Siegfried Wolf, Russian Machines

“Auftragsfertigung für namhafte OEMs macht uns fit für die Zukunft“, sagt Siegfried Wolf, Aufsichtsratsvorsitzender Russian Machines. Bild: GAZ

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Wolf, welche Strategie verfolgt Russian Machines im Hinblick auf Automotive Components?
Die GAZ Group ist der größte Hersteller in Russland für Lkw, Busse, Pkws, sowie Motoren und Komponenten. Wir betreiben 13 Werke in Russland. Unser neuestes Fahrzeug ist ein leichtes Nutzfahrzeug namens Gazelle Next, das wir erstmals auch in Europa verkaufen können. Diese neue Fahrzeuggeneration ist bezüglich der Qualität eine völlig neue Generation: Wir geben den Kunden 150 000 Kilometer Garantie auf russischem Territorium. Mit dem Produkt wachsen wir sogar gegen den Markt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo bauen Sie das Fahrzeug?
Die GAZelle NEXT Fahrzeuge werden im Automobilwerk GAZ in der Stadt Nischni Nowgorod rund 450 Kilometer östlich von Moskau hergestellt. Was den Export betrifft, machen wir die SKD-Montage in der Türkei bei Mersa Otomotiv in Sakaraya, etwa 150 Kilometer von Istanbul entfernt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Zulieferer haben Sie eingebunden?
Die Hauptkomponenten liefern wir von Russland in die Türkei. Andere Dinge wie die Kardanwellen, Felgen, Batterien, Komponenten der Bremsanlage, das Auspuffsystem, die Gurte oder Teile aus dem Bereich Aluminiumgießerei und Stahlguss beziehen wir aus lokalen Partnerschaften. Wir haben es vor, den Local Content auch weiter zu steigern, indem wir die Auspuffsysteme sowie andere Komponenten aus türkischer Herstellung verwenden. Ich habe eine ganz klare Strategie: Die Gazelle muss absolut wettbewerbsfähig sein. Das ist uns gelungen. Durch in Russland gefertigte Komponenten mit westlichem Knowhow haben wir unheimliche Qualitätssteigerungen erzielt. In diesem Jahr beginnen wir ebenfalls mit der Vermarktung unserer GAZelle Fahrzeuge in den Ländern des südöstlichen Europa und zwar in Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina und Mazedonien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Thema Qualität nutzen Sie als Verkaufsargument?
Natürlich sagen wir den Kunden, wie verlässlich und wie wenig reparaturanfällig unser Fahrzeug ist. Ich bin sehr stolz auf die russische Mannschaft und auf den CEO der Gruppe, Manfred Eibeck, den ich ja von Magna dorthin geholt habe. Er war zuerst verantwortlich für die Technik und ist jetzt CEO für den gesamten Bereich Russian Machines.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was planen Sie weiterhin?
Wir haben eigentlich ein ganzes Feuerwerk an neuen Produkten auf die Beine gestellt und die gesamte Modellpalette entweder neu gemacht oder auf Stand gebracht. Auf westlichen Standard. Und dann sind wir stolz, für Volkswagen, Skoda, GM und für Mercedes als Auftragsfertiger arbeiten zu dürfen. Das bringt uns weitere Erfahrungen zum Thema Qualität und zum Thema Produktionserfahrung ein. So gesehen sind wir da verdammt gut unterwegs.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Erfahrungen sammeln Sie genau?
Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Produktionslinie, da läuft die Gazelle und gleich daneben der Mercedes-Benz Sprinter vom Band. Das ist eine absolute Kreuzbefruchtung von Qualitätsstandards. Sie wissen, es gibt heute keine Ausnahme, in welchem Land der Welt ein Auto auch produziert wird ? die Fahrzeuge haben immer international den gleichen Standard. Und da haben wir unheimlich viel gelernt. Die einzige Messlatte, die unterschiedlich ist, sind die Fertigungskosten. Und GAZ ist eines der kosteneffizientesten Unternehmen in der russischen Branche in puncto Kostenmanagement.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verraten Sie mir, für wen Sie was fertigen?
Wir machen für Volkswagen den Jetta, für Skoda den Yeti und den Octavia und für GM den Aveo, sowie für Mercedes-Benz den Sprinter.

