Wolfgang Bernhard breit

Exklusivinterview mit Dr. Wolfgang Bernhard, Vorstand Produktion & Einkauf, Mercedes-Benz Cars & Vans. - Bild: Daimler

Er muss Qualität und Kosten unter einen Hut bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Bernhard, Sie haben am 18. Februar 2010 Ihren Posten angetreten. Bitte ziehen Sie ein kurzes Resümee und erzählen uns, was Sie bereits an neuen Ideen im Konzern umsetzen konnten.

Dr. Wolfgang Bernhard: Unser Prinzip heißt „ran ans Auto“! Wir fokussieren uns voll auf unsere Produkte – in den Fabriken genauso wie im Einkauf oder der Planung – und konzentrieren uns auf das, was unmittelbar auf den Stern einzahlt.

Optimierung der Qualität, gute und reifegradorientierte Anläufe und Priorisierung unserer neuen Technologien stehen dabei im Vordergrund. Zudem haken wir uns noch stärker über die Fachbereiche hinweg unter. Dabei arbeiten bereichsübergreifende Teams mit unseren Entwicklungs- und Vertriebskollegen direkt zusammen, um Reifegrade und Qualität unserer Fahrzeuge und somit das Kunden-erlebnis noch weiter zu steigern und gleichzeitig die Komplexität zu verringern.

Wolfgang Bernhard

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir haben gemeinsam mit unseren Zulieferern von Null auf Hundert beschleunigt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Absatzzahlen bei MBC sind höher denn je. Justieren Sie Kapazitäten in den einzelnen Werken und Märkten nach? Falls ja, welche und wo?

Dr. Wolfgang Bernhard: Das stimmt, das Geschäft brummt über alle Baureihen hinweg. Wir kommen in der Produktion den starken Absatzzahlen gerade so hinterher. 2010 haben wir trotz des schwachen 1. Quartals mit einem rasanten Schlussspurt einen Produktionsrekord eingefahren. Auch 2011 sind die Produktionszahlen hervorragend. Wir bauen das gesamte Produktionsnetzwerk systematisch weiter aus und erhöhen damit weltweit unsere Kapazitäten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Laut Ihrem Geschäftsbericht birgt die globale Vernetzung der Produktionsstandorte noch beachtliche Potenziale zur Effizienzsteigerung. Was planen Sie, um diese zu heben?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir richten unsere Produktionsordnung kontinuierlich auf die zukünftigen Chancen und Herausforderungen der globalen Märkte aus. Um nah am Kunden zu bleiben und auch unabhängiger von Währungs- und Wechselkursschwankungen zu sein, müssen wir verstärkt marktnah fertigen. Heute produzieren wir gut 75 Prozent unserer Fahrzeuge in Westeuropa, setzen dort aber nur rund 50 Prozent ab. Diese Schere von Produktionsvolumen und Absatz würde sich im Laufe der nächsten Jahre – aufgrund von stärkeren Wachstumspotenzialen außerhalb dieser Region – kontinuierlich weiter öffnen. Diese gilt es zu schließen. Zudem fokussieren wir uns zunehmend auf die globale Logistik.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ab 2013 streben Sie für das Kerngeschäft eine durchschnittliche Umsatzrendite von neun Prozent an. Bei MBC sollen es gar 10 Prozent werden? Welche Projekte oder Maßnahmen sichern die Zielerreichung ab?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir müssen unsere Kostenpositionen fortlaufend überprüfen und dort, wo es möglich ist, auch weiter verbessern. Eine wichtige Stellschraube zur nachhaltigen Kostensenkung ist zum Beispiel das Thema ReUse, also die Weiterverwendung von Anlagen.

Früher haben wir die Anlagen nach dem Auslauf eines Fahrzeugs abgeschrieben und abgebaut. Heute planen wir unsere Fabriken so flexibel, dass wir den größten Teil der Anlagen weiterverwenden können. Das reduziert unseren Investitionsbedarf erheblich. Hier haben wir bereits beachtliche Potenziale gehoben.

