Wolf-Henning Scheider, ZF

"Unser Fokus liegt darauf, dass wir das Nutzfahrzeug elektrifizieren und ihm das automatisierte Fahren beibringen", so ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Bild: ZF

"Wir sind in der Lage, auch sehr große Übernahmen zu tätigen", sagte Wolf-Henning Scheider zu Dow Jones Newswires. Vorrangig könnte es sich dabei um Übernahmen in den Bereichen Elektromobilität und automatisierte Fahrfunktionen handeln. Auf diesen beiden Geschäftsfeldern will Scheider nämlich "richtig Gas geben".

ZF kommt nach seinen Worten dank starkem Cashflow bei der Entschuldung nach der TRW-Übernahme so schnell voran, dass auch größere Deals aus der bestehenden Struktur des Stiftungskonzerns heraus gut zu finanzieren wären. Im Frühjahr 2015 hatten die Friedrichshafener TRW Automotive für knapp 10 Milliarden Euro übernommen und sich damit Kernkompetenzen im Zukunftsbereich automatisiertes Fahren erworben.

Automatisierte Fahrfunktionen werden ihren Weg zum Markt zunächst über die Industrietechnik und die Nutzfahrzeugtechnik finden, glaubt Scheider. Hier ließen sich konkrete geschäftliche Szenarien am besten umsetzen. "Unser Fokus liegt darauf, dass wir das Nutzfahrzeug elektrifizieren und ihm das automatisierte Fahren beibringen", sagte Scheider und kündigte ein Produktprogramm an, das vom vollautomatisierten Stadtbus bis zum Lieferwagen reicht und damit so breit ist wie sonst keines in der Branche: "Im Pkw-Bereich sehen wir das noch nicht in diesem Maße", fügte er hinzu.

Die Ausgangsbasis von ZF im Nutzfahrzeuggeschäft beurteilt der Konzernchef, der inzwischen gut 100 Tage im Amt ist, als "sehr gut". Die Vervollständigung der Angebotspalette, wie in der Vergangenheit mit dem Kauf eines Bremsenherstellers geplant, steht für Scheider dabei nicht an vorderer Stelle. "Mit Blick auf die Bremse ist vielleicht gar kein Zukauf notwendig", sagte er. ZF wolle zwar das gesamte System beherrschen. Das sei zunehmend aber auch mit Hilfe von Partnerschaften und Kooperationen möglich, erklärte der Manager.

Börsengang kein Thema

Der Stiftungskonzern vom Bodensee hat in den vergangenen Jahren seine Systemkompetenz durch diverse Zukäufe ausgebaut. Seine Produktpalette umfasst Getriebe, Chassis, Antriebsstränge und Sicherheitssysteme. Bei Bremsen für Nutzfahrzeuge klafft technologisch aber noch eine Lücke. Scheiders Vorgänger Stefan Sommer wollte sie vergangenes Jahr mit einem Milliardenzukauf schließen, scheiterte allerdings auch am Widerstand der ZF-Eigentümer. Der Konzern gehört zu 94 Prozent der Zeppelin-Stiftung der Stadt Friedrichshafen.

Trotz des stetigen Ausbaus der Systemkompetenz sieht sich ZF nicht in einer Konkurrenzsituation mit den traditionellen Autoherstellern (OEM). Im Gegenteil: "Es gibt mehr und mehr OEM, die eine hohe Systemkompetenz von ihren Zulieferern erwarten", erklärte Scheider. Ein eigenes Auto werde es von ZF aber nicht geben.

Auch einen Gang an die Börse, über den in der Vergangenheit spekuliert worden ist, lehnt Scheider ab. "Ich sehe in einem Börsengang überhaupt keine Notwendigkeit", stellte er klar. "Wir haben eine Gesellschafterstruktur, die ich als überlegen ansehe, da sie uns ein sehr nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht." Es gebe auch keine Veranlassung über einen Teilbörsengang eines Geschäftsbereichs nachzudenken, sagte Scheider.

Operativ im Plan

Operativ läuft es bei ZF derzeit rund. "Wir sind auf Kurs für das Gesamtjahr und liegen aktuell genau in dem prognostizierten Korridor", so Scheider. Sorgen bereiten dem Unternehmenschef allerdings die politischen Spannungen und drohende Strafzölle. "Das könnte die finanziellen Ziele beeinträchtigen."

ZF Friedrichshafen plant für dieses Jahr ein organisches Umsatzwachstum von rund 5 Prozent. Bei der bereinigten EBIT-Marge werden rund 6 Prozent angepeilt. Vergangenes Jahr hatte der Konzern mit seinen knapp 150.000 Mitarbeitern ein bereinigtes EBIT von 2,34 Milliarden bei Umsätzen von 36,44 Milliarden Euro erzielt. Die bereinigte Marge lag entsprechend bei 6,4 Prozent.

Einen klaren Standpunkt äußerte der ZF-Chef zum zunehmend wichtiger werdenden Thema rund um Batterien. "In die Batterieentwicklung oder Batteriefertigung steigen wir sicher nicht ein", sagte er.

Wettbewerber Continental aus Hannover hatte vor kurzem den Ausbau des Batteriegeschäfts angekündigt und die Bereitschaft signalisiert, mittelfristig sogar in die Fertigung von Festkörperzellen einzusteigen.