Bentley setzt in der nächsten Zeit alles auf den neuen Bentayga, der dem Segment der Luxus-SUV eine neue Krone aufsetzt. Der Continental GT muss es noch mindestens zwei Jahre machen. Doch in seinem vierten Frühling beeindruckt er mehr denn je.

Regen in und um Crewe. Nichts besonderes am Produktionsstandort im nordenglischen Niemandsland. Sechs Liter Hubraum, 635 PS und gigantische 820 Nm maximales Drehmoment – beruhigend, dass das Topmodell der Continental-Reihe seine zumindest auf dem Papier unbändig erscheinenden Leistungsdaten per Allradantrieb auf den heute nassen Asphalt bannt.

Übergewicht und After Eight

Das neue Modelljahr bekam keinen nennenswerten Leistungsschlag, sondern nur ein paar optische Details an Front und Heck, die niemand ernsthaft wahrnimmt. Der Leistungszuwachs hielt erst im vergangenen Sommer Einzug, um auf dem Papier Edelkonkurrenten wie den Rolls-Royce Wraith oder das Mercedes S 65 AMG Coupé hinter sich zu lassen, die 632 beziehungsweise 630 PS bieten. Manchmal sind es eben wie beim Genuss von After Eight die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. Seit einem Jahrzehnt hat sich das Coupé-Dickschiff aus Crewe immer wieder leicht verbessert und ist bei den Kunden beliebter denn je; es ist mitgeschwommen mit technischen Innovationen und ist trotz seines Alters für die meisten nach wie vor das Maß der Dinge im Segment der Luxus Coupés. Das liegt neben dem ebenso kraftvollen wie zeitlosen Design insbesondere am Antrieb, denn der Continental hat sein imposantes Übergewicht von fast 2,4 Tonnen schon immer gekonnt durch seine spektakulären Motoren auszugleichen versucht. Der Klang des Zwölfzylinders im GT Speed ist bullig, tief und hintergründig. Ein rollender Riese, den man vielleicht nicht wecken sollte; letztlich aber der Verlockung unterliegt, es doch zu tun. Im Sportmodus bollert der Koloss ungestüm, aber nicht unerzogen los und lässt die Konkurrenz wo auch immer verschwinden. Das komfortable Fahrwerk wird per Touchscreen gesteuert härter und der GT Speed wird zu einem Rennwagen – wenn auch einem übergewichtigem mit Platz für vier und keinerlei Komforteinbußen.

Beim Topmodell Bentley Continental GT Speed ist der Name Programm. Sich optisch kaum nennenswert von seinen schwächeren, aber alles andere als schwachen Brüdern unterscheidend, ist er nach wie vor das Maß der sportlichen Dinge. 0 auf Tempo 100 schafft er auf trockener Fahrbahn Dank des doppelt aufgeladenen Zwölfzylinder-Triebwerks mit sechs Litern Brennraum und mit Allradunterstützung in 4,2 Sekunden. Seine Höchstgeschwindigkeit: auf der britischen Insel nicht nur im Straßenverkehr unfahrbare 331 km/h. Dass mit einem Normverbrauch von leicht verbesserten 14,1 Litern SuperPlus fast eine eigene Schadstoffklasse für das britische Luxuscoupé gefunden werden muss, interessiert weder die Kunden noch die Anwohner von Crewe. Hier ist man stolz, zum VW-Konzern-Kompetenzcenter in Sache Zwölfzylinder geworden zu sein. Die Kompetenz in Sachen Reisekomfort, potentem Vortrieb und edlen Innenräume hat man seit dem Jahrtausendwechsel sowieso inne.

Die Leistungsentfaltung ist auch nach Jahren und der jüngsten Leistungsspritze spektakulärer denn je. Wenn der tonnenschwere Koloss seine 21-Zöller mit der grobkörnigen Fahrbahnoberfläche verzahnt, dann gibt es kein Halten mehr – selbst bei nasser Fahrbahn. Wer ein paar Tage durch Großbritanniens Landschaften kreuzen will, dürfte neben einem Range Rover oder Rolls-Royce Wraight kaum ein perfekteres Fahrzeug finden, das seine Kunden unverändert mit allen nur erdenklichen Luxus verwöhnt. Weiches Leder wohin man auch schaut, Dämmglas, Aluminium- oder Holzelemente – der Kunden hat Dank Mulliner-Gene die Qual der Wahl, wie er sein Luxuscoupé ausstaffiert sehen möchte. Ärgerlich sind weder der lediglich 358 Liter große Laderaum, noch die zum Einschlafen langsame elektrische Heckklappe, sondern neben der allzu hohen Sitzposition allenfalls das unzeitgemäße Navigationssystem aus dem VW-Konzernregal von vorgestern und der nur 90 Liter große Tank. Wer schnell unterwegs ist, sieht die britischen Tankwarte öfter als die eigene Ehefrau. Schließlich müssen die 216.104 Euro als Einstiegspreis in der eigenen Firma auch erst einmal verdient werden. Und der Continental GT Speed ist schließlich nicht das einzige Auto im Haushalt. “Unsere Kunden haben im Durchschnitt sieben bis acht Autos”, weiß Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer.

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