Ein entscheidender Stellhebel ist auch unsere Modulstrategie, mit der wir nicht nur unseren Aufwand erheblich verringert haben, sondern gleichzeitig Qualität und Kundennutzen unserer Autos weiter steigern konnten. Denn eines ist und bleibt für uns das Allerwichtigste: Ein Mercedes muss in der Summe aller Eigenschaften das beste Fahrzeug in seiner Klasse sein – ohne wenn und aber.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielen Ihre Zulieferer dabei?

Dr. Wolfgang Bernhard: Eine ganz Wesentliche: Wir stehen mit unseren Zulieferern laufend im engen Austausch und betreiben mit ihnen gemeinsame, systematische Qualitäts- und Effizienzarbeit entlang unserer Modulstrategie. Wir setzen uns dafür mit den Partnern der kompletten Supply Chain zusammen, um das Gesamtoptimum aus erlebbarer Qualität, Kosten und Gewicht der Bauteile zu erzielen.

Schließlich gilt es, das Beste für unsere Kunden zu erreichen: Die Bauteile weiter aufzuwerten und mögliche Einsparungen überwiegend über Prozessverbesserungen und Stückzahleffekte zu holen. Ein gutes Verhältnis zu unseren Zulieferern ist außerdem die grundlegende Voraussetzung, um mit der größtmöglichen Flexibilität, auf alles was da kommt, reagieren zu können.

Wir setzen daher auf ein Verhältnis zu unseren Partnern, das auf gegenseitiges Vertrauen baut. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir sind im letzten Jahr vor allem deshalb so schnell aus der Krise gefahren, weil unsere Zulieferer unseren Prognosen vertraut und gemeinsam mit uns in kürzester Zeit von Null auf Hundert beschleunigt haben.

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Dr. Wolfgang Bernhard: Wir bauen das gesamte Produktionsnetzwerk systematisch weiter aus und erhöhen damit weltweit unsere Kapazitäten. - Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie schon festgelegt, welche strategischen Partner Sie ab 2014 weltweit bei der Fertigung der C-Klasse unterstützen dürfen? Wann fällt diese Entscheidung?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir sind bereits mitten im Sourcing-Prozess. Hier läuft alles nach Plan.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele chinesische Zulieferer haben Sie derzeit?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir arbeiten mit internationalen Lieferanten, die meist global aufgestellt sind. Das brechen wir nicht auf Nationalitäten herunter.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bitte gewähren Sie uns ein Update bezüglich der Einkaufskooperation mit BMW. Konnte diese vertieft werden?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir arbeiten bereits seit 2008 im Einkauf mit den Kollegen von BMW zusammen, um durch Volumenbündelung Skaleneffekte bei den Zulieferern zu erhalten und so das Einkaufsergebnis beider Häuser zu optimieren. Die Zusammenarbeit läuft hervorragend. Wir erzielen dadurch Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das neue Werk in Kecskemét bildet mit dem deutschen Werk in Rastatt einen Produktionsverbund und produziert ab 2012 zwei von insgesamt vier neuen Modellen der A- und B-Klasse. Wie weit ist das Werk?

Dr. Wolfgang Bernhard: Wir liegen voll im Plan. Derzeit laufen in Rastatt die Produktionstests für die neue B-Klasse. Und auch in unserem ungarischen Werk in Kecskemét stehen alle Ampeln auf Grün: Die Fabrik ist nahezu fertig, die Gebäude ausgestattet – jetzt starten wir die Anlagentests. Auch personalseitig kommen wir in Kecskemét gut voran: Wir haben alle zentralen Positionen mit geeigneten Fachkräften besetzt, die Qualifizierung läuft weiter auf Hochtouren. Wir haben in beiden Werken eine tolle Mannschaft an Bord, gut ausgebildete und hoch motivierte Kollegen, die jetzt dem Produktionsstart entgegenfiebern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In China errichten Sie das erste Motorenwerk von Mercedes-Benz außerhalb Deutschlands. Wann laufen dort die ersten Motoren vom Band?

