| von Stefan Grundhoff

Die Fahrspuren des großen Bruders sind mächtig - übermächtig? Vielleicht. Denn der mit einem Kompressor aufgeladene V8 mit seinen gigantischen 760 PS und 847 Nm Drehmoment verschlägt einem auf dem Fahrersitz des GT 500 ebenso den Atem wie den Zuschauern. Dabei darf es bei so viel Mustang-Sportlichkeit ruhig etwas weniger sein, ohne dass der Auftritt leiden muss. Der Shelby GT 350 ist für ein Sportcoupé dieser Größe phantastisch motorisiert. Vielen Fans ist die unbändige Kompressor-Power und das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe neben dem alles andere als zurückhaltenden GT-500-Outfit ohnehin zu speziell. Und wem die normalen Mustangs nicht heftig genug reiten, der verliert sein Herz im Vorbeifliegen an den zweitstärksten Mustang auf der Koppel. Vom GT 350 gibt es die normale Version, die in den USA bei gewohnt fairen 60.440 Dollar startet oder den GT 350R, der mit einem Preis von mindestens 73.435 Dollar sogar noch über dem 760 PS starken Shelby GT 500 liegt. Die R-Version des Shelby GT 350 wiegt nicht zuletzt dank Kohlefaserfelgen und fehlender Rückbank rund 50 Kilogramm weniger und ist neben weiteren Dreingaben mit einem Sportfahrwerk ausgestattet, das besonders auf Rennstrecken überzeugen soll - muss aber nicht sein.

Denn selbst dem normalen GT 350 sieht man seine Sportlichkeit allemal an - und man hört sie, wenn der Mustang sein Fanfarenkonzert mit steigenden Drehzahlen intoniert. Das wird noch unterstrichen von vier üppig dimensionierten Endrohren, Michelin-Hochgeschwindigkeitsreifen, opulentem Spoilerwerk und einer entsprechenden Kriegsbemalung mit weißen Doppelstreifen über das Fahrzeug. Unter der Motorhaube sieht es mit einem mächtigen Sportluftfilter, V8-Triebwerk und Performance-Domstrebe nicht anders aus. Der 5,2 Liter große Achtzylinder-Sauger leistet alles andere als zurückhaltende 392 kW / 532 PS und ein mächtiges Drehmoment von 581 Nm bei 4.750 U/min lassen nicht nur Fans von US-Cars jauchzen. Ein 3.73er-Torsen-Differenzial sorgt zusammen mit der knochigen Sechsgang-Handschaltung sowie elektronischen Dämpfern dafür, dass die Motorleistung standesgemäß auf die Straße kommt. Aus dem Stand beschleunigt der Amerikaner in 3,6 Sekunden auf Tempo 100. Höchstgeschwindigkeit: über 250 km/h.

Und wer meint, dass der 4,80 Meter lange Mustang vieles könnte, aber sein Fahrwerk im vergangenen Jahrhundert zurückgeblieben sei, irrt gewaltig. Der GT 350 ist stramm, nein sogar sehr stramm gefedert; aber nicht so hart, dass er im normalen Straßenverkehr nichts zu suchen hätten. Selbst auf den oftmals zerborstenen Fahrbahnen von Downtown Los Angeles wird man nicht hart aus dem sehr gut konturierten Sportsitz geprügelt. Die Lenkung passt, ist präzise und nicht zu schwer. Wer dynamisch unterwegs ist, lenkt auf seichten Landstraßen ohnehin mit dem leicht schwänzelnden Heck, das sich problemlos einfangen lässt, wenn das Stabilitätsprogramm ausgeschaltet sein sollte. An der Hinterachse verbeißen sich unter dem brüllenden Klang des hoch drehenden V8 Räder im Format 305/35 R 19, während vorne 295er Pneus nach Grip auf dem Asphalt suchen - und finden. Die Verzögerung: Dank Brembo-Hochleistungsbremse überzeugend. Anders als viele andere Coupés seiner Klasse ist der meistverkaufte Sportwagen der vergangenen Jahre nur mit Hinterradantrieb zu bekommen. Trotzdem ist der Ford Mustang Shelby GT 350 mit einem Leergewicht von 1.750 Kilogramm kein Leichtgewicht und das spürt man im Fahrbetrieb allgegenwärtig. Ganz nebenbei spürt man das ebenso wie das V8-Saugorgan auch beim Verbrauch. Die in Aussicht gestellten knapp 15 Liter Normalkraftstoff auf 100 Kilometern sind angesichts des Tatendrangs nicht einfach zu erreichen.

Faire Preise

Für Spaß auf der Rennstrecke oder um bei Freunden eine Schau auf dem Parkplatz zu machen, kann man die Vorderachse des Mustangs sperren und die Hinterräder mit den mehr als 530 PS Motorleistung ihrer Gummiverschalung berauben. Ist kompletter Blödsinn und interessiert im Alltag niemanden, der nicht vor der Trinkhalle um die Ecke auf dicke Hose machen will. Das kann man am besten vor Publikum auf der Tribüne, denn im Innenraum ist das Mustang-Ambiente im Laufe der letzten Shelby-Jahre zwar besser geworden, aber alles andere als auf Premium-Niveau. Die analogen Instrumente in den beiden dunklen Höhlen könnten auch aus den späten 80er Jahren stammen und der digitale Bordcomputer zwischen ihnen ist klein und alles andere als ein Hightechdisplay.

Das gilt auch für Schalter und Bedienelemente - die stammen auch beim kleinen Shelby von den normalen Mustang-Versionen und hier spürt man an Haptik und Verarbeitung, dass die dortigen Preise unter 40.000 Dollar beginnen. Das gilt auch für die mechanische Sitzverstellung, die die guten Recaro-Stühle nach unten abwertet.Doch was interessieren derartige Details und das überschaubare Platzangebot im Fond, wenn hier ohnehin niemand sitzt? Für zwei Personen bietet der Ford Mustang ohnehin genügend Platz - auch mit seinem knapp 400 Liter großen Laderaum. Und der Fahrspaß kennt ohnehin kaum irdische Grenzen - gerade durch die grandios amerikanische Symbiose aus V8-Saugmotor und Sechsgang-Handschaltung. Das bietet nicht einmal der große Bruder.

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