Gazelle_Nisni_Novgorod

GAZ holte internationale Best Practices nach Russland, um die neue Gazelle Next (im Bild) exportfähig zu machen. Bild: GAZ

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist Ihr größter Erfolg im neuen Job?
Vielleicht, das wir es geschafft haben, internationale Best Practices nach Russland zu holen und trotzdem russisch zu bleiben. Das war unterschätzt. Wir haben die Technologie im Land und sind gut in der Lokalisierung aufgestellt. Das geht aber nur mit internationalen Partnern. Außerdem ist es GAZ gelungen, ein effizientes System zum Kundenservice und Händlerbetreuung aufzubauen. Das zweite Jahr in Folge hält sich GAZ auf Platz 1 in puncto Händlerzufriedenheit einer repräsentativen Händlerbefragung zufolge, die regelmäßig von der Ratingagentur E&Y unter allen Händlern aller hierzulande präsenten internationalen Automobilmarken durchgeführt wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielt Magna bezüglich Russian Machines heute?
Oleg Deripaska hat damals von Chrysler den Sebring gekauft und die ganze Produktionsanlage mit allem Drum und Dran. Dann gab es Schwierigkeiten das Fertigungsthema zu installieren. Magna hat geholfen, die Produktion anzufahren. Dann kam die Krise. Dieses große, amerikanische Fahrzeug wurde nicht der große Verkaufsschlager und so haben wir die gesamte Fertigung zurückgedreht. Die Investitionen, die wir im Rahmen dieses Projektes in die Technologien und Schulung des Personals gesteckt hatten, haben es uns jedoch ermöglicht, erfolgreich die Auftragsfertigung für eine Reihe internationaler Partner zu übernehmen. Wir haben gesehen, dass man in der internationalen Automobilwelt mit einem Lokalprodukt kaum Erfolg haben kann.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist Ihre langfristige Strategie, noch mehr in Richtung Pkw zu gehen?
Nein, unsere langfristige Strategie ist, das gesamte Produktsegment. Vielleicht bringen wir noch einen Lieferwagen in einem niedrigeren Segment. Aber wir wollen vom leichten bis zum Schwerbereich alles abdecken. Und die Auftragsfertigung macht uns fit für die Zukunft. Oleg Deripaska hat als einer der ersten in Russland das Toyota Produktionssystem eingeführt. Und jetzt haben wir es geschafft, dank der Zusammenarbeit mit Volkswagen und GM unsere technologischen Standards auf ein durchgehend internationales Niveau zu heben. Eine Zahl: Nur fünf Prozent aller Arbeitsplätze waren einst hochqualifizierte Arbeitsplätze. Heute sind es fast 90 Prozent in der Produktion. Es ist uns zudem gelungen, mit unseren Business Practises den Lohn unserer Mitarbeiter fast um 50 Prozent in den letzten vier Jahren zu erhöhen, natürlich auch mit einer Gewinnbeteiligung. Und es ist uns auch gelungen, die Produktivität mehr als zu verdoppeln.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welchem Zeitraum erfolgte der Sprung von 5 auf 90 Prozent?
Das war in den letzten vier Jahren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ihr Augenmerk liegt nun darauf, weitere Aufträge heranzuschaffen?
Russland ist Mitglied der WTO. Wir haben eigentlich keinen Exportmarkt. Es ist uns im Nutzfahrzeugebereich gelungen, zu exportieren. Und wir verkaufen die Gazelle in Nordafrika und in den klassischen ehemaligen kommunistischen Beziehungsländern, wie Kuba. Wir gehen mit unseren Produkten, die ja bis Euro 6 tauglich sind, ganz massiv in den Nahen Osten rein. Das sind große Märkte. Und unser Produkt ist nicht so Elektronik-getrieben, so dass man die Fahrzeuge noch gut reparieren kann. Das ist sicherlich ein wichtiges Argument, wie eben auch niedrige Betriebskosten sowie die 150.000 Kilometer Garantie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Export-Quote streben Sie an?
Wir wollen in den nächsten drei bis fünf Jahren mindestens 30 Prozent unserer Produktion exportieren. Ein Geburtshelfer ist natürlich jetzt der niedrige Rubel.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wohl und Wehe gleichzeitig?
Es hat niemand gedacht, dass Russland überhaupt einmal Produkte im Automotive-Bereich hat, womit man in Exportmärkte gehen kann.

Das Interview führte Bettina Mayer

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