Dr. Wolfgang Bernhard: Angesichts der stark wachsenden Nachfrage nach unseren Fahrzeugen in China haben wir entschieden, dort auch eine Motorenfabrik zu errichten. Bereits heute stellen wir in einem Joint Venture mit BAIC verschiedene Fahrzeuge vor Ort her und montieren ein kleineres Volumen an Motoren. Die neue Fabrik wird zukünftig die mechanische Fertigung der Hauptteile und die Montage der Benzinmotoren übernehmen. Ab Ende 2013 produzieren wir in dieser Fabrik die ersten Motoren für unsere dortigen Fahrzeuge.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Volumina haben Sie für das Motorenwerk geplant?

Dr. Wolfgang Bernhard: Das Motorenwerk wird eine installierte Kapazität von gut 200.000 Einheiten pro Jahr haben. 2013 werden wir dort rund 100"000 Motoren fertigen, der weitere Kapazitätsanstieg geht dann mit dem weiteren Absatzwachstum einher. Das Produktionsvolumen ist dabei ausschließlich für den chinesischen Markt vorgesehen.

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Dr. Wolfgang Bernhard: Angesichts der stark wachsenden Nachfrage nach unseren Fahrzeugen in China haben wir entschieden, dort auch eine Motorenfabrik zu errichten. - Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: In China haben Sie ein 50:50-JV mit BYD gegründet, um E-Fahrzeuge zu entwickeln. Wie weit ist das Projekt gediehen?

Dr. Wolfgang Bernhard: Das Projekt entwickelt sich wie geplant. Die deutschen und chinesischen Ingenieure, Designer und weitere Experten arbeiten in unserem Research & Technology Center in Shenzhen Hand in Hand. Unsere gemeinsamen Entwicklungs- und Planungsteams haben in der Vorbereitungsphase des Joint-Ventures bereits am Fahrzeug-Konzept gefeilt.

Nachdem wir nun die Lizenz für das Fahrzeug erhalten haben, werden wir es schnellstmöglich auf den Markt bringen. Bereits 2013 wollen wir das erste Auto ausliefern. Über die Produktion sprechen wir derzeit mit unserem Joint-Venture-Partner.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was planen Sie, um in Indien am Wachstum teilzuhaben?

Dr. Wolfgang Bernhard: Aktuell sehen wir in Indien vor allem ein dynamisches Wachstum des Pkw-Volumenmarktes sowie des Lkw-Geschäfts. Unter der neu geschaffenen Marke BharatBenz werden wir vor Ort leichte, mittelschwere und schwere Lkw für den indischen ,Modern Domestic‘-Volumenmarkt herstellen.

Die Markteinführung der Lkw ist für das Jahr 2012 geplant. Für Mercedes-Benz-Pkw ist Indien seit Jahren ein wichtiger Markt, auf dem wir Zuwächse verzeichnen. Wir produzieren dort bereits seit 1995 als erster Premium-Hersteller die E-Klasse für den lokalen Markt. Und wir werden die dortigen Marktentwicklungen im Premiumsegment selbstverständlich weiterhin genau beobachten, um rechtzeitig stärker aktiv werden zu können und die Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich uns in Indien eröffnen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Investitionen müssen Sie in puncto CO2-Reduktion tätigen? Zum Beispiel für den Umbau der Produktion auf die Hybrid-Fertigung, die Schulung von Mitarbeitern dafür, etc.?

