| von Wolfgang Gomoll

Aber ja doch, es gibt sie noch in Indien, die klassische Stufenheck-Limousine - sowohl auf den Straßen als auch in den Schauräumen der Autohändler. Doch auch auf dem Subkontinent sind die Crossover im Kommen. Die Inder stehen auf die erhabene Sitzposition und das Prestige, das so ein SUV ausstrahlt. Nicht ohne Grund werden der lokal produzierte Skoda und VW ein Crossover sein. Dieser Gattung gehört auch in Indien die Zukunft.

Doch die europäischen Autobauer haben die Weisheit nicht exklusiv mit Löffeln gefressen. Auch die Koreaner wissen, wie in Indien der Tiger läuft, und haben mit dem Hyundai Creta bereits einen ersten Erfolg gelandet. Jetzt zieht Kia mit dem Seltos nach, der sich mit dem neuen Creta die Plattform teilt, aber 45 Millimeter länger, 20 Millimeter breiter und 45 Millimeter tiefer als der Konzernbruder ist. Dazu ist der Radstand um zwei Zentimeter länger. Damit kommt der Seltos im Vergleich optisch dynamischer und sportlicher daher und bietet auch im Fond genug Platz. Das ist in Indien auch wichtig, denn selten sitzt man hier alleine im Auto und zum Sonntags-Masala Chai nimmt man gerne die ganze Familie mit.

Der Innenraum mit seinem 10,25-Zoll-Infotainment-Display und den belüftbaren Vordersitzen würde auch im automobilverwöhnten Europa seine Freunde finden. Der große Bildschirm ist aber nicht nur reine Mimikry: Die Einbindung via Apple CarPlay und Android Auto klappt problemlos. Wie detailverliebt die Koreaner das Unternehmen "Eroberung Indiens" angehen, zeigt die Tatsache, dass die englischen Anweisungen des Navigationssystems nicht einfach übernommen, sondern von Indern aufgenommen wurden und daher den landestypischen Akzent haben.

Fast ein Teufelskerl

Auch mit dem Rest der Ausstattung ließe sich westlich von Mumbai und Delhi Staat machen. Der Kia Seltos hat eine 360-Grad-Kamera, Parksensoren vorne, Voll-LED-Licht und hinten und Ledersitze. Dass diese Extras den Basispreis von 989.000 Rupien (etwa 12.800 Euro) nach oben treiben, ist klar. Unser Fahrzeug hatte einen 1,5-Liter-Diesel-Motor, die HTX+ Ausstattung mit einen Bose-Soundsystem, die bereits erwähnten belüfteten Vordersitze sowie eine induktiven Ladeschale und kostete knapp unter 20.000 Euro. Also wachsen auch in Indien die Günstig-Bäume nicht ganz in den Himmel. Aber selbst in der Basiskonfiguration hat der Seltos eine Klimaanlage, Parksensoren hinten und eine Lenkrad-Fernbedienung. Der Schlüssel zu dieser Gleichung, bestehend aus vergleichsweise viel Ausstattung und günstigem Preis, liegt in der lokalen Produktion, die im indischen Werk Anantapur in Andhra Pradesh stattfindet. Diese Lektion haben sie in Wolfsburg und Mladá Boleslav offenbar gelernt. Das Skoda SUV und der VW Taigun, die gegen den Seltos antreten, werden ebenfalls auf dem Subkontinent mit einem Lokalisierungsgrad von angeblich 95 Prozent vom Band laufen.

Das Motto, unter dem Kia mit dem Seltos auf Autofahrer-Fang geht, lautet "erlebt den Teufelskerl". Nun ja, 300 PS werden nicht gerade auf die Straße losgelassen, aber der 1,5-Liter-Diesel mit 85 kW / 115 PS und einer Sechsgang-Handschaltung schlägt sich inmitten der Tuk Tuks, der wuseligen Kleinwagen und Stufenhecklimousinen mehr als wacker. Dass man als böser Junge mal etwas lauter knurrt, liegt am Mangel an Dämmmaterial (irgendwie muss ja der Kampfpreis erreicht werden) und passt ja auch irgendwie zum selbstpostulierten Bad-Boy-Image.

Das Fahrwerk ist ohnehin deutlich mehr auf Komfort als auf Geschwindigkeitsjagd getrimmt und lässt sich auch von einem Schlaglochstakkato nicht aus der Ruhe bringen. Dass selbst bei Schlechtwegestrecken nichts knarzt oder knackt, zeigt ganz einfach, dass auch in Indien die Zeit der Rüttelkisten vorbei ist. Auch da müssen die anderen nachziehen.