| von Frank Volk
Aktualisiert am: 06. Aug. 2018
Schaeffler-Technik-Chef Peter Gutzmer, AP-Redakteur Volk
"Angesichts des Diesel-skandals sind wir gut beraten, Elektrifizierung beschleunigt auf den Markt zu bringen", erklärt Peter Gutzmer gegenüber AP-Redakteur Volk. Bild: Max Etzold/Schaeffler

Welche Themen stehen ganz oben auf der Zukunftsagenda von Schaeffler?
Ganz klar das Thema Umwelt in allen Facetten; Ressourcenschonung, Emissionssenkung, beziehungsweise -vermeidung, die CO2-neutrale Mobilität. Ein weiteres großes Thema sind Überlegungen in Zusammenhang mit der Urbanisierung. Wie wirkt sich der Globalisierungstrend aus, wie verändert sich die Mobilität in und zwischen den Städten und Regionen. Was ist die Mobilität der Zukunft. Und daraus abgeleitet: Wie verändert sich das Umfeld des Produkts und wie daraus resultierend das Produkt selbst? Wie ändern sich die Beziehungen der Menschen untereinander und zu den „smarten Dingen“, die Netzwerke bilden. Und wie interagieren diese in Zukunft – womit wir beim ganz großen Thema Digitalisierung oder dem „Internet der Dinge“ sind.

Und wenn Sie das große Thema Umwelt herunterbrechen auf die Ebene der praktischen Entwicklung bei Schaeffler...
Natürlich zunächst einmal mit den verschiedenen Lösungen zu den Antriebskonzepten, übrigens auch zum verbrennungsmotorischen Antrieb. Intensiv beschäftigen wir uns aber auch beispielsweise mit Batterien. Dabei ist es aber überhaupt nicht unser primäres Ziel, Batterien in unser Portfolio aufzunehmen. Unsere Vorentwickler wollen Erkenntnisse gewinnen, wie der weitere Weg aussieht. Der Erfolg der Elektromobilität steht und fällt mit dem Batteriesystem, der Ladeinfrastruktur und wie die elektrische Energie erzeugt wird. Dort gab es in den vergangenen Jahren recht positive Entwicklungen, das reicht aber nicht aus, um E-Mobilität wirklich in der Breite und Tiefe zum Durchbruch zu verhelfen. Gemeinsam mit der Forschung schauen wir, wo und wie es in der nächsten und übernächsten Generation weitergeht, vor allem um zu verstehen, wie schnell wir unser bestehendes und ergänztes Produktportfolio weiter oder auch schneller anpassen müssen.

Das hört sich nach einem kontinuierlichen, kontrollierten Prozess an. Hat der von VW ausgelöste Dieselskandal den Handlungsdruck erhöht?
Das war und ist eine unglückliche Geschichte für die gesamte Industrie, die das Verhältnis und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit über eine Veränderungsnotwendigkeit natürlich nochmal deutlich gestärkt hat. Der Abgasskandal hat eine Pointierung in die Diskussion gebracht, die es sonst in dieser Form nicht gäbe – sowohl auf der gesellschaftlichen Seite als auch auf der politischen. Bedauerlich ist, dass vor dem Hintergrund der bekannt gewordenen Manipulationen die Glaubwürdigkeit der Autoindustrie im Hinblick auf neue technische Lösungen Schaden genommen hat. So werden beispielsweise selbst richtige und notwendige Technologien zur Effizienzsteigerung von Verbrennungsmotoren in der Öffentlichkeit leider kritisch, beziehungsweise sogar ablehnend wahrgenommen. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil wir den Verbrennungsmotor weiter benötigen.

Die Konsequenz daraus?
Ich glaube, dass wir gut beraten sind, das Thema Elektrifizierung – und ich sage bewusst „Elektrifizierung“ – beschleunigt auf den Markt zu bringen. Das heißt: Wir sprechen nicht von dem einen elektrischen Antrieb. Wir sprechen von Hybriden, Plug-in-Hybriden und zusätzlich dann von rein elektrischen Fahrzeugen. Im hybridischen Bereich sind wir neben Hochvolt-Plug-in-Produkten total überzeugt von 48-Volt-Technologien. Die haben eine große Zukunft in Verbindung mit dem Verbrennungsmotor.

Würden Sie aus Ihrer Erfahrung der Einschätzung von Elring-Klinger-Chef Wolf folgen, dass, wer heute nicht positioniert ist, im Bereich der Elektromobilität vom Markt verschwinden wird?
Die große Einstiegswelle, die zu größerer Verbreitung und höheren Volumen führt, findet jetzt statt. Insofern ist die Ansicht von Dr. Wolf nachvollziehbar. Wir sind jetzt seit mehr als 15 Jahren über Vorentwicklung und Entwicklung, organisatorischen Veränderungen, Kompetenzaufbau, Investitionen nun mit der Industrialisierung und der Produktion befasst. Wir haben neue Kompetenzen und Technologien mit unseren angestammten Kompetenzen und Technologien abgeglichen und kombiniert. Wir haben unsere Organisation angepasst und eine Abteilung mit 1.200 Mitarbeitern aufgebaut. Unsere Vorinvestitionen in die Elektrifizierung betragen über eine halbe Milliarde Euro. Das war Voraussetzung, um überhaupt attraktive, leistungsfähige Produkte zu entwickeln und sie in die Serienproduktion zu bringen. Und das hört ja nicht auf: Bis 2020 werden weitere 500 Millionen Euro in die Serien-Entwicklung von rein elektrischen Antrieben investiert werden und dazu 1.200 neue Mitarbeiter an Bord kommen. Also: Wer jetzt anfängt sich tiefergehend mit Elektromobilität zu befassen, für den könnte es eng werden.