Günter Apfalter, Magna.

“Bis zum autonomen Fahren ist es noch ein weiter, weiter Weg”, sagt Günther Apfalter, President Magna International Europe. Bild: Magna.

Derzeit beherrschen die deutschen Zulieferer ZF und Conti mit Übernahmen die Schlagzeilen. Immer mit der Ruhe, sagt Magna-Europa-Chef Günther Apfalter, der sich durch die Aktivitäten der Konkurrenz nicht unter Druck setzen lassen will ? eben so wenig wie er sich vom Hype ums autonome Fahren anstecken lässt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Apfalter, in einem Interview haben Sie bemerkt, dass die Österreicher zu wenig hungrig auf wirtschaftlichen Erfolg seien. Wie ist es denn um Ihren Hunger bestellt?
Den rein biologischen Hunger bei mir muss ich immer bremsen, damit die Gewichtsbalance nicht aus den Fugen gerät…

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und der geschäftliche Hunger von Magna? Die Schlagzeilen gehören ZF durch die TRW-Übernahme, Conti war aktiv und Bosch hat ZF Lenksysteme übernommen. Bei Magna ist es relativ ruhig, obwohl Ihre Kriegskasse ordentlich gefüllt ist…
Schauen Sie auf unsere Geschichte. Magna ist organisch gewachsen und durch größere und kleinere Übernahmen. Das werden wir auch in der Zukunft so machen. Unsere Philosophie ist die einer dezentralen Organisation. Auf die absoluten Zahlen geblickt, sind wir ein Supertanker der Zuliefererbranche, wir sehen uns aber als Flotte von Schnellbooten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auch eine Schnellbootflotte kann man vergrößern…
Das tun wir auch. Aber wir machen keine Akquisition um der Akquisition Willen. Wenn wir zukaufen, muss das für uns und unsere Kunden passen. Wir lassen uns nicht unter Druck setzen, nur weil andere Unternehmen zukaufen.

Zur Person
Am beruflichen Anfang 1985 verkaufte Günther Apfalter Traktoren, seit 2010 ist der Oberösterreicher Europachef von Magna International und damit einer der einflussreichsten Männer des austro-kanadischen Zulieferer. Selbst aus einer Unternehmerfamilie kommend stieg der heute 54-Jährige nach dem Studium der Agrarökonomik 1985 bei der damaligen Steyr-Daimler-Puch AG ein, verkaufte ein Jahr Traktoren, und baute die Abteilung Sonderfahrzeuge auf. Nach verschiedenen Führungspositionen wurde er 1996 Vorstandsvorsitzender der Case Steyr Landmaschinentechnik, rückte 2001 in den Vorstand von Magna Steyr auf, 2010 übernahm er die Führung von Magna Interational Europe. An Apfalter scheiden sich in Österreich die Geister, seit er seinen Landsleuten mangelnden Hunger auf wirtschaftlichen Erfolg vorgeworfen hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also kein Druck zum großen Deal?
Nein. Wir schauen ständig, was zu uns passt. Wenn es passt, dann handeln wir. Mit dieser Strategie sind wir groß geworden. Schauen Sie auf unsere Zahlen: 1992 hatte die Magna noch 1,6 Milliarden Dollar Umsatz, im vergangenen Jahr waren es 36 Milliarden. Das haben wir mit einer Strategie geschafft, die sich schon immer an dem orientiert hat, was die Kunden wollen ? ob bei den Produkten, Zukäufen oder dem Aufbau von Produk-
tionsstandorten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein anderes großes Thema, bei dem von Magna relativ wenig zu hören ist, ist der Bereich autonomes/automatisiertes Fahren. Woran liegt’s?
Na ja, wahrscheinlich daran, dass wir uns auf die Bedürfnisse der Kunden und nicht so sehr auf die öffentliche Wahrnehmung fokussieren. Im Ernst: Wir sind sehr intensiv in dem Thema und arbeiten hochprozentig in den Bereichen Kamera- und Sensorsystemen und das gleichermaßen in der Entwicklung wie der Lieferung von Komponenten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hört sich so an, als würden Sie noch etwas zurückhaltend auf das autonome Fahren blicken…
Um es auf den Punkt zu bringen: 2008/2009 hat es einen Hype um die Elektromobilität gegeben. Man hätte meinen können, man ist vom Markt, wenn man nicht sofort ein E-Auto hat. Jetzt gibt es diese Euphorie um das autonome Fahren. Das wird kommen. Aber es wird nicht morgen kommen. Was wir erleben, ist eine Evolution, keine Revolution. Das Thema wird sich über Spurassistenten, automatische Distanzkontolle, Teilbereiche wie autonomes Parken, Sensorik, Kameratechnik und so weiter logisch weiterentwickeln. Bis wir letztlich zum autonomen Fahren kommen, ist es noch ein weiter, weiter Weg. Die Kameraperformance beispielsweise reicht noch lange nicht, um dem System die Entscheidung zu überlassen, ob ich an einer Kreuzung oder auch nur aus dem Parkstreifen an einer viel befahrenen Straße herausfahre oder nicht. Das ist sehr komplex in der Abstimmung mit dem Verkehr und noch schwieriger, wenn beispielsweise ein Kind auf die Straße läuft.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wobei Sie aus anderer Perspektive ja durchaus auf Komplettsysteme setzen. Beim Mila Plus, den Sie in Genf stehen hatten, stammt ja alles von Magna: Entwicklung, Design, Fertigung, Antrieb. Wie wichtig ist ein solches Showcar?
Das ist ein Technologieträger. Wir werden bei solchen Gelegenheiten immer gefragt, ob wir ein solches Auto auf den Markt bringen. Nein, das tun wir natürlich nicht. Aber wir zeigen komprimiert in einem Fahrzeug unser gesamtes Leistungsspektrum. Und das ist wichtig. Wir können den Kunden mit einem attraktiven Produkt zeigen: Vom Design bis zu Detailkomponenten und Entwicklungsdienstleistungen können wir alles liefern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hilfreich ist das sicherlich für Ihr Hauptgeschäft als Kontraktfertiger. Wie läuft es denn im Magna Stammwerk in Graz?
Wir haben von BMW einen Anschlussauftrag für die auslaufende MINI-Produktion bekommen, und das in ähnlichem Umfang. Um welches Modell es sich handelt, wird BMW zu gegebener Zeit bekannt geben. Wir haben mit Mercedes die Verlängerung der G-Klasse-Produktion bis 2022 vereinbart. Ich bin positiv gestimmt, dass wir eine Range zwischen 120 000 und 150 000 Fahrzeuge pro Jahr erreichen. Insofern sehen wir am Standort Graz die Kontinuität in der Produktion gewährleistet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie schaut es mit einer weiteren Produktionsstätte aus? Im Frühjahr 2014 schien es nur noch eine Frage von Wochen, dass Sie den Aufbau eines weiteren Werks bekannt geben. Heißer Favorit war Russland.
Sie wissen ja, was seither politisch passiert ist in Russland. Das Projekt dort ist “on hold”.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie gehen auch an keinen anderen Standort?
Das halten wir uns offen. Grundsätzlich gilt: Wenn wir einen Kunden haben oder zwei oder drei, die außerhalb Graz einen Standort haben wollen, dann machen wir das. Unabhängig, ob das in Osteuropa, China oder NAFTA ist. Potenziale gibt es, es ist aber nicht so, dass ich Sie heute zum Spatenstich in einem Jahr einladen kann.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Derzeit müsste es für Kontraktfertiger gut laufen. Chinesische Hersteller drücken ins globale Geschäft, kleinere Hersteller auch, für die sich ein eigenes Werk aber nicht rechnet. Wie ist die Lage?
Ohne Zweifel gibt es Potenzial. Schauen Sie nur einmal auf die stetig wachsende Zahl an Derivaten. Die anziehende Nachfrage bemerken wir durchaus. Es gibt zwar auch einige neue Konkurrenten. Aber mit unserer Kompetenz in der Entwicklung und dem Fahrzeugbau sind wir einzigartig. Das können nur wir.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hat die Einzigartigkeit auch das Interesse bei Apple geweckt, das vielleicht kommende E-Auto bei Magna zu bauen?
Zu diesen Gerüchten hören Sie nichts von mir.

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Das Interview führte Frank Volk