Bevor der Rennwagen auch nur einen Meter aus der Boxengasse fährt, vertrauen die Piloten ihm ihr Leben an: dem Rennhelm. Nico Rosberg, Fernando Alonso, Nico Hülkenberg und Susie Wolff setzen dabei auf Hightech und Handwerk der Firma Schuberth aus Magdeburg.

Wenn es heutzutage im Rennsport zu Unfällen kommt, ist die Chance des Überlebens innerhalb der letzten Jahrzehnte gigantisch gestiegen. Der Grund liegt neben dem hochfesten Kohlefasermonocoque des Rennwagens insbesondere bei den modernen Rennhelmen. Vor allem bei hohen und damit gefährlichen Geschwindigkeiten wie in der Formel 1 spielt die Qualität des Kopfschutzes eine zentrale Rolle. Ob Sebastian Vettel, Kimi Räikkönen oder Nico Rosberg – sie alle wollen nur das Beste. Und genau das kommt auch aus Deutschland.

19 Lagen Kohlefaser

Wie sehr sich ein Rennfahrer den Menschen zu Dank verpflichtet sieht, die solch Rennhelme in mühevoller Handarbeit entwickeln, testen und produzieren, ist nicht zuletzt am Besuch des Formel-1-Stars Felipe Massa bei seinem Helmhersteller Schuberth in Magdeburg zu erkennen. Sein Helm hielt im Jahr 2009 einem Einschlag einer auf 270 Kilometer pro Stunde beschleunigten Sprungfeder stand. Sie löste sich während der Qualifikation für den ungarischen Grand Prix von Rubens Barrichellos Brawn-Mercedes und traf den damaligen Ferrarifahrer Massa im vorderen Bereich seines Rennsporthelmes. Zum Unfall, an den er sich nicht erinnert, sagte Massa: “Ihr habt mir das Leben gerettet, ich danke euch.”

Neben dem nun für Williams fahrenden Massa vertrauen in dieser Saison noch die Piloten Nico Rosberg, Fernando Alonso, Nico Hülkenberg und Susie Wolff auf das Handwerk aus Magdeburg. Grundsätzlich ist jeder Helm von außen nach innen ähnlich aufgebaut ist: Außenschale, Innenschale, Komfortpolster, Haltesystem, Visier und auf Wunsch Seitendeckel. Der aktuelle Rennhelm mit dem Namen SF 1 besteht aus bis zu 19 Lagen Kohlefaser und einem Karbon-Aramid-Hybridgewebe, das im Autoklav-Verfahren gepresst wird. Ab 1.350 Gramm wiegt das neueste Schutzhelm-Mitglied der Schuberth-Familie und ist selbstverständlich nach geltendem FIA-Standard zugelassen. Zehn Liter Frischluft pro Sekunde strömen bei einem Tempo von 100 Kilometer pro Stunde in den Helm hinein. Damit das auch klappt, stehen sechs Lufteinlässe am Kopf, zwei am Kinn und zwei am Visier zur Verfügung. Den insgesamt zehn Einlässen stehen sechs Luftauslässe gegenüber. Da die Hersteller von Helmen nicht ständig auf der Rennstrecke ihre Versuche fahren können, verfügen sie heutzutage über hauseigene Windkanalanlagen, in denen im Bereich der Hochleistungsaerodynamik rund um die Uhr geforscht werden kann.

Hilfe von den Stars

Neben den trockenen Forschungsergebnissen sind Hersteller wie Schuberth oder Sebastian Vettels Helm-Hersteller Arai auf die Rückmeldungen und Vorschläge von Rennsportlern angewiesen. Michael Schumacher gehörte zu den wichtigsten Vorantreibern der Sicherheitsaspekte bei der Helmentwicklung. Marcel Lejeune, Geschäftsführer der Schuberth GmbH, denkt mit Dankbarkeit an die erfolgreiche Zusammenarbeit zurück: “Michael Schumacher hat mit seinem großen technischen Sachverständnis und seinen herausragenden analytischen Fähigkeiten wesentlich zur steten Verbesserung unserer Formel-1-Helme beigetragen. Für seine unermüdliche Akribie sind wir ihm sehr dankbar.”

Dass spätestens nach solch einem Moment, wie ihn unter anderem Felippe Massa erleben musste, der Helm zum besten Freund des Rennfahrers wird und aus diesem Grund bei jedem Test und jedem Rennen ein Helmexperte zugegen ist, wundert dabei nicht. Viele Rennfahrer, wie auch Sebastian Vettel, haben es sich in den vergangenen Jahren nicht nehmen lassen, nahezu bei jedem Rennen mit einem anderen Helmdesign anzutreten – die alle per Hand aufgetragen werden. Anhängern dieses Vorgehens, wie auch Lewis Hamilton, wurde zu Beginn der laufenden Saison genau diese Freude genommen. Denn Formel-1-Piloten müssen das ganze Jahr mit einem einheitlichen Helmdesign fahren. Der simple Grund: Die Fahrer sollen dadurch wieder leichter von außen zu erkennen sein.

Alexander Wurz, ehemaliger Benetton-, McLaren- und Williamsfahrer, twitterte direkt nach Verkündung des Urteils: “Ich bin ein Freund von Beständigkeit, aber ernsthaft! Was kommt als nächstes? Regelung für die Frisur?” Dem gegenüber steht Williams-Pilot Felipe Massa: “Der Helm ist dein zweites Gesicht. Ich verstehe nicht, warum man es ständig wechseln muss.” Er bekommt Rückendeckung von einem ganz Großen im Formel 1-Zirkus, Niki Lauda: “Ich finde, dass die Regel Sinn macht. Manchmal kann ich meine eigenen zwei Fahrer nicht unterscheiden.” Solange die Sicherheit sich permanent weiterentwickelt und stets gegeben ist, sollte das farbliche Design doch eigentlich die geringste Rolle im Leben eines Rennfahrers bei Tempo 330 spielen. Oder nicht?