Dr. Wolfgang Bernhard: Unsere Antriebsstrategie zielt auf drei zentrale Entwicklungsschwerpunkte: erstens die Optimierung der Fahrzeuge mit Hightech-Verbrennungsmotoren, zweitens die weitere Effizienzsteigerung durch Hybridisierung und drittens das emissionsfreie Fahren mit Batterie oder Brennstoffzelle.

Diese Themen gehen wir auch in der Produktion konsequent an. So produzieren wir beispielsweise in Kanada bald eigene Brennstoffzellenstacks und bauen unsere Batteriekompetenz mit der Deutschen Accumotive GmbH in Kamenz weiter aus. Außerdem entwickeln und fertigen wir Traktionselektromotoren gemeinsam mit Bosch. Damit sichern wir uns den direkten Zugang auf diese entscheidenden Schlüsseltechnologien und bereiten den Übergang zur nachhaltigen Mobilität vor.

Um das Fahrzeuggewicht in Zukunft deutlich zu reduzieren, bauen wir massiv unsere Aluminiumkompetenz aus und kooperieren beim Einsatz von Carbonfasern mit dem japanischen Spezialisten Toray. Auch auf diesem Feld sind wir bei Mercedes Pioniere. So haben wir mit dem Mercedes-Benz SLR-McLaren bereits ein Vollcarbonfahrzeug in Serie auf die Straße gebracht. Von den dabei gewonnenen Erfahrungen profitieren wir enorm.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Derzeit produzieren Sie in Tuscaloosa die Modelle der R, GL- und M-Klasse. Planen Sie weitere Produktionsstätten in den USA?

Dr. Wolfgang Bernhard: Unser Werk in Tuscaloosa ist unser bewährtes Kompetenzzentrum für SUVs. Seit mittlerweile knapp 18 Jahren produzieren wir dort mit unserer Spitzenmannschaft erstklassige Fahrzeuge in Top-Qualität. Im Moment bereiten wir dort den Anlauf der neuen M-Klasse vor, ab 2014 wird auch die nächste Generation der C-Klasse für den US-Markt vom Band laufen. Dafür haben wir rund 290 Millionen Dollar investiert und sind damit dort hervorragend aufgestellt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welche Modelle könnte ein neues USA-Werk in Frage kommen?

Dr. Wolfgang Bernhard: Der gesamte NAFTA-Raum bleibt grundsätzlich für uns interessant, deshalb untersuchen wir diesen auch sehr genau. Ob wir dort zusätzliche Kapazitäten aufbauen, werden wir sehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für die meisten Hersteller sind derzeit die Boommärkte in Asien im Fokus. In der zweiten Reihe folgen die wiedererstarkten USA und Europa. Welche Potenziale sehen Sie in Südamerika vor allem auch in Ländern außerhalb Brasiliens? Welche nennenswerte Bedeutung kommt diesen zu?

Dr. Wolfgang Bernhard: Mit unseren Vans sind wir in der Region absatzstärkster Premiumhersteller. Und das nicht erst seit gestern: Unser erstes Werk außerhalb Deutschlands steht seit den 50ern in Argentinien. Und die Perspektiven für Latein- und Südamerika sind auch weiterhin vielversprechend. Dazu ein paar Zahlen: In unserem Werk in Buenos Aires haben wir im Jahr 2010 etwa 12"000 Einheiten produziert. Wir sehen in diesem Markt ein sehr starkes Wachstum und wollen in zwei Jahren dort um 50 Prozent zulegen. Dafür sind wir gut aufgestellt: Mit dem Jahreswechsel werden wir dort auch die europäische Sprintergeneration produzieren.

Wolfgang Bernhard

Unsere Antriebsstrategie zielt auf drei zentrale Entwicklungsschwerpunkte: erstens die Optimierung der Fahrzeuge mit Hightech-Verbrennungsmotoren, zweitens die weitere Effizienzsteigerung durch Hybridisierung und drittens das emissionsfreie Fahren mit Batterie oder Brennstoffzelle. - Bild: Daimler

Das Interview führte Bettina Mayer