"Wenn bislang jemand an unserer Fähigkeit, ein Auto wie dieses hier zu entwickeln, gezweifelt und über uns gelacht hat, dann zeigen wir ihm heute, dass wir es können - das bedeutet mir sehr viel", erklärt Jia Yueting auf der Auto China in Peking. Der 43 Jahre alte Multimilliardär ist Mitbegründer und Chef von LeEco, dem einstigen LeTV. Einem Unternehmen, das gern mit dem Videoportal Netflix verglichen wird und in China in diesem Segment auf dem ersten Rang liegt. Jia Yueting hofft, mit der Präsentation des Konzeptfahrzeugs LeSee China in die Position des Vorreiters in puncto globaler Automatisierung innerhalb der Automobilindustrie zu fahren. Sollte es einmal zur Serienproduktion kommen, wäre der Tesla Model 3 im D-Segment der anvisierte Gegner. Und wo sonst macht der Verkauf von extravaganten Elektrofahrzeugen mehr Sinn, als in einem Land, das von sehr vielen wohlhabenden Superreichen mit einem gesteigerten Interesse an genau diesen Fahrzeugen bewohnt wird und die Politik gerade dabei ist, stinkende Verbrenner aus den Großstädten zu vertreiben.

Der selbstbewusste Chinese erklärt auch gern, warum sein Unternehmen, das neben Elektroautos auch Smartphones und Mountain Bikes verkauft, auf Dauer sogar erfolgreicher als Apple sein wird: "Einer der wichtigsten Gründe, warum Apple hier in China immer weniger verkauft, liegt darin, dass ihre Zahl der Innovationen gesunken ist. Nehmen sie zum Beispiel das iPhone SE. Aus Sicht eines Industrie-Insiders verfügt dieses Gerät über ein sehr geringes Technik-Niveau. Wir glauben, dass sie es besser nicht auf den Markt gebracht hätten. Als ein führendes IT-Unternehmen, sollten mehr bahnbrechende Produkte mit völlig neuer Technologie präsentiert werden." Dramaturgisch perfekt inszeniert rollt genau an dieser Stelle der LeSee auf die Bildfläche. Um seinen Worten ein wenig Nachdruck zu verleihen, befiehlt der außerhalb des weißen und sehr flachen Fahrzeugs stehende Jia Yueting per Smartphone-Sprachbefehl dem Auto von allein einzuparken. Na gut, das kann die neue E-Klasse von Mercedes-Benz auch schon. Doch als sich dann die beiden konservativ angeschlagenen Fronttüren und die beiden Selbstmörder-Fondtüren öffnen wird klar, hier ist ein Visionär mit viel Geld im Rücken am Werk.

Der Innenraum des 209 Kilometer pro Stunde schnellen Konzeptfahrzeugs wirkt im ersten Moment wie ein nicht wirklich zu Ende gedachter, weißer Traum. Die beiden Sitze der ersten Reihe ergeben zwar noch Sinn. Das sich im autonomen Modus zusammenfaltende Lenkrad auch noch und der Außenspiegelersatz durch Kameras ist ebenfalls nicht zum ersten Mal bei einem Auto zu sehen. Doch die Rückbank gibt erst einmal Rätsel auf. Wie soll denn auf den wie ein Steinbruch treppenartig geformten Plätzen je jemand schmerzfrei sitzen? Die Antwort ist recht einfach: Es handelt sich bei dem Martial um ein Formgedächtnispolymere. Soll heißen, der Mitfahrer versink erst einmal förmlich in dem Sitz, der sich perfekt an seine Körperform anpasst. Ihm steht in diesem Zustand ein individualisiertes Entertainmentsystem zur Verfügung. Entsteigt er seinem Sitz, verhält sich der nicht wie eine alte Couch und bleibt in seiner Form. Nein, er nimmt wieder genau dieselbe Form ein, die er zuvor beim ersten Anblick bot.

Werk wird bereits gebaut

Neben dem wolkengleichen Sitzgefühl bietet das von der Front- bis zur Heckscheibe reichende Glasdach einen selten zuvor erlebten Ausblick. Zugleich soll die gewaltige Windschutzscheibe eine bis heute noch nie dagewesene erweiterte Realität, kurz AR für augmented reality, bieten. Möglich macht dies die Tatsache, dass das gesamte Fahrzeug und jeder verbaute Bildschirm direkt mit dem Internet verbunden sind."Wir glauben, dass ein Auto ein smartes, mobiles Endgerät auf vier Rädern ist - im Grund nichts anderes, als ein Handy oder ein Tablet", schwärmt Jia Yueting. Dazu gehöre auch "neben dem vollautomatisierten und vollelektrischen Fahren, die Möglichkeit anhand von Gesichts- und Gestik-Erkennung selbstständig dazuzulernen." Und was soll das spaßige, super elektronische Ökosystem, was Le Super Electric Ecosystem, kurz LeSee ,frei übersetzt bedeuten soll, am Ende kosten? "Unser Auto-Preismodel wird dem von Handys ähneln. Irgendwann werden unsere Autos sogar völlig umsonst sein", verrät Jia Yueting.

Die Software des induktiv wiederaufladbaren LeSee soll aus China kommen, das Auto selbst würde beim Tochterunternehmen Faraday Future produziert werden. Die Batterien und Elektromotoren stammen aus einer Kooperation von Aston Martin und Faraday Future. Ein eine Milliarde teures Werk wird gerade nahe Las Vegas errichtet. Das erste Fahrzeug der Marke Faraday Future, ein SUV, soll dort bereits im kommenden Jahr auf die Straße gebracht werden. Doch dabei wird es laut Jia Yueting nicht bleiben. Ein Kleinserien-Supersportler wird folgen. Der LeSee könnte zu Beginn in Form eines Taxis auf den Markt kommen, das über seine unkonventionell geformte Frontpartie per Lichtzeichen signalisiert, ob es frei oder bereits besetzt ist.