Hirschvogel läutet Ausweichmanöver ein

Agieren statt reagieren ist die Devise der Hirschvogel-Geschäftsführer Dr. Thomas Brücher, Frank Anisits und Dr. Alfons Hätscher (von links). Bild: Hirschvogel

Noch zeichnet die wirtschaftliche Lage bei Hirschvogel keine Sorgenfalten in die Gesichter des verantwortlichen Management-Trios Thomas Brücher, Frank Anisits und Alfons Hätscher. Denn das Niveau, an dem die Veränderungen in den vorgelegten Zahlen für das Geschäftsjahr ansetzen, ist hoch.

So kletterte der Gruppenumsatz im Geschäftsjahr 2018 in erster Linie durch den Geschäftsverlauf in wichtigen Auslandsmärkten wie China und Indien um 100 Millionen Euro auf einen neuen Spitzenwert von nun 1,25 Milliarden Euro. Allerdings hat sich die damit verbundene Zuwachsrate auf 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert nahezu halbiert. Die Dieselkrise lässt grüßen.

Speziell im Bereich Dieselkomponenten verzeichnet Hirschvogel auch erste Kapazitätsspielräume: Wochenschichten wurden laut Finanzchef Alfons Hätscher teilweise von 21 auf 15 reduziert, mehr Leiharbeiter entlassen. „Die Inlandsentwicklung bereitet Kopfzerbrechen“, räumt auch sein Geschäftsführerkollege Thomas Brücher (Vertrieb, Einkauf, Entwicklung) ein.

Die im internationalen Wettbewerb traditionell als nachteilig für den Produktionsstandort Deutschland bewerteten Faktoren Lohn- und Energiekosten bekommen für die OEMs offenbar derzeit wieder eine schärfere Note. Auch werde der chinesische Markt erstmals schwierig, so Brücher. Hirschvogel fahre „auf Sicht.“

Weil zu dieser Strategie die Konzentration auf wertschöpfende Investitionsbereiche gehört, wird nun der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes mit der Erstellung des Kellergeschosses zunächst auf Eis gelegt. Das für 2019 verabschiedete, erneut mehr als 100 Millionen Euro starke Investitionsbudget, wird vordringlich dafür eingesetzt, die technologischen Kompetenzen von Hirschvogel zu stärken und weiter zu entwickeln.

Für Produktions-Geschäftsführer Frank Anisits steht unverändert fest: „Wir brauchen hocheffiziente Anlagen.“ So hat das Unternehmen im vergangenen Jahr nicht nur eine neue Halbwarm-Fließpresse in der ebenfalls neu errichteten Halle 16 in Betrieb genommen, sondern es lotet auch aktiv die Potenziale Künstlicher Intelligenz, virtueller Systeme sowie smarter Robotik und fahrerloser Transportsysteme aus.

Wie Anisits berichtet, hat etwa die „virtuelle Inbetriebnahme“ des Peripheriebereichs einer Presse die Zeit bis zum Serienbetrieb um Monate verkürzt. Auch trage der Geschäftsbereich Hirschvogel Tech Solutions mit der angegliederten Ceravis Incubation GmbH erste Früchte wie zum Beispiel die Entwicklung digitaler Arbeitsanweisungen oder von Systemen Künstlicher Intelligenz für Bauteilprüfungen.

Anisits` Ziel ist gewissermaßen identisch mit dem Titel eines Projekts, in dem Hirschvogel aktuell unterwegs ist: „Effizienzschub in der Massivumformung durch Entwicklung und Integration digitaler Technologien im Engineering der gesamten Wertschöpfungskette (EMuDig 4.0).“ 

Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Diversifikation des Produktportfolios und damit zur Verringerung der Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor hat sich die Hirschvogel Automotive Group nicht nur bereits erster spezifischer Bauteile für E-Fahrzeuge wie Rotorwellen erfolgreich angenommen, sondern jetzt auch ein Joint Venture zusammen mit der Gerg Group gegründet. Über Ceravis Incubation sind die Hirschvogel-Gesellschafter und die Gerg Group mit Sitz in Hohenthann im Landkreis Ebersberg an dieser neuen Ideenschmiede beteiligt. 

Gerg entwickelt und baut Prototypen für Auftraggeber aus der Automobil-, der Luft- und Raumfahrt sowie der Freizeitbranche. Für Hirschvogel wird die Hirschvogel Gerg Innovationszentrum GmbH & Co. KG Produktideen generieren und bis zur Serienreife entwickeln, sodass sie von Hirschvogel industriell gefertigt werden können. Gerg wiederum partizipiert über Prototypen-Bauaufträge als auch von der Engineering-Kompetenz der Hirschvogel Gerg Innovationszentrum GmbH & Co. KG.

Allen Unwägbarkeiten und Risiken zum Trotz ist es immer noch das vitale Stammgeschäft, welches Hirschvogel für das Geschäftsjahr 2019 beim Gruppenumsatz Hochrechnungen zufolge einen Schub auf dann etwa 1,37 Milliarden Euro verleihen soll. Finanzchef Hätscher stützt diese Prognose hauptsächlich auf die Entwicklung im vitalen Stammgeschäft mit den Märkten in Polen, Mexiko und Asien.