Valmet Cabriofertigung Porsche

Vor nicht einmal vier Jahren hatte das finnische Unternehmen Teile der Dachsparte des insolventen Cabrioherstellers Karmann übernommen. Jetzt aber wird Valmet die Produktion in Niedersachsen schließen und ins polnische Zary verlagern. - Bild: Valmet

Mit ernstem Gesicht steht Valmet-Manager Robert Blumberg am Mittwoch vor seiner wütenden Belegschaft in Osnabrück. “Eines möchte ich deutlich betonen: Es geht hier nicht um Gewinnmaximierung”, sagt der leitende Manager fürs operative Geschäft. Es gehe ums Überleben der Firma. Die Reaktion der Mitarbeiter ist lautes Lachen. Sie haben Angst um ihre Jobs, sind verbittert wegen der gebrochenen Zusage zur Standortsicherung.

Nach der Karmann-Insolvenz geht es einem Teil der früheren Beschäftigten heute relativ gut. Volkswagen übernahm große Teile seines alten Zulieferers in Osnabrück. Dort laufen inzwischen wieder Autos des VW-Konzerns vom Band, das Werk spielt bei dem Autobauer die Rolle des Produktionsstandorts für Klein- und Kleinstserien. Die heutigen VW-Beschäftigten schauen in eine recht sichere Zukunft: Auch das Golf-Cabrio wird inzwischen wieder in Osnabrück gebaut.

Das Karmann-Dachgeschäft für die USA und Mexiko verkaufte Insolvenzverwalter Ottmar Hermann an den Autozulieferer Webasto. Der Versuch, die Standorte in Osnabrück und Zary an den Rivalen Magna abzugeben, scheiterte am Einspruch des Bundeskartellamts. Als Hermann Ende 2010 den finnischen Konzern Valmet als Investor präsentierte, war die Erleichterung auf dem Werksgelände mit Händen greifbar.

Doch heute stehen schon wieder Hunderte Jobs vor dem Aus. Künftig will Valmet nur noch in Zary produzieren lassen. Dort werden bereits Verdecke für den Mini, den 6er BMW und das Audi-A3-Cabrio gefertigt. Die Verdecke für Bentley, den Porsche 911, die E-Klasse von Mercedes und den Renault Mégane werden noch in Osnabrück gebaut.

Allenfalls über die Frage, ob die Produktion in Osnabrück über einen mehrjährigen Zeitraum auslaufen kann, will das Management verhandeln, teilte es am Mittwochabend mit. In Osnabrück solle lediglich eine Entwicklungsabteilung mit maximal 100 Mitarbeitern bleiben.

Valmet reagiert mit den umstrittenen Plänen auf den weltweit schwieriger gewordenen Cabrio-Markt. In den Stammmärkten Westeuropa und Nordamerika sei die Nachfrage nach den offenen Schönwetterautos in den vergangenen Jahren um die Hälfte zurückgegangen, berichtet Martin Benecke vom Markt- und Informationsdienstleister IHS.

“Das Geld sitzt nicht mehr so locker für ein Spaßauto”, sagt Benecke. Kunden in den Wachstumsregionen China und Brasilien interessierten sich kaum für offene Wagen. “Auch wir haben uns die Entwicklung anders vorgestellt”, sagt Blumberg. “So wie bisher geht es nicht weiter”, ruft der finnische Manager den deutschen Beschäftigten zu.

Die Probleme von Valmet lassen sich aber nicht allein auf den Markt schieben. Das Unternehmen habe es nicht geschafft, seit der Übernahme genügend Neuaufträge zu bekommen, kritisiert Andreas Radics vom auf die Autoindustrie spezialisierten Beratungsunternehmen Berylls Strategy Advisors: “Die Konkurrenz hat früher reagiert, sich auf das neue Marktumfeld ausgerichtet und ist auf zukunftsträchtige Themen aufgesprungen, da ist Valmet einfach spät dran.”

Kaufmännisch gesehen machten die Valmet-Manager gar keinen schlechten Job. Mit den Produkten werde in den nächsten Jahren noch ordentliches Geld verdient. “Die Frage ist, was kommt danach?”, sagt Radics. Wenn es Valmet nicht kurzfristig gelinge, ein Top-Fahrzeugprojekt zu gewinnen, gerate der Zulieferer richtig unter Druck.

Bei der Belegschaft habe die Ankündigung, 300 Jobs in Osnabrück zu streichen, für einen Schock gesorgt, sagt Betriebsratschef Lazar Kustudic. Dass Valmet auf den schwachen Cabrio-Markt reagieren müsse, sehe zwar auch er ein. Die Belegschaft wirft den Finnen aber vor, nicht genug für die Entwicklung neuer Produkte getan zu haben. “Von uns sind viele Möglichkeiten angesprochen worden”, betont Kustudic. “Man hatte aber das Gefühl, dass der finnische Konzern nicht den Aufbau neuer Geschäfte will, sondern eher Verwaltung betrieben hat.”

Verbittert sind die Ex-Karmänner vor allem auch, weil sie bei der Übernahme durch Valmet die Kröte einer untertariflichen Bezahlung bis Ende 2014 schlucken mussten und weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld bekamen. Damals sei diesem “Ergänzungs- und Zukunftstarifvertrag” zugestimmt worden in der Hoffnung, dass die Finnen alles daran setzen würden, den Standort Osnabrück zu halten und auszubauen.

Die Belegschaft werde es nun jedoch schwer haben, neue Arbeit zu finden. Diese soziale Komponente blende nach seinem Eindruck das Management in Finnland komplett aus, klagt Kustudic: “Das ist auch eine soziale Verantwortung, die man mit der Dachsparte übernommen hat. Und irgendwie hat man das Gefühl, die werden dem nicht gerecht.”

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dpa/Marina Reindl