktuell aus?
Wir haben die Motorensparte 2008 in die Unternehmensgruppe integriert und seither bauen wir die verschiedenen Geschäftsbereiche aus. Vor kurzem präsentierten wir zunächst unseren Gesellschaftern die Innovationen im Bereich der Motoren. Der Bereich ist ja durch die Elektrifizierung des Antriebsstrangs sehr spannend. Genauso wie Entwicklungen, die sich vom 48-Volt-Bordnetz ableiten. Da ergeben sich, getrieben durch die CO2-Regulierungen, einige neue Anknüpfungspunkte und auch Chancen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie uns da mehr verraten?
Zum Beispiel bei den Klimakompressoren: Da stecken wir gerade in der Phase der Reifmachung und werden die Produkte bald dem Markt präsentieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das ist ein neues Feld für Brose, richtig?
Das ist für uns ein völlig neues Thema und noch eine Nischenanwendung. Da gibt es nicht so viele Hersteller im Markt. Wir arbeiten gemeinsam mit einem Kunden an der Entwicklung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was entwickeln Sie derzeit noch?
Elektrische Ölpumpen, die ebenfalls für uns ein neues Geschäftsfeld sind. Wir sind schon bei Motoren im Getriebe dabei. Neu ist, dass wir unsere Motoren in Pumpen integrieren, ebenso die Steuerung / Elektronik. Wir wollen das als System anbieten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie laufen denn die traditionellen Geschäftsbereiche?
Wir wachsen derzeit in allen Bereichen. Gerade auch im Bereich der elektrischen Lenkung – in dem wir stark engagiert sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welchen Feldern tut sich darüber hinaus noch etwas?
Das Feld Bremse wird neu bestellt. Stichwort: elektrische Bremse. Hier gibt es neue Ansätze und Vorentwicklungs-Studien. Außerdem sind wir im Bereich Kühlerlüfter mit bürstenlosen Motoren gut unterwegs. In China und Nordamerika befinden wir uns gerade im Roll-out. Europa läuft bereits. Und dann sind wir Marktführer bei Klimagebläsen, die wir auch mit bürstenloser Technologie anbieten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und Sie erwarten sich dann davon mehr als die elf Prozent Wachstum?
Absolut.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie das genauer ausführen?
Wir erwarten dort Wachstumsraten im Bereich um die 15 Prozent. Beim Geschäftsbereich Sitzverstellungen und Sitzsysteme rechnen wir dieses Jahr mit einem Wachstum von 25 Prozent. Der Bereich Türsysteme wird sich ein bisschen unter 17 Prozent bewegen, aber immer noch der umsatzstärkste Bereich bleiben. Regional wird diese Entwicklung vor allem von Nordamerika und China getrieben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Nach Abschluss der Integration der zugekauften Continental-Sparte könnten Sie jetzt wieder Größeres in Angriff nehmen, oder?
Wir schauen regelmäßig, was uns a) technologisch oder b) vom Marktzugang her einen Vorteil verschaffen würde. Da haben wir Augen und Ohren offen und sind jetzt auch bereit und gerüstet, um eine weitere Akquisition vorzunehmen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo wäre es für Sie geografisch attraktiv?
In Europa ist die Marktposition von Brose schon sehr stark. Asien ist deutlich attraktiver, da wir hier über einen Zugang zum Markt sprechen. Dort haben wir uns einschließlich der Joint Ventures neu aufgestellt. Von dieser Maßnahme erwarten wir uns einige Impulse. In Nordamerika sind wir inzwischen seit über 20 Jahren tätig und in vielen Produktfeldern Marktführer oder nahe daran.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gab es auch schon Brose gegenüber Kauf-Avancen?
Brose ist ein attraktives Unternehmen mit attraktiver Marktposition. Ich bin mir sicher, dass wir begehrt sind. Aber von der Eigentümerseite her gibt es ein klares Bekenntnis zum Unternehmen, auch in der vierten Generation.

Zur Person
Jürgen Otto (51) leitet am 1. Januar 2016 die Geschäftsführung der Brose-Gruppe ganze zehn Jahre. Der Diplom-Kaufmann studierte Betriebswirtschaft an der Uni Würzburg. Er begann 1990 als Logistikplaner seine berufliche Laufbahn bei Brose. Als Werkleiter war Jürgen Otto von 1994 bis 1996 für die Planung und Realisierung der JIS-Fabrik in Meerane/Sachsen verantwortlich; von 1999 bis 2001 Geschäftsführer des Produktionswerks Coburg. Er war mitverantwortlich für die Reorganisation des Brose Hauptsitzes sowie für die Einführung des Organisationsmodells „Brose Arbeitswelt“ in Entwicklung und Verwaltung. Von 2002 bis 2005 verantwortete Jürgen Otto das Sitzverstellgeschäft.Unter seiner Führung erwarb Brose 2008 das Elektromotorengeschäft von Continental/Siemens VDO. Jürgen Otto ist seit Jahren Motorradfahrer mit Leib und Seele.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie sehen die Eigentümer das Thema Investition?
Brose investiert überdurchschnittlich viel in die Weiterentwicklung seiner Innovationskraft. Wir wollen aus eigener Kraft wachsen und dieses Wachstum aus eigenen Mitteln finanzieren. Das ist ein seit Jahrzehnten währendes Erfolgsmodell für unser Familienunternehmen. Durch die geringen Entnahmen der Gesellschafter über viele Jahre hat dieses Prinzip auch zu einer spezifischen Unternehmenskultur geführt und Brose geprägt. Neben unserer Kultur ist diese Kapitalkraft ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Unsere fünf Eigentümer schütten weniger aus und reinvestieren lieber ins Unternehmen. Und: Es gibt klare Vorgaben – auch für die Eigenkapitalausstattung. Dadurch verfügen wir über eine Stärke und eine Verlässlichkeit, die nicht nur in Zeiten der Krise für unsere Kunden wichtig waren, sondern grundsätzlich immer ein wichtiger Aspekt im Brose Selbstverständnis sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist das Motiv der Umstrukturierung, mit der im Juli der neue Geschäftsbereich Technik eingeführt wurde, weiter zu wachsen?
Wir haben heute eine Matrix-Struktur mit Divisionen und Zentralbereichen. Wir sagen: Brose ist, wie seine Kunden, zentral aufgestellt und beide Seiten profitieren weltweit von einer gleichen Technologie, gleichem Qualitätsanspruch und teilweise gleichen Anlagen. Wir können diesen Plattform-Gedanken nur dann stringent verfolgen, wenn wir starke technische Fokussierung und Standardisierung leben. Das ist letztendlich das, was wir uns durch diese Bündelung der Kräfte auch in der Technik versprechen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dann wurde die Eigenverantwortung der Regionen gestutzt?
Man kann eine Gruppe nicht aus der Sicht einer Region steuern. Die Gruppenführung gibt Kunden- und Technikstrategie vor. Insofern muss die Region manchmal ein Stück weit zurückstecken, wenn es um globale Interessen geht. Unsere Kunden sind ja auch in erster Linie global und nicht regional aufgestellt. Aus diesem Grund wollen wir eine starke Bündelung der Kräfte, eine starke Zentralisierung und Standardisierung. Aber natürlich auch die regionale Performance. Und in den Regionen wächst die Anzahl der Planer, Entwickler, Vertriebler, Controller, Einkäufer und Personaler – und damit auch die autarke Abarbeitung der Projekte. Wir versuchen also beides: auf der einen Seite regionale Performance – in einer neuen Dimension. Und gleichzeitig die Bündelung der Kräfte durch Zentralisierung und Standardisierung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie an der Zielsetzung in Bezug auf die Regionen etwas verändert?
Nein. Unser Anspruch ist global der gleiche. Wir wollen bei Technologien, Innovationen und Qualität vorne sein – in Europa, NAFTA und Asien. Und wir wollen natürlich über effiziente Prozesse und hohe Produktivität für unsere Kunden das in Summe attraktivste Paket bilden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sparen Sie auch durch die Reduzierung von neun auf sieben Geschäftsführungsmitglieder und die Zusammenlegung von Technik und Produktionsverantwortung Geld ein?
Wir hatten eine für unsere Verhältnisse große Geschäftsführung. Wir wollen an dieser Stelle fokussierter werden, kompakter. Ich denke, nun haben wir eine gute Mischung und Größe erreicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der Trend läuft ja gerade dahin, die Logistik wieder zurück ins eigene Unternehmen zu holen. Dahinter stehen ja sicher wirtschaftliche Überlegungen.
Logistik und Organisation von Wertschöpfungsketten gehören zu unseren Kernkompetenzen. Wir haben beispielsweise ein innovatives Logistikkonzept in unserem größten Werk in Tschechien umgesetzt, mit hohem Automatisierungsgrad. Das Ziel war, einen Behälter im besten Fall nur einmal anfassen zu müssen. Und eben nicht fünf Mal über externe Dienstleister, Zwischenspediteure usw. Wir wollen in die Digitalisierung investieren und die gesamte Kette noch effizienter organisieren. Dabei folgen wir einem ganzheitlichen Ansatz: Die Logistik beginnt bei den Vorlieferanten und hört an der Montagelinie des Kunden auf.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie für die nächsten zehn Jahre ein Ziel vor Augen?
Wir wollen Marktführer bleiben. Wir wollen Technologie-, Qualitäts- und Innovationsführer sein. Und wir wollen als Gruppe sehr effizient arbeiten, damit wir auch den höchsten Ertrag im Wettbewerb erwirtschaften.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber in einem Programm von vor zehn Jahren klang das konkreter.
Wir waren schon damals sehr mutig und hatten konkrete Wachstumserwartungen, die aber in der Realität noch deutlich höher ausgefallen sind. Wir sind in manchen Produktbereichen zwischen 20 und 30 Prozent pro Jahr gewachsen. Das hat uns an der einen und anderen Stelle auch vor Herausforderungen gestellt. Deshalb haben wir mit unseren Gesellschaftern ein kontrolliertes und eigenfinanziertes Wachstum festgelegt. Zuverlässigkeit gegenüber den Kunden und finanzielle Unabhängigkeit haben für uns eine größere Bedeutung als Wachstum.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verursacht wurde das unerwartete Wachstum u.a. durch den Auftrag aus der Einkaufsgemeinschaft BMW/Daimler?
Das ist ein Beispiel gewesen. Ein Grund war aber auch, dass die Plattformen und Bündelungen insgesamt größer wurden. Ein anderer, dass wir in NAFTA Nachholbedarf hatten, weil wir dort mit den Sitzverstellungen erst 2004 im Markt eingetreten sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Thema chinesischer Markt brennt ja derzeit allen unter den Nägeln. Sie haben gerade angekündigt, dass Sie in China weitere Werke bauen und dass Sie in Vorleistungen gehen. Warum glauben Sie, hier noch zu punkten?
Die Chinesen orientieren sich natürlich auch an dem, was westliche oder andere globale Hersteller vorgeben. Sie versuchen zu standardisieren und Plattformen zu schaffen. Da sind Partner wie Brose sehr willkommen – die über Fahrzeuge und Marken hinweg solche Kompetenzen bewiesen haben. Das schätzen Kunden wie Geely/Volvo oder Great Wall, genauso wie es VW, BMW, Daimler, Ford oder FCA tun.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie charakterisieren Sie das Miteinander mit einem chinesischen OEM wie Geely?
Man hört uns zu und vertraut auf das, was wir technisch vorschlagen. Weil manche chinesischen OEMs die eigenen Entwicklungsabteilungen, die eigenen Bereiche in dem Tempo gar nicht aufbauen konnten. Das führt dazu, dass man uns oft viel Verantwortung überträgt. Diese Kunden sagen sich: Brose ist Marktführer und versteht die Produkte am allerbesten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werten Sie die Form der Zusammenarbeit mit Geely als ungewöhnlich?
Eine strategische Kooperation wie mit Geely wird auch mit vielen anderen Partnern so gelebt. Das ist ähnlich wie bei dem FAST-Programm von Volkswagen. Das sind Programme, die darauf ausgerichtet sind: Wer kann was am besten und wo kann ich mich als Kunde auf eine intensivere Partnerschaft einlassen? Ziel ist dann, die volle Kompetenz aus der frühen, offenen und damit intensiven Zusammenarbeit zu ziehen. Das wäre bei einer losen, projektbezogenen Kooperation nicht möglich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie ist der Stand in der Zusammenarbeit mit Dongfeng?
Die Anteile mit Dongfeng haben wir neu geordnet. Nämlich so, dass wir das Werk in Shanghai komplett übernehmen und uns in Wuhan eine neue Einheit teilen, die dann spezifisch für die Dongfeng-Gruppe das gesamte Produktprogramm abdeckt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In Korea arbeiten Sie mit dem Zulieferer Mando. Hat das Engagement dazu geführt, dass Sie weitere Aufträge von koreanischen Kunden bekommen?
Inzwischen ja. Man kann Mando nicht ohne Hyundai nennen. Wir haben uns gemeinsam so entwickelt, dass wir auch in Korea ein anerkannter Partner sind. Letztendlich war es ein erfolgreicher Einstieg, auch mit Hyundai zu arbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und Sie haben den Auftrag als Joint Venture mit Mando bekommen?
Genau. Das ist so üblich bei Hyundai.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was wäre aus Ihrer Sicht noch so ein weißer Fleck im Hinblick auf Standorte wie den koreanischen Markt oder in Bezug auf Kunden?
Der koreanische Markt ist sehr schwierig, übrigens wie auch der japanische – aufgrund der historisch gewachsenen finanziellen und familiären Verflechtung zwischen Herstellern und Zulieferern.
Was sich jetzt neu auftut – und das muss man sich natürlich im Detail anschauen – sind die neuen Player auf dem Markt. Also die Teslas, Googles und Apples. Wir werden genau prüfen, ob sich daraus ein Geschäftsfeld für uns ergibt. Diese Firmen haben völlig neue Ansätze, Konzepte und Ideen. Aber mit dem Anspruch, Marktführer zu sein, muss man sich mit allen weltweiten Trends befassen. Und das tun wir.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind neue Mobilitätsträger wie E-Bikes eine lukrative Geschichte?
Lukrativ ist es im Moment noch nicht, da wir uns mit der Brose Antriebstechnik in Berlin erst im Hochlauf befinden. Es ist für uns aber ein interessanter Schritt in eine neue Branche. Wir sind ja bislang zu 100 Prozent auf Automotive konzentriert. Neue Herausforderungen zu bestehen, ist für uns als Organisation sehr wichtig. Die Dynamik eines „Start-ups“ zu erleben und gleichzeitig die vorhandenen Strukturen unserer Organisation zu nutzen, wird für unsere Automotive-Themen in Zukunft immer wichtiger werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Oder machen Sie einen Elektro-Scooter?
Das ist denkbar, aber noch nicht entschieden. Wir sind in Gesprächen mit Partnern, die großes Interesse an einem Antrieb von Brose haben. Weil auch sie sehen, wie wir das Thema bei den Fahrrädern umgesetzt haben. Wer ein Fahrrad mit unserer Antriebstechnik gefahren ist, der ist begeistert. Den „schmuseweichen Brose Antrieb“ hat das ein Tester genannt. Darauf sind wir stolz. Wo das dann endet, muss man sehen. Wir schauen uns auf jeden Fall den Markt aufmerksam an.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Denken Sie auch in Richtung der noch größeren Zweiräder, sprich Motorräder?
Brose denkt immer an Qualität statt Quantität. Daher ein Schritt nach dem andern.

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Das Interview führte Bettina